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Erfinder Walter Günther : Nur vor Perpetuum mobile kapituliert

  • -Aktualisiert am

Voll wie sein Kopf: In der Werkstatt weiß nur Walter Günther, wo alles liegt. Der handbetriebene Schlagbohrer stammt selbstverständlich aus eigener Kreation. Bild: Wonge Bergmann

Walter Günther ist ein Erfinder, wie man ihn sich vorstellt. In seinem Keller im Frankfurter Nordend tüftelt er aus, was ihm der Zufall eingegeben hat. Oder die Not eines Bembelwirts.

          Seinen Kopf vergleicht Walter Günther mit einer Suchmaschine - und die läuft bei dem Erfinder aus dem Frankfurter Nordend immer auf Hochtouren. Während Google im weltweiten Netz recherchiert, ruft sich Günther die unterschiedlichsten mechanischen Apparaturen in Erinnerung, mit denen er sich im Laufe seines Lebens beschäftigt hat. Er vergleicht deren Aufbau und Funktionsweise und kombiniert Einzelteile neu. So entsteht allmählich der Plan für ein neues Gerät, das er im Idealfall in die Realität umsetzt. Dann entstehen an seiner Werkbank so skurrile Dinge wie der Bembel-Wächter, das Stahlwollefeuerzeug oder der Aldentomat, ein Schnellkochtopf, der Kartoffeln perfekt gart.

          Günther baute schon als Kind mit Holzbaukästen und Lego allerlei Maschinen nach, die er täglich zu sehen bekam: Bagger, Flugzeuge und sogar Nähmaschinen. Dabei verzichtete er oft darauf, die Dinge als Ganzes zu reproduzieren, und konzentrierte sich auf Einzelteile, wie beispielsweise Riemen- und Zahnradgetriebe von Motoren. Vor allem Antriebsmaschinen hatten es dem Jungen angetan. „Ich wollte nicht nur die Optik, sondern auch die Bewegungen dieser Geräte nachahmen.“

          Ein nützliches Gehirntraining

          Mit solchen Fingerübungen eignete er sich erste mechanische Grundkenntnisse an - und fühlte sich bereits mit zwölf Jahren bereit für das, was noch keiner vor ihm geschafft hatte: ein Perpetuum mobile zu bauen, aus Holz oder Pappe. „Das war für mich das absolute Faszinosum.“ Die Sendung „Querschnitt“ mit Hoimar von Ditfurth, die in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts im ZDF ausgestrahlt wurde, überzeugte ihn jedoch schnell davon, dass eine immerfort aus eigener Kraft laufende Maschine ein physikalisches Unding ist. „Danach war das Perpetuum mobile für mich gegessen“, gesteht der Erfinder lachend. Für die Sendung, die ihm vermutlich einigen Frust ersparte, ist er dankbar - aber die Auseinandersetzung mit dem Thema sei ein nützliches „Gehirntraining“ gewesen.

          Als Jugendlicher studierte er Modelle von Dampfmaschinen, las Bücher über Mechanik und entwarf Skizzen für Motoren - auch das schärfte seinen Erfindergeist. Doch abgesehen von den ersten Lego- und Holzkonstruktionen blieb es zunächst beim „geistigen Bauen“, dem Planen.

          „Daniel Düsentrieb des Nordends“

          Die Ausbildung zum Schlosser nach dem Abitur machte für Günther möglich, was zuvor nur denkbar war. „Plötzlich konnte ich Eisen und Stahl formen und so meine Gedanken Wirklichkeit werden lassen. Das ist ein bisschen wie Zaubern“, sagt Günther, und die Begeisterung von damals schwingt in seinen Worten noch mit. Seitdem konzipiert und baut er in seiner Freizeit. Manche nennen den Mann mit dem Schnauzbart und dem grauen Kittel, im Brotberuf Leiter einer Produktionsgruppe in den „Praunheimer Werkstätten“, den „Daniel Düsentrieb des Nordends“. Bei dem chaotischen Ingenieur aus Entenhausen „geht es aber meistens in die Hosen“, scherzt er. „Ich bin da ein Stück weiter.“ Anfangs plante er noch zu Hause und schweißte, drehte und fräste in der Schlosserei. Seit 13 Jahren arbeitet der 51 Jahre alte Tüftler in seiner eigenen Werkstatt im Hinterhof eines Klinkerbaus.

          Der kleine dämmrige Raum im Kellergeschoss ist genauso voll wie sein Kopf. Die Werkbank ist übersät mit Muttern und Metallfeilen. In einem Regal gegenüber von der Werkbank stapeln sich abgesägte Rohre, Kurbeln und alte Kochtöpfe. Davor steht ein Fahrrad. Es riecht nach Öl. Günther sammelt alles, was er als Teile in neue Erfindungen einbauen könnte. Der „Kram“, wie er ihn nennt, ist mit der Zeit gewachsen und stammt von Schrottplätzen und vom Sperrmüll. Auch Freunde und Bekannte haben Material bei ihm abgegeben.

          Tüftler mit Nickelbrille und rotem Schal

          Aus diesem Sammelsurium stellt er Gebrauchsgegenstände her, in erster Linie für sich selbst. Die Unikate werden ohne Strom - und je nach Gerät mit Muskelkraft - betrieben. Wie das Stahlwollefeuerzeug, bei dem man mit einer Kurbel einen alten Fahrraddynamo in Gang setzt, dessen Draht in ein Metallschälchen mit einer Mischung aus Stahlwolle und Spiritus hineinragt. Durch die beim Drehen erzeugte Spannung beginnen die filigranen Wollefasern zu glühen. Dadurch fängt der Spiritus Feuer und brennt eine halbe Minute lang - genug Zeit, um eine Zigarette an der blauen Flamme anzuzünden.

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