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Mord an Susanna : Ali Bashar gesteht Tötung, bestreitet Vergewaltigung

  • -Aktualisiert am

Auf dem Weg ins Wiesbadener Polizeipräsidium: Ali Bashar ist der Haftbefehl eröffnet worden. Bild: Helmut Fricke

Der Hauptverdächtige im Fall der getöteten 14-jährigen Susanna sitzt in Untersuchungshaft. Die Ermittlungsrichterin sah den dringenden Tatverdacht gegen den 20 Jahre alten Iraker als gegeben an. Auch Kanzlern Merkel äußerte sich.

          Der mutmaßliche Mörder von Susanna F., Ali Bashar, sitzt in Untersuchungshaft. Er hatte am Sonntag umfassend vor der Ermittlungsrichterin in Wiesbaden ausgesagt. Nachdem er am Samstagabend aus dem Irak zurück nach Wiesbaden gebracht worden war, ist ihm am Sonntagabend der Haftbefehl eröffnet worden. Die Ermittlungsrichterin sah den dringenden Tatverdacht gegen den 20 Jahre alten Iraker als gegeben an. Am Sonntagabend wurde er in die Justizvollzugsanstalt Frankfurt-Preungesheim gebracht.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Vernehmung Bashars dauerte sechs Stunden an. Nach Angaben der Polizei hat Ali Bashar dabei gestanden, Susanna F. getötet zu haben. Die Vergewaltigung habe er jedoch bestritten. Bashar gab als Motiv für seine Tat an, dass das Mädchen sich nach einem Sturz Verletzungen im Gesicht zugezogen habe, er habe befürchtet, sie wolle die Polizei darüber informieren.

          Wie aus Ermittlerkreisen zu hören war, hat die Polizei unabhängig von der Aussage des Beschuldigten zahlreiche Indizien, dass Bashar die Tat begangen hat. Unter anderem sollen Kleidungsstücke des Opfers in seinem Zimmer in der Flüchtlingsunterkunft in Wiesbaden-Erbenheim sichergestellt worden sein.

          Wie die irakischen Behörden schon am Samstag mitgeteilt hatten, soll Bashar in einer ersten Befragung im Irak kurz nach seiner Festnahme den Mord gestanden haben. Demnach sei er mit Susanna F. in der Nacht zum 23. Mai in Streit geraten. Laut Obduktion wurde das Mädchen erdrosselt. Die im Irak getätigte Aussage ist allerdings für das Strafverfahren in Deutschland nicht verwertbar.

          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich nach dem Tod von Susanna für schnellere Abschiebungen abgelehnter Flüchtlinge ausgesprochen. „Der Fall zeigt doch, wie wichtig es ist, dass die Menschen, die keinen Aufenthaltsstatus haben, schnell ihr Verwaltungsgerichtsverfahren bekommen und schnell wieder nach Hause geschickt werden können, sagte sie am Sonntag in der ARD-Sendung „Anne Will“. Ali Bashar hatte gegen die Ablehnung seines Asylbescheids Rechtsmittel eingelegt und damit seine Abschiebung über Monate verhindert.

          Unklar ist auch noch, ob nach der Aussage Bashars vor der Ermittlungsrichterin der dringende Tatverdacht gegen den 35 Jahre alten Türken wieder erhoben wird. Der Mann, der ebenfalls in einem Flüchtlingsheim in Wiesbaden-Erbenheim untergebracht war und ein Freund von Ali Bashar gewesen sein soll, wurde, wie berichtet, am Mittwochabend festgenommen. Es bestand der Verdacht, dass er sich an der Vergewaltigung und dem Mord beteiligt hat. Einen Tag später wurde der Haftbefehl gegen den Mann wieder zurückgezogen, weil sich laut Staatsanwaltschaft neue Erkenntnisse ergeben hätten, die den dringenden Tatverdacht nicht mehr rechtfertigten. Der Fünfunddreißigjährige wurde aber nach wie vor als Beschuldigter geführt.

          Überdies stellen sich noch weitere juristische Fragen. So hängt die Forderung von Angela Merkel, den Mord an Susanna F. „entschieden zu ahnden“, ganz wesentlich davon ab, welches Recht anzuwenden ist. So ist nicht ausgeschlossen, dass geprüft werden muss, wie alt Ali Bashar tatsächlich ist. Das Alter ist für das weitere Verfahren von großer Bedeutung. Bisher geht die Staatsanwaltschaft davon aus, seine Angaben zur Identität seien korrekt gewesen. Danach ist er 20 Jahre alt, laut Gesetz „Heranwachsender“. Ob er noch nach Jugend- oder schon nach Erwachsenenstrafrecht zu beurteilen ist, wäre dann vom Grad seiner „sittlichen und geistigen Entwicklung“ abhängig. Die Unterschiede sind enorm: Würde das Urteil auf Mord lauten, wäre die Strafe für den Angeklagten lebenslänglich, wenn man ihm die entsprechende Reife bescheinigt, ansonsten wäre sie auf zehn Jahre Jugendstrafe begrenzt.

          Ob die Staatsanwaltschaft daran zweifelt, dass Bashar korrekte Angaben zu seinem Alter gemacht hat, ist offen. Nötig wäre dann, wie bei den Tötungsdelikten in Freiburg, Kandel und Darmstadt, die offenbar oder mutmaßlich ebenfalls von Flüchtlingen begangen wurden, eine gerichtsmedizinische Untersuchung. Wäre Bashar aufgrund eindeutiger Erkenntnisse schon 21 Jahre alt oder sogar älter, wäre er uneingeschränkt strafbar.

          Bashar war nach Mitteilung der Polizei im Herbst 2015 über die sogenannte Balkan-Route nach Deutschland gekommen und in der Erstaufnahme-Einrichtung Gießen registriert worden. Ob er amtliche Dokumente seines Heimatlandes bei sich hatte oder erklärte, er habe sie während der Flucht verloren, ist eine weitere bisher ungeklärte Frage.

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