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Ernst-May-Haus in Frankfurt : Günstiges Wohnen wie vor 90 Jahren

Farbenfroh: Die Moderne war bunt, wie das Ernst-May-Haus zeigt. Bild: Wolfgang Eilmes

Das Ernst-May-Haus in Frankfurt ist im Originalzustand von 1928 – und wirkt erstaunlich jung. Denn die Häuser, die für Arbeiterfamilien gebaut wurden, waren ihrer Zeit weit voraus.

          Auf der Konsole im Badezimmer liegt ein „Blockstück Dreiring-Seife“. Neben der Spüle in der Frankfurter Küche steht ein Päckchen „Ata Putz- und Scheuermittel“. Die Milchglaslampen werden mit altertümlichen Drehknöpfen angeschaltet. Und im Küchenregal gibt es Schubfächer für Suppenteig, Graupen und Paniermehl. Wer über die Schwelle des Ernst-May-Hauses tritt, macht eine Zeitreise. Es geht mehr als neunzig Jahre zurück, genauer gesagt ins Jahr 1928.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          An der Straße Im Burgfeld in der Siedlung Römerstadt hat die Ernst-May-Gesellschaft ein unter dem mächtigen Stadtbaurat errichtetes Haus in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Lange wurde nach einem passenden Gebäude gesucht, das die 2003 von Architekten und Kunsthistorikern gegründete Gesellschaft als Musterhaus herrichten wollte, um das Wirken Mays zu dokumentieren und zu bewahren. Im Burgfeld 136 wurde die May-Gesellschaft schließlich fündig. Das Haus war gut erhalten und noch nicht stark umgebaut worden. Die städtische Wohnungsgesellschaft ABG, der die Siedlung Römerstadt gehört, vermietete das Reihenhaus 2005 an die May-Gesellschaft, die an dieser Stelle nun ein kleines Architekturmuseum betreibt.

          Konzept für eine Kleinfamilie

          Das Haus selbst ist dabei das eigentliche Exponat. Bis 2009 wurde es denkmalgerecht wiederhergerichtet. Die Restauratoren, Architekten und Kunsthistoriker gingen bei der Sanierung akribisch zu Werke. Sie trugen Tapetenschichten ab und analysierten den Putz. Unter dem Teppich fanden sie Reste des alten, braunen Linoleums, hinter abwaschbaren Tapeten den Wandbehang der ersten Jahre. Hellblaue Fensterrahmen und ein gelbes Treppenhaus zeigen, wie farbenfroh die May-Ära war. Dunkelgrün sind die Schränke in der von Margarete Schütte-Lihotzky gestalteten, nur acht Quadratmeter großen Frankfurter Küche, die auf kurze Arbeitswege setzt. Der gusseiserne Herd war in einem bemitleidenswerten Zustand und wurde mühsam restauriert.

          Moderne Technologie: Stromzufuhr und Zentralheizung

          Das zweistöckige Reihenhaus mit Flachdach hat fünf Zimmer und wurde einst für eine Kleinfamilie konzipiert. Außer einem Esszimmer und einem Wohnraum gab es zwei Schlafzimmer für Eltern und Kinder und eine Kammer für ein Dienstmädchen. Die Fenster waren einfach verglast. Auch die ursprünglichen Türen samt Beschlägen sind erhalten. Die Räume wurden authentisch möbliert. Anwohner und die Universität stellten Originalmöbel aus der Entstehungszeit zur Verfügung, die von Ferdinand Kramer und Franz Schuster gestaltet worden waren. Die Einrichtung atmet den Geist der Neuen Sachlichkeit. Die Zimmer wirken nüchtern, fast unbequem und ganz und gar nicht gemütlich. Auch der Nutz- und Ziergarten wurde rekonstruiert.

          Das Haus war bei seinem Bau technisch auf einem modernen Stand. Es gab eine Zentralheizung im Keller, die mit Kohle betrieben wurde, Strom – die Römerstadt war die erste vollelektrifizierte Siedlung Deutschlands – und sogar ein Radio. Weil die Baukosten gestiegen waren, wurde das Neue Frankfurt in der Römerstadt allerdings seinem sozialen Anspruch, Wohnraum für das Existenzminimum zu bieten, nicht gerecht. Arbeiterfamilien konnten sich die Miete von 100 Reichsmark nicht leisten. Der Mittelstand zog in die Siedlungshäuser.

          Ernst-May-Haus in Frankfurt

          Das Ernst-May-Haus, Im Burgfeld 136, ist Dienstag bis Donnerstag von 11 bis 16 Uhr und Samstag und Sonntag von 12 bis 17 Uhr geöffnet.

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