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Entgleiste Waggons : Güterzüge müssen Mittelrheintal umfahren

  • Aktualisiert am

Plötzlich ruhig: Durch das Mittelrheintal fährt derzeit kein einziger Zug. Bild: dpa

Lokales Bahnunglück mit großen Auswirkungen: Europas Güterzüge müssen das Mittelrheintal umfahren. Genau das fordern die lärmgeplagten Anwohner seit Jahren.

          Das Zugunglück im Rheingau legt eine der wichtigsten europäischen Trassen im Güterverkehr über Tage hinweg lahm. Während Helfer mit schweren Kränen zwei verunglückte Waggons am Montag bei Rüdesheim wieder aufs Gleis hievten, sahen sich die lärmgeplagten Bewohner des Mittelrheintals in ihrer Forderung nach einer Ersatzstrecke bestätigt. „Der Güterverkehr auf der Schiene muss raus aus dem Rheintal“, sagten prominente Rheingauer CDU-Politiker, darunter der Bundestagsabgeordnete Klaus Willsch. In dem engen Tal sorgen Güterzüge sonst Tag und Nacht für Lärm, deshalb genossen viele Bürger die ungewohnte Ruhe.

          Die Waggons seien wieder aufs Gleis gesetzt worden und bereit zum Abtransport, sagte ein Bahnsprecher in Frankfurt am Montag zum Stand der Aufräumarbeiten. Nun beginne die Reparatur an der zweigleisigen Bahnstrecke. Der Güterzug war am Sonntagmorgen von Norden aus Koblenz gekommen. Zwischen Lorch und Assmannshausen entgleisten zwei leere Autotransporter-Waggons. Der Zug fuhr noch weitere zehn Kilometer, auch durch den eng bebauten Weinort Assmannshausen, und kam vor dem Bahnhof Rüdesheim zu stehen.

          Güterverkehr soll noch ausgebaut werden

          Dabei wurden nicht nur Gleise und Signalanlagen beschädigt. Umherfliegende Schottersteine trafen Häuser und geparkte Autos. Verletzt wurde niemand. Trotzdem schrieben die CDU-Politiker, darunter Hessens Sozial-Staatssekretärin Helga Müller-Klepper: „Der Rheingau ist an einer Jahrhundert-Katastrophe vorbeigeschliddert.“ Es sei nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn der Zug vollends entgleist wäre oder Gefahrgut transportiert hätte. Bundespolizei und das Eisenbahnbundesamt suchen nach der Unfallursache.

          Während der Personenfernverkehr linksrheinisch auf der Strecke Mainz-Bonn durch das Tal läuft, verkehren auf dem rechten Ufer 500 Güterzüge täglich. Die Trasse zählt zum europäischen Transportkorridor von Genua in Italien nach Rotterdam in den Niederlanden. Nach Planungen der EU soll der Güterverkehr bis 2020 noch ausgebaut werden.

          Eingleisig soll bald wieder gefahren werden

          Wegen des Unglücks mussten viele Güterzüge weiträumig umgeleitet werden. Das sei wegen des Hochwassers in Ostdeutschland nicht einfach, sagte ein Sprecher. Termingüter fuhren über die linksrheinische Strecke. Einige Züge müssten an Rangierbahnhöfen warten. Große Verzögerungen seien aber nicht zu erwarten. „Wir finden immer eine Umfahrungsmöglichkeit“, sagte der Sprecher.

          Das weniger betroffene Süd-Nord-Gleis könne binnen weniger Tage wiederhergestellt werden, erläuterte er. Dann könne der Verkehr eingleisig wieder laufen. Das Nord-Süd-Gleis sei so beschädigt, dass Gleisbett, Schwellen, Schienen und Signale repariert werden müssten. Zur Dauer machte er keine Angaben. Der Hessische Rundfunk (hr) zitierte einen Sprecher, dies könne bis Ende Juni, eventuell bis Mitte Juli dauern. Der regionale Personen-Bahnverkehr ist zwischen Kaub (Rheinland-Pfalz) und Geisenheim (Hessen) unterbrochen. Ein Ersatzverkehr mit Bussen dauert etwa eine Stunde länger.

          Tempolimit und Nachtfahrverbot gefordert

          Die Güterzüge verursachen in den Ortsdurchfahrten am Mittelrhein bis zu 108 Dezibel Lärm, das ist so laut wie ein Rockkonzert. Bislang wird versucht, den Krach mit Schutzwänden oder -Fenstern zu mildern. Waggons sollen über die nächsten Jahre leise Bremsen erhalten.

          Die Bürgerinitiative Pro Rheintal nannte es unverantwortlich, dass Züge mit defekten und veraltetem Gerät durch das Mittelrheintal fahren - „und das auch nachts, während die Fahrzeuge weder Sensoren haben, die Entgleisungen melden, noch regelmäßig gewartet werden“. Nun müssten ein Tempolimit und ein Nachtfahrverbot verhängt werden. Besser wäre, endlich eine leistungsfähige Strecke außerhalb des Tals zu bauen, sagte der Vorsitzende Frank Gross. Die Neubaupläne stecken aber noch in den Kinderschuhen.

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