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English Theatre : Verschleierter Blick in die Hölle

  • -Aktualisiert am

Diabolisches Spiel: Szene aus Arthur Millers „Crucible“ auf der Bühne des English Theatre. Bild: Richard Pflaum

Hexen wurden nicht nur im Mittelalter verfolgt. Das ist die Lehre aus „The Crucible“. Arthur Millers Stück ist jetzt auf der Bühne des Frankfurter English Theatre zu sehen.

          Ein Stück, zwei Erzählstränge voller Zündstoff: Da ist zum einen die Halbstarke, die aus Enttäuschung über ihre unerwiderte Liebe zu einem verheirateten Mann eine ganze Stadt ins Verderben stürzt. Zum anderen winden sich die Bewohner von Salem einschließlich der Justiz durch eine Spirale von Intrigen und Mordlust. Nach wie vor ist Arthur Millers „The Crucible“ („Hexenjagd“) durch und durch explosiv. Einerseits beruht das Stück auf den wahren Begebenheiten der historischen Hexenverfolgung, andererseits klagt der Autor darin die Kommunistenhatz an, die in den Vereinigten Staaten während der fünfziger Jahre an der Tagesordnung war. Der „McCarthyism“ brachte den schon damals berühmten Miller auf die Idee, den mittelalterlichen Stoff wiederaufzubereiten. Jetzt feierte das Stück im English Theatre Frankfurt Premiere. Unter Regie von Michael Gonszar und Lea Dunbar hat es der „Drama Club“ des Theaters inszeniert - ein wechselndes Ensemble aus jugendlichen Nachwuchsdarstellern und professionellen Schauspielern.

          Abigail (Lisa Ullrich) treibt ein diabolisches Spiel mit ihrer Umgebung. Nachdem der Pastor sie und andere Jugendliche nachts während eines mystischen Ritus überrascht hat, nimmt das Unheil schnell seinen Lauf. In der Gemeinde steht schon bald kein Mund mehr still, und flugs verbreitet sich das Gerücht von einem Bündnis mit dem Teufel. Die von Abigail angeführten Jugendlichen indes wissen sich in ihrer Bedrängnis nicht zu helfen. Wahllos erfinden sie Gerüchte und verdächtigen die halbe Stadt des Hexenkultes. Irgendwann ist die gesamte Einwohnerschaft von diesem Virus infiziert, und es beginnt ein Nervenkrieg, bei dem jeder gegen jeden vorgeht.

          Alle werden zu Soldaten

          Auch der Bauer John Proctor (Mario Mateluna) sieht sich bedroht. Einst hatten er und seine Frau Elizabeth die junge Abigail als Magd beschäftigt, was zum heimlichen Verhältnis des Mannes mit dem Mädchen führte. Mit ihren Anschuldigungen gegen Elizabeth wittert Abigail nun ihre Chance, den verlorenen Geliebten zurückzuerlangen. Der sagt jedoch vor dem eigens zur Wiederherstellung der gesellschaftlichen Ordnung angereisten Hohen Gericht die Wahrheit in der Absicht, Abigails Täuschung aufzudecken. Das Tribunal scheint jedoch wie verhext vom Schauspiel der Halbwüchsigen und verurteilt ohne Sinn und Erbarmen.

          Die Hölle, das sind auch in diesem Fall die anderen, und wohl auch darum hat Kostümbildnerin Melanie Schoebert die Darsteller in Schuhwerk gesteckt, das an Springerstiefel erinnert und puppenhafte Teenager wie unbescholtene Bauersfrauen zu Soldaten in einer trostlosen Umgebung macht. Den Eindruck bestärkt das düstere Grau des Bühnenbildes von David Gonters: Vom beschwörerisch-lasziven Tanz der Mädchen um einen totemartigen Pfahl bis zum Augenblick, da Proctor am Galgen hängt, scheint es, als durchziehe ein Schleier die Szene und mache das gesamte Geschehen trübe.

          Gesetz der Bühne

          Einzig Proctors Sicht klärt sich. Vor der Panik verbreitenden, wie aufgezogen argumentierenden Judikative, die sich starrsinnig und eitel verhält, bekommt er zwar keine wirkliche Chance. Was er aber rettet, sind seine Menschlichkeit und die Vernunft an sich, wenn er eigensinnig aufbegehrt. Freilich geht er dabei tragisch zugrunde: Niedergestreckt vom Irrwitz der Ereignisse, gesteht er schließlich, in die Hölle geblickt zu haben, und behält damit recht. Allein dieser Eigensinn, so heißt es bei Hermann Hesse, fragt nicht nach den von Menschen gemachten Gesetzen. „Wer eigensinnig ist, gehorcht einem anderen Gesetz, einem einzigen, unbedingt heiligen, dem Gesetz in sich selbst, dem ,Sinn‘ des ,Eigenen‘.“

          Das Gesetz der Bühne stellt andere, wenngleich ebenso eigene Forderungen: Mit gehorsamem Applaus für das gelungene Zusammenspiel der Frankfurter Schüler mit den bravourösen Akteuren dürfte zumindest diesem Genüge getan sein.

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