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Twitter-Gewitter : Steinbach, Schmidt und die Ausländer

  • -Aktualisiert am

Provokateurin: Angesichts von Erika Steinbachs Tweet zum Tode Helmut Schmidts machten viele Twitter-Nutzer große Augen. Bild: Helmut Fricke

Mit ihrem Tweet zum Tod von Alt-Kanzler Helmut Schmidt bringt Erika Steinbach viele gegen sich auf. Vielen gefällt ihre Meinung aber auch.

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          Vielleicht hat sich Erika Steinbach gedacht: „Jetzt haue ich endlich mal einen Tweet raus, der richtig viele ,Gefällt-mir-Herzen’ bekommt.“ Vielleicht hat die CDU-Bundestagsabgeordnete aber auch gar nicht besonders viel gedacht. Getippt hat sie jedenfalls, und zwar ziemlich schnell am Dienstagnachmittag, da war der Tod Helmut Schmidts erst ungefähr eine Stunde bekannt. Die 72 Jahre alte Frankfurterin versendete über den Kurznachrichtendienst Twitter folgende Nachricht: „Altkanzler Helmut Schmidt ist tot. Wir haben in unserer Fraktionssitzung seiner in Respekt gedacht.“

          So weit, so gut. Doch hängte Steinbach, die auch mit Tweets wie „Wer durch des Argwohns Augen schaut, sieht Raupen selbst im Sauerkraut!“ und „Unglaublich die Blühfreude der Rosen selbst noch im Oktober!“ samt Blumenbild mehr als 9000Follower beglückt, dann noch ein Zitat samt Schmidt-Foto und dem Satz an: „Wir können nicht mehr Ausländer verdauen, das gibt Mord und Totschlag.“

          „Kann sich Nachrufer nicht aussuchen“

          Nach Steinbachs Angaben hat der damalige Bundeskanzler diesen Satz auf einer Veranstaltung des Deutschen Gewerkschaftsbunds 1981 gesagt. Leider verriet Steinbach nicht, warum die Todesnachricht Anlass für die Erinnerung an diesen Satz sein könnte. Aber das ist womöglich auch zu viel verlangt von einer Frau, die seit Dezember 2011 gut 16100Tweets verschickt hat, rechnerisch also mehr als zehn am Tag, da kann vorher nicht immer erst aufwändig gedacht werden. Mit dem kurz nach dem Anschlag auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ verschickten Kurznachricht „Nur katholische Kirche kritisieren, sonst lebensgefährlich“, hatte Steinbach das schon einmal bewiesen.

          Die prompte Reaktion im Netz kam auch diesmal: ein Twitter-Gewitter. „Man kann sich seine Nachrufer eben nicht aussuchen“, schrieb einer. „Sie sind doch jetzt hoffentlich der Satireaccount, oder? Das grenzt doch an Verunglimpfung, und das heute! Respektlos“, ein anderer. Ein Dritter riet: „Bitte konsultieren Sie bei nächster Gelegenheit Ihren Arzt.“ Und eine Dame teilte mit: „Irgendjemand sollte Erika Steinbach das Internet wegnehmen.“ Inzwischen hat sich die Staatskanzlei Hessen in die Twitter-Diskussion eingebracht und zitiert Hessens Ministerpräsidenten Volker Bouffier.

          Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) fasste sich per Tweet kurz: „Geschmackloser geht’s nicht!“ Der hessische SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel twitterte: „Missbrauch von Helmut Schmidts Tod durch Erika Steinbach ist ungeheuerlich, pietätlos und schamlos. Konservative ohne jeden Funken Anstand!“ Und der Frankfurter Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour von den Grünen fragte: „Sie finden es nicht pietätlos, Ihre politischen Forderungen mit dem Tod eines gerade erst Verstorbenen zu verquicken?“

          Nein, das findet Erika Steinbach nicht. Auch am Mittag danach verteidigt die Politikerin ihren Tweet. Dieser Zeitung sagt sie: „Das war nicht pietätlos gemeint, sondern in Respekt.“ Schmidt, den sie immer sehr geschätzt habe, habe stets unverblümt seine Meinung gesagt und sich nicht den Mund verbieten lassen. Ein wichtiges Thema für ihn sei stets die Zuwanderung gewesen, einer multikulturellen Gesellschaft habe er sehr kritisch gegenüber gestanden.

          Sie habe in einer dreistündigen Debatte der CDU-Bundestagsfraktion über das Flüchtlingsthema gesessen, als die Todesnachricht gekommen sei, sagt Steinbach. „Da habe ich gedacht: ,Mensch, ich gucke mal, was Schmidt dazu gesagt hat‘.“ Der Tweet sei nicht vorbereitet gewesen. Und Steinbach gibt zu, „natürlich eine besonders provokante Aussage Schmidts“ herausgesucht zu haben. Bedauerlich finde sie, dass die Meinung des Verstorbenen zur Ausländerpolitik in den zahllosen Nachrufen „ausgeblendet“ worden sei – „und das in unserer aktuellen Lage“.

          Heute um kurz nach dreizehn Uhr hatte Steinbachs Tweet 349 „Gefällt-mir-Herzen“. Sonst bekommt sie zwischen 10 und 40.

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