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„Herdanziehungskraft“ : Warum Gerda gegen die Tränen half

Zum Erinnern und Staunen: Die Ausstellung „Herdanziehungskraft“ zeigt Kochutensilien von einst. Bild: Marcus Kaufhold

Im Hessenpark in Neu-Anspach zeigt die Ausstellung „Herdanziehungskraft“ die Kulturgeschichte der Küche. Verweilen die Besucher an Hörstationen, werden Erinnerungen wach.

          3 Min.

          Es kommt alles wieder, könnte die Steinzeit-Sippe denken, wenn bei einer Party wieder einmal die Küche der beliebteste Platz ist. Haben wir nicht schon immer alle ums Feuer gehockt? Natürlich gab es gehobene Stände, in deren Schlössern und Villen alle häuslichen Tätigkeiten unsichtbar abzulaufen hatten. Aber die Küche ist ein besonderer Ort. Die Wortspielerei, die der aktuellen Sonderausstellung im Hessenpark ihren Namen gibt, könnte man auch wörtlich nehmen: „Herdanziehungskraft“.

          Bernhard Biener
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Die Schau ist zusammen mit Verbundpartnern des Hessenparks unter Federführung der Domäne Dahlem in Berlin entstanden und widmet sich der kulturhistorischen Bedeutung von Küche und Kochen. Das Grundbedürfnis nach Nahrungsaufnahme, so zeigt es der Rundgang, hat der moderne Mensch schon bald um Anforderungen ergänzt, die sich mit zwei etwas aus der Mode gekommenen Wörtern beschreiben lassen: bekömmlich und schmackhaft.

          „Musterbeispiel für Effizienz und Ingenieurskunst“:

          Die Technik spielt dabei von Anfang an eine große Rolle. Der Kesselhaken sorgt dafür, dass über der offenen Feuerstelle nichts anbrennt. Im 19. Jahrhundert verbreitet sich der kleinformatige eiserne Herd mit eingebautem Ofen. Er bietet mit seinen verschiedenen Ringeinsätzen die Möglichkeit, zur selben Zeit in verschieden großen Töpfen zu kochen. Das eröffnet die Chance für größere Auswahl und Raffinesse. Aber er wird nicht nur „Sparherd“ genannt, sondern auch „Küchenmaschine“. Es deutet sich ein Prinzip an, für das viele Exponate der Schau stehen: Das Ideal der hohen Kochkunst soll mit möglichst geringem Aufwand erreicht werden. Am Ende der Entwicklung steht wohl der gleichzeitige Boom von Kochsendungen und Fast-Food-Restaurants.

          Als „Musterbeispiel für Effizienz und Ingenieurskunst“ darf die Erwähnung der von 1926 an entstandenen Frankfurter Küche nicht fehlen. Mit wissenschaftlicher Akribie waren mit der Stoppuhr die Zeiten für die verschiedenen Arbeitsabläufe und Wege gemessen worden. Nostalgische Erinnerungen weckt bei Älteren wohl die Einbauküche von 1960 mit ihren Schrankflächen in Blassgelb, Blassblau und Blassrosa. Übersicht heißt das Ideal, während der ältere Küchenschrank mit seinen vielen Klappen und Schublädchen eher ungeahnte Entdeckungen verspricht. Jedenfalls für den, der nicht täglich damit umgeht.

          Eindeutig, wer in der Küche stand

          Nicht nur die Hörstationen, an denen junge und ältere Leute erzählen, was die Küche für sie bedeutet oder wie ihre Traumküche aussähe, lenken den Blick auf die soziologische Seite des Geschehens am Herd. „Der größte Schatz für einen Mann ist eine Frau, die Kochen kann“, steht auf einem Paradetuch. Solche bestickten Tücher waren als Wandschmuck beliebt. Kaum vorstellbar, sie in die heutige Zeit zu übertragen. Und doch, im ersten Obergeschoss hängt eine moderne Variante. „Denk global, iss regional“ heißt der von Geschlechterklischees befreite Sinnspruch des 21. Jahrhunderts.

          „Heizmixer“: Der Vorgänger vom heutigen Thermomix. Bilderstrecke
          „Herdanziehungskraft“ : Sonderausstellung im Hessenpark

          Auf die Frage, wer in der Küche steht oder stand, geben auch die Küchenhelfer eine eindeutige Antwort. Sie finden sich unter dem Dach der im Inneren modern ausgebauten Ausstellungsscheune. Dort liegen der Zwiebelhacker „Gerda“ oder der schon aus den zwanziger Jahren stammende Quirl „Frauenstolz“. Dessen hölzernes Ende wirkt geradezu bedrohlich. Sein Name macht den um 1950 auf den Markt gekommenen „Schneidboy“ zu einer Ausnahme. Das klingt schon fast erotisch und passt zur geschwungenen, handschmeichlerischen Form. Gestalterisches Vorbild ist jedoch eindeutig der klassische Kotflügel oder das Rad am starren Fahrgestell älterer Flugzeuge. Statt eines Reifens dreht sich unter dem weißen Kunststoff eine Rolle mit fünf Edelstahlklingen, die Zwiebeln, Kräuter oder Kohl in Streifen schneiden.

          „Tutti-Frutti“, „Rührfix“ und „VM 2000“

          Andere Helfer wie die Saftpresse „Tutti-Frutti“, das Rührgerät „Rührfix“ oder das Passiergerät „Flotte Lotte“ haben sprechende Namen. Der „Küchen-Robot“ zum Schälen, Reiben, Hobeln deutet schon wieder an, dass bei aller Liebe zum Kochen die nötigen Küchenarbeiten verzichtbar sind. Diesem Ideal scheint manches heutige Hochtechnologie-Gerät schon sehr nahe zu kommen. Der Vorläufer dazu war der „VM 2000“, dessen Bezeichnung auf die Zukunft weist. In seinem Baujahr 1971 jedenfalls. Der „Heizmixer“ kombinierte zwei völlig unterschiedliche Arbeitsabläufe – 40 Jahre bevor daraus der Thermomix wurde.

          Die Sonderausstellung durfte wie der Hessenpark wegen der Corona-Pandemie erst später als vorgesehen öffnen. Besucher konnten jedoch auf der Internetseite www.hessenpark.de einen sehr ansehnlichen virtuellen Rundgang unternehmen und sich am heimischen Bildschirm durch die Ausstellungsebenen klicken. „Wir hatten das Prinzip voriges Jahr getestet und waren vorbereitet“, sagt Museumsleiter Jens Scheller. Doch diese Möglichkeit hat das Museum am Donnerstag von seiner Seite genommen. Grund ist eine andere aktuelle Entwicklung – das Urteil des Europäischen Gerichtshof zur Datenweitergabe zwischen der EU und den Vereinigten Staaten unter dem Stichwort „Privacy Shield“.

          Im Vertrag mit der Agentur, die den virtuellen Rundgang erstellt habe, gebe es einen davon betroffenen Passus, so Scheller. Dafür suche man jetzt eine Lösung. Zumindest der persönliche Besuch aber ist inzwischen möglich. Und mit der Fotoausstellung „Mahlzeit Deutschland“ des Berufsverbands Freelens gibt es am Marktplatz des Freilichtmuseums gleich noch eine weitere Gelegenheit, sich mit dem Thema Essen auseinanderzusetzen. Bevor man womöglich im dortigen Gasthaus einkehrt.

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