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Erholungsfaktor Baustelle : Kopenhagen im Nordend

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Nordend sich seine Dauerbaustelle angeeignet, sie geradezu liebgewonnen hat. Wie sonst wäre zu erklären, dass morgen Mittag sogar eine Ausstellung auf der Eckenheimer eröffnen soll? Von Sponsoren finanziert, haben ortsansässige Künstler Fotografien und Illustrationen auf Bauplanen drucken lassen. Mit ihnen sollen die Container in Höhe der Wielandstraße verkleidet werden. Wegen der für 14 Uhr angesetzten Vernissage haben die Geschäfte ihre Öffnungszeiten verlängert und laden zu einem Nachmittag mit Musik und Aktionen ein.

Nicht dabei sein wird vermutlich das Team des Getränke-Abholmarkts Elbo, der oberhalb der Glauburgstraße liegt. Der Inhaber, der gerade eine Großpackung Pappteller aus seinem schwarzen Porsche Cayenne räumt, zeigt sich nicht sehr gesprächsbereit. „Nix habt ihr gemacht, nix habt ihr gemacht“, schimpft er immer wieder und meint damit vermutlich die Stadtverwaltung, die sich nicht darum kümmere, die Zufahrtswege auszuschildern. Sein Mitarbeiter ist etwas freundlicher. Das Geschäft leide unter der Sperrung, für Kunden und Lieferanten sei es umständlich, mit dem Auto bis vor die Tür zu kommen.

Nachteile für Ladeninhaber

Im „Nordend-Shop“ an der Musterschule vermisst das Inhaber-Ehepaar weniger die Autos als die U-Bahn. Viele Kunden hätten sich auf dem Weg zur Arbeit noch schnell eine Zeitung oder etwas zu trinken gekauft, sagt die Chefin. Dieses Geschäft falle weg, seit die U-Bahn unterbrochen ist. Versuche, von der Stadt eine Entschädigung zu bekommen, seien gescheiter. Ihr Mann hat an der Zuverlässigkeit der Bauplanung seine Zweifel. Am 27. August werde die U 5 wieder fahren, sagt er und fügt sarkastisch hinzu „Fragt sich, in welchem Jahr“.

Für manche Ladeninhaber mögen die Geschäfte nach Ende der Bauarbeiten wieder besser laufen. Doch die meisten Anwohner haben es nicht eilig, sich von den Baggern zu verabschieden. Denn sie wissen: Dann kommt der Autoverkehr wieder. Was viele ebenso schreckt, ist die Umgestaltung der Eckenheimer. Vier riesige, versetzt angeordnete Hochbahnsteige werden das Nordend zwischen Musterschule und Holzhausenstraße trennen. Dass derartige Barrieren ausgerechnet im Zeichen der Barriefreiheit errichtet und dafür auch noch viele Millionen Euro ausgegeben werden, die im öffentlichen Nahverkehr an anderer Stelle dringend benötigt würden, lässt sie mit dem Kopf schütteln.

Ein Sandhaufen wird zum Spielplatz

Bis dahin aber genießen die Leute im Nordend ihr „Klein-Kopenhagen“, wie es ein Familienvater aus der Adlerflychtstraße ausdrückt. Die dänische Hauptstadt belegt in Studien zur Lebensqualität regelmäßig Spitzenpositionen, was nach Meinung des Anwohners maßgeblich an einem Verkehrskonzept liegt, das seit Jahrzehnten auf Fahrräder setzt und den Autoverkehr zurückdrängt.

Während der Familienvater noch in urbanen Utopien schwelgt, kommt vor dem Restaurant „Papanova“ mediterrane Abendstimmung auf. Die Eltern sitzen beim Wein, eine Gruppe Kinder hat eine Lücke im Baustellenzaun gefunden. Ein Spielplatz dort, wo bald wieder Autos fahren sollen, wäre ein Traum. Einstweilen tut es aber auch der große Sandhaufen, den die Bauarbeiter hinterlassen haben.

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