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AfD-Kandidat : Weniger Europa, mehr Deutschland

Der Landtagsabgeordneter Erich Heidkamp tritt nun auch zur Europawahl an. Bild: Wolfgang Eilmes

Erich Heidkamp kandidiert für die AfD zur Europawahl. Von stärkerer europäischer Integration hält er nichts. Für die Zukunft der EU hat der frühere Manager andere Ideen.

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          Manchmal versteht Erich Heidkamp die Welt nicht mehr. Zum Beispiel dann, wenn der AfD-Politiker hört, dass beinahe alle anderen Kandidaten der Europawahl nach noch viel mehr Europa rufen. Der Siebzigjährige, Mitgliedsnummer 323, seit 2013 in der Partei, sagt: „Das Aufgeben der Nationen ist eine fundamentale Fehlentwicklung.“ Das Argument, viele Themen könnten heutzutage nicht mehr national, sondern nur noch in einem europäischen Verbund bearbeitet werden, hält er für Unfug. Die Vereinigten Staaten seien nicht deshalb eine Weltmacht, weil sie mehr als 320 Millionen Einwohner hätten. „Die stehen vorne wegen des Silicon Valley, wegen ihrer Universitäten und der Entwicklungabteilungen der Unternehmen.“ Deshalb müsse sich Deutschland in der Hochtechnologie unentbehrlich machen und so unabhängig wie möglich bleiben.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Befürwortern einer stärkeren europäischen Integration unterstellt Heidkamp eine Obsession. „Je weniger Deutschland, desto besser“, so laute das Motto derer, die das Land immer noch in einer historischen Schuld sähen. „Ich erkenne die größten Sauereien in unserer Geschichte an und hoffe, dass sich das nie wiederholt“, sagt Heidkamp. Aber er sei 1948 geboren und nicht dafür verantwortlich, was geschehen sei. „Bei uns hat das immer diesen Touch. Das will ich nicht mehr. Ich akzeptiere nicht, dass ich als Deutscher minderwertig bin.“ Von seinen ausländischen Freunden sehe das auch niemand so – nur ebenjene Landsleute.

          Ehemaliger Manager

          Heidkamp war früher Manager der Hoechst AG. Geboren ist er in Köln, aufgewachsen in Worms und in Belgien. Schon als junger Mann ging er für das Frankfurter Unternehmen ins Ausland, war in Brasilien, Pakistan und China tätig. Einfache Antworten liegen dem Exportkaufmann nicht. In den eigenen Reihen gilt er deshalb als anstrengend. In die AfD eingetreten ist er wegen deren kritischer Haltung zur Euro-Rettungspolitik. Wenn Heidkamp in feinem Anzug und mit gewählten Worten auftritt, passt der mit einer Französin verheiratete Vater zweier erwachsener Töchter nicht in das Bild einer Partei, in der sich Mitglieder immer wieder antisemitisch und ausländerfeindlich äußern.

          Weil die AfD bei der Landtagswahl 2018 rund 13 Prozent der Stimmen holte, es viele Ausgleichsmandate gab und ein gewählter Abgeordneter starb, rückte Heidkamp überraschend in die Landtagsfraktion nach, obwohl er nur auf Platz 20 der Liste gestanden hatte.

          Nationale Souveränität

          Um am 26. Mai ein Mandat im Europaparlament zu bekommen, müsste die AfD in Deutschland etwa 13 Prozent der Stimmen bekommen – Heidkamp liegt auf Listenplatz zwölf. Dass er in Straßburg dann mit Leuten der Lega Nord, des Front National und von Viktor Orbáns Fidesz-Partei in einer Fraktion säße, scheint ihn nicht zu stören.

          Auf europäischer Ebene Politik machen will der Rheinländer, weil er verhindern möchte, dass Deutschland in einem wie auch immer definierten Gebilde aufgeht. Für Heidkamp hat das mit Freiheit zu tun. „In dem Moment, in dem wir noch mehr Aufgaben nach Brüssel geben, sind wir nicht mehr frei“, findet er. Deshalb ist er dafür, dass jedes EU-Mitglied sein Vetorecht behält. „Das garantiert die Souveränität eines Landes.“ Auf seinen Wahlplakaten, die er weit oben an den Laternenmasten befestigen muss, damit sie nicht abgerissen werden, findet sich der Dreiklang „stark, sicher, frei“.

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