https://www.faz.net/-gzg-7aveh

Ernst-Reuter-Schule Frankfurt : „Sondern sogar miteinander leben“

Die Ernst-Reuter-Schule II heute: Schüler verkaufen fair gehandelte Waren. Bild: Dreisen, Linda

Die Ernst-Reuter-Schule in der Nordweststadt wird 50 Jahre alt. In ihrer Geschichte spiegeln sich Stadtentwicklung und Bildungsaufbruch. Zum Jahrestag findet am Samstag eine Feierstunde statt.

          2 Min.

          „Knoblauchduft liegt in der Luft, und Rockmusik dröhnt durch die Schulgänge, die Spieltische sind dicht umlagert.“ So berichtet eine Nachrichtenagentur 1984 bundesweit über den „alternativen Unterricht“ der streikenden Ernst-Reuter-Schüler. Für einen hiesigen Leser nicht weiter bemerkenswert, gehörten Experimente und Protest doch von jeher zur Integrierten Gesamtschule in der Nordweststadt. Doch als Mitte der Achtziger Jahre wieder einmal gestreikt wird, geht es laut Agentur ums Ganze: Die CDU-Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung habe die Auflösung der Schule beantragt, das von der SPD geführte Kultusministerium zugestimmt. Die bekannteste der damals erst vier Integrierten Gesamtschulen in Hessen stehe vor dem Aus.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dabei hatte das Projekt so hoffnungsvoll begonnen. „In der künftigen Nord-West-Stadt ließe sich womöglich eine große Schulanlage einrichten, in der alle drei Schularten nicht nur neben, sondern sogar miteinander leben.“ 1960, als Schuldezernent Theo Gläß, diesen kühnen Blick in die Zukunft warf, gab es den Stadtteil lediglich auf dem Reißbrett und die zugehörige Schule nur in den Köpfen der Bildungsreformer. Doch dabei blieb es nicht: Drei Jahre später wurde die Nordweststadtschule in provisorischen Baracken als Bildungsstätte von der ersten Klasse bis zum Abitur eröffnet.

          1972 wurde die Ernst-Reuter-Schule II gegründet

          Entsprechend des Wachstums der, wie es hieß, „Trabantenstadt“ entwickelte sich die Schülerzahl: Von anfangs 98 auf 2000 im Jahr 1968. Als es 1972 schließlich 3000 waren, wurde die Ernst-Reuter-Schule II gegründet. Nach dem früheren Berliner Oberbürgermeister benannt worden war die Nordweststadtschule 1968. Vor allem in den siebziger und achtziger Jahren waren die Ernst-Reuter-Schulen als Modell- und Experimentalschulen weit über die Stadtgrenzen bekannt.

          In der Nordweststadt manifestierten sich die Umbrüche und Konflikte der Zeit: Die „kollegiale Schulleitung“, die von den Lehrern gewählt wurde, wollte mit der Bildung auch die Gesellschaft verändern. Konservative Politiker wiederum forderten, die „närrischen Zustände“ zu beenden und die Leitung abzusetzen. Solche Auseinandersetzungen sind, ebenso wie die kollegiale Schulleitung Geschichte. Manche Innovationen von damals wirkten aber bis in die Gegenwart, sagt Monika Schmidt-Dietrich, die Leiterin der Ernst-Reuter-Schule I.

          Integrativer Unterricht seit Beginn der 90er-Jahre

          Die progressive Lehrerschaft habe pädagogisch und konzeptionell vieles auf den Weg gebracht, das auch in der heutigen Bildungsforschung anerkannt sei: Kooperation der Lehrer in Teams, anregendes Schulklima, Förderung aller, denen das Abitur nicht in die Wiege gelegt wurde, kooperative Lernformen und Stärkung der Schülerpersönlichkeit. Dazu gehört seit Beginn der neunziger Jahre auch der integrative Unterricht an der Ernst-Reuter-Schule II, bei dem behinderte und nichtbehinderte Schüler gemeinsam lernen.

          Die damalige Sorge, die Schule werde aufgelöst, war also unbegründet. Richtig ist allerdings, dass die Ernst-Reuter-Schule I seit 1984 ein reines Oberstufengymnasium und die Ernst-Reuter-Schule II eine Mittelstufenschule ist. Auch dies entsprach der Zeit: Nach dem Bau- und Kinderboom der sechziger Jahre zogen kaum noch junge Familien in die Nordweststadt, die Schülerzahl ging zurück. Trotzdem haben die Schulen zusammen auch heute noch 1900 Schüler. Wäre die Kapazität nicht begrenzt, könnten es noch mehr sein, sagt Schmidt-Dietrich: Die Zahl der Anfragen übersteige die der Plätze bei weitem.

          Eine Feierstunde mit früheren Schülern findet heute, Samstag, 29. Juni 2013, von 17 Uhr an in der Aula statt. Danach ist ein Fest mit Musik und Führungen geplant.

          Weitere Themen

          Die Erstbesteigung des neuen Goetheturms

          Voreröffnung : Die Erstbesteigung des neuen Goetheturms

          Der neue Goetheturm ist fertig: Am Freitag durften die ersten Besucher für eine Vorbesichtigung hinauf auf die Plattform oberhalb Sachsenhausens. Die Öffentlichkeit hat ab Oktober Zutritt zum wieder aufgebauten Frankfurter Wahrzeichen.

          Warum sich jetzt mehrere Bewegungen zusammenschließen Video-Seite öffnen

          Klimaprotest in Frankfurt : Warum sich jetzt mehrere Bewegungen zusammenschließen

          Die Fridays for Future hat weltweit zu Demonstrationen aufgerufen. 2.300 Frankfurter folgten dem Aufruf unter dem Motto „There is no Planet B“. Am Freitagnachmittag fanden sich jedoch verschiedene Gruppen in der Innenstadt zusammen, um gemeinsam zu protestieren. Antrieb ist ein gemeinsamer Feind.

          Topmeldungen

          Pandemie in der Luft: Eine Flugbegleiterin auf einem Flug von Kairo nach Scharm al Scheich

          Reisewarnungen wegen Corona : Wie wird eine Region zum Risikogebiet?

          Das Auswärtige Amt tüftelt an den neuen Regeln für Reisen während der Corona-Pandemie. Einige Warnungen könnten wegfallen. Aber das ist kein Grund für allzu große Freude mit Blick auf Herbst- und Winterferien.
          Ein Foto Alexej Nawalnyjs mit seiner Frau Julia, das der russische Oppositionspolitiker am 25. September auf Instagram postete.

          Fall Nawalnyj : Der Kreml verstrickt sich in Widersprüche

          Die russische Regierung macht unterschiedliche Angaben zum Fall Nawalnyj. Dabei hat Präsident Wladimir Putin die Vergiftung mit Nowitschok nun bestätigt – indirekt.

          Klimastreik in Frankfurt : „Die Normalität ist pervers“

          Fridays for Future will sich breiter aufstellen: Mit anderen Gruppen demonstrieren die Klimaschützer nun als „intersektionales Bündnis“ gegen Kapitalismus, Kolonialismus, Rassismus und Sexismus.
          Luis Suárez feiert 2019 sein Tor beim Spiel Barcelona gegen Dortmund.

          Sprachtests für Fußballer : Italienisches Eigentor

          Luis Suárez stand kurz vor einem Wechsel zu Juventus Turin. Nur einen Sprachtest musste der uruguayische Stürmer zuvor noch absolvieren. Dann funkten die italienischen Behörden dazwischen – mit peinlichen Folgen für die Universität, den italienischen Verein und den Spieler.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.