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Aufklärung der NS-Verbrechen : Das Scheitern des letzten Versuchs

  • -Aktualisiert am

Der Eingang des ehemaligen Nazi-Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau im polnischen Oswiecim Bild: dpa

Der ehemalige SS-Wachmann Ernst T. sollte in Hanau vor Gericht stehen. An Menschen wie ihm will die Justiz gutmachen, was sie jahrelang versäumte. Das ist problematisch.

          Der Kaufmann Franz Ruprecht war Häftling in Auschwitz, und er sagt Gutes über den ehemaligen SS-Wachmann Ernst T., so weit das eben geht. Ruprecht war während des Zweiten Weltkrieges Ende 20, also etliche Jahre älter als viele der SS-Männer, die ihn in Auschwitz bewachten, älter auch als Ernst T. Der Häftling Ruprecht und der SS-Sturmmann T. trafen sich in der Poststelle des Konzentrationslagers, das legen die Aussagen von Ruprecht im Frankfurter Auschwitzprozess 1964 nahe und die Akten, die sich zu T. noch auftreiben lassen.

          T. wurde demnach Ruprechts Kommandoführer, der SS-Mann sollte also auf die in der Poststelle arbeitenden Häftlinge aufpassen, und anfangs, so Ruprecht, habe der „Bursche“ keine Ahnung gehabt. „Mir haben sie doch erzählt, dass hier lauter Verbrecher sind“, soll T. damals zu Ruprecht gesagt und sich an seiner Pistole festgehalten haben. „Sie sind jung“, will Ruprecht nur entgegnet haben, und am Ende sei es mit T. so gewesen wie mit vielen SS-Männern, die mit 18, 19 Jahren in das Lager kamen: „Er hat tatsächlich erkannt, dass das ein Verbrechen war, was man dort mit den Leuten getrieben hat. Der kam rein in die Mühle, es gab kein Zurück.“

          Individuelle Schuld müsse nachgewiesen werden

          Alles, was Ernst T. zu seiner Zeit in Auschwitz zu sagen gehabt hätte, zu seiner Verantwortung am Massenmord, wird ungesagt bleiben. T. war vor dem Landgericht Hanau wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 1075 Fällen angeklagt, nächste Woche sollte sein Prozess beginnen. Am Donnerstag wurde der 93 Jahre alte Mann tot in seinem Haus in Langenselbold gefunden. Der Obduktion seines Leichnams zufolge ist er eines natürlichen Todes gestorben, wie es geschehen kann in dem Alter, und doch ist sein Ableben alles andere als banal: Seit Jahrzehnten hat die deutsche Justiz es versäumt, die Helfer der NS-Tötungsindustrie zu verfolgen und ihnen die Frage aufzuzwängen: Was um alles in der Welt habt ihr da gemacht, in Auschwitz, Treblinka und Sobibor? Jetzt sind die meisten von ihnen tot oder dement oder sterben, bevor ihr Prozess beginnt.

          Wie konnte es so weit kommen? Aus Desinteresse, urteilt das Internationale Auschwitz Komitee. Weil sich erst mit einem Urteil 2011 alles geändert hat, sagen Juristen. Weil wir zu feige waren, sagen andere Juristen. Es ist noch lange nicht ausgefochten, was davon stimmt. Und ungewiss, ob es jemals so weit kommen wird. Jens Rommel beschäftigt sich jeden Tag mit den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten, und er weiß, dass das nutzlos sein könnte. „Der Fall T. hat gezeigt, wie sehr wir gegen die Zeit arbeiten“, sagt er. Rommel leitet die Zentralstelle zur Aufklärung der NS-Verbrechen in Ludwigsburg, und dort wissen sie eigentlich schon lange, dass Menschen wie Ernst T. in Auschwitz waren. Die Ermittler sahen aber lange keine Chance, einfache SS-Wachleute anzuklagen. Grund dafür war ein Urteil des Bundesgerichtshofs von 1969. Der hatte nach den Auschwitzprozessen in Frankfurt entschieden: Niemand könne allein dafür verurteilt werden, dass er dabei war. Es brauche eine konkrete Tat, eine individuelle Schuld.

          Von Vernichtungslagern und anderen Lagern

          Im Mai 2011 wurde diese Regel gebrochen, im Urteil gegen John Demjanjuk. Dem ehemaligen Wachmann im Vernichtungslager Sobibor konnte zwar keine persönliche Grausamkeit nachgewiesen werden, aber das Landgericht München verurteilte ihn trotzdem wegen Beihilfe zum Mord an 28.000 Juden zu fünf Jahren Haft. Weil er „Teil der Vernichtungsmaschinerie“ gewesen sei. Nach dem Urteil fassten die Juristen in Rommels Zentralstelle neuen Mut und ermittelten 30 noch lebende Wachleute von Auschwitz-Birkenau. Ernst T., der in Hanau vor Gericht stehen sollte, war einer davon. Weil aber auch John Demjanjuk starb, bevor sein Urteil vom Bundesgerichtshof geprüft werden konnte, blieb die juristische Ratlosigkeit so groß, wie sie war: Wie einen einzelnen Menschen, ein Rädchen im Getriebe, für etwas in der Dimension des Holocausts anklagen?

          Die Justiz, in der ihr eigenen Art und Notwendigkeit, auch das größte Grauen noch zu differenzieren, unterscheidet zwischen den Vernichtungslagern der Nazis und anderen Lagern, in denen auch Zwangsarbeiter lebten. Bei Sobibor ist der Fall dieser Definition nach klar: Jeder, der dort ankam, sollte sterben. Und jeder, der dort Wache schob, tat daran mit. Aber schon bei Auschwitz wird es schwierig. Der organisierte Massenmord mit der Vergasung Hunderttausender geschah in Birkenau. Zu Auschwitz gehörten aber auch das Stammlager und Monowitz, ebenfalls ein Arbeitslager.

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