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Ästhetik des Landschaftsbilds : Die große Lücke der Energiewende

Bewegtes Landschaftsbild: Eine Windrad-Anlage bei Vasbeck in Hessen. Bild: dpa

Eine wissenschaftliche Studie zeigt, die Schönheit gewachsener Kulturlandschaften ist in Deutschland mangelhaft geschützt. Was bedeutet das für den Windkraftausbau in Südhessen?

          Das Bundesamt für Naturschutz hat diese Woche die Ergebnisse des Forschungsprojekts „Landschaftsbild und Energiewende“ veröffentlicht. Der zweibändige Forschungsbericht der Technischen Universität Dresden ist eine mehr als 500 Seiten umfassende Analyse der landschaftsästhetischen Folgen des Ausbaus von Windkrafträdern, Photovoltaik- und Biogasanlagen sowie Pumpspeicherkraftwerken. Obwohl inzwischen elf Prozent der Fläche Deutschlands für solche Anlagen genutzt werden, stellt dies nach den Worten von Beate Jessel erst den „Anfang eines tiefgreifenden Wandels“ dar, der sich weiter verstärken werde, weil im Jahr 2050 die erneuerbaren Energien 80 Prozent des Bruttostromverbrauchs decken sollen.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Nach Ansicht der Präsidentin des Bundesamtes verlangt diese Entwicklung Lösungen, die dem Schutz der Natur ebenso dienen wie der aktiven Gestaltung der Landschaften. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts der Dresdner Wissenschaftler zeigten dazu eine Vielzahl von Möglichkeiten auf.

          Regionalversammlung im Herbst

          Für Südhessen ist der Forschungsbericht insofern von politischer Relevanz, als noch in diesem Jahr der „Teilplan Erneuerbare Energie“ von der Regionalversammlung beschlossen werden soll. In ihm werden die Vorranggebiete für Windkraftanlagen im Regierungsbezirk festgeschrieben.

          Wie die Pressestelle der Darmstädter Behörde mitteilte, sind zum Teilplan rund 25.000 Stellungnahmen eingegangen, von Bürgern ebenso wie zum Beispiel vom Landkreis Odenwald, der die vorgesehene Ausweisung von fast vier Prozent seiner Kreisfläche als Windvorranggebiete auch juristisch anficht. Nach der fachlichen Prüfung aller Einsendungen sollen zunächst im November die Ausschüsse der Regionalversammlung sich mit dem Thema beschäftigen. Die abschließende Beschlussfassung über den Teilplan Erneuerbare Energie ist für den 14. Dezember terminiert.

          Landschaftsbild nicht berücksichtigt

          Durch die Veröffentlichung des Bundesamtes für Naturschutz dürften sich viele Kritiker des Windkraftausbaus in Südhessen bestätigt sehen. Wie die Leiterin des Forschungsteams, die Professorin für Landschaftsplanung Catrin Schmidt sagte, habe die Untersuchung gezeigt, dass bei der Planung und der Zulassung von Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien Landschaftsbild und Landschaftsästhetik nicht ausreichend berücksichtigt würden.

          Tatsache sei, dass in Deutschland überhaupt keine einheitliche Bewertungsmethode existiere, sondern eine „methodisch enorme Vielfalt“ – genau gesprochen 208 Bewertungsmethoden, die seit 1960 publiziert worden seien. Da es bislang also keine standardisierte Bewertung landschaftsästhetischer Faktoren in der Landschaftsplanung gebe, sei es auch nicht verwunderlich, wenn der Kenntnisstand in dieser Frage bei Planern und Verwaltungen „nicht optimal ausgeprägt ist“. Die Untersuchung habe eine „enorme Diskrepanz zwischen Wissenschaft und Praxis“ ergeben.

          Mehr Bürgerbeteiligung gefordert

          Ernüchternd für Deutschland als Vorreiter der Energiewende ist auch ein weiterer Befund: Die europäischen Nachbarn begleiten die Landschaftsveränderungen durch die Energiewende wesentlich partizipativer. In den Niederlanden, in Skandinavien und in Großbritannien spielen, wie der Forschungsbericht darlegt, landschaftsästhetische Aspekte eine maßgebliche Rolle. Der Landschaftswandel werde dort „explizit als Gestaltungsauftrag“ verstanden. Formate wie „Landscape Character Assessment“ zielten darauf ab, Landschaften in ihrer Individualität zu sehen und deren Bewahrung als eine Gemeinschaftsaufgabe zu verstehen.

          Schmidt sieht es deshalb als eine der großen Herausforderungen der Energiewende in Deutschland an, die Qualitäten von Landschaften zu definieren und gleichzeitig die Formate der Bürgerbeteiligung zu verbessern. Basis der Vorschläge ist die Auswertung der Positionen von 208 Bürgerinitiativen gegen und für Windkraftanlagen und zahlreicher Gerichtsentscheide. Sie hätten gezeigt, dass Landschaft und landschaftliche Veränderungen sehr individuell wahrgenommen würden. Die Konsequenz daraus müsse sein, die Möglichkeiten der Beteiligung auszubauen und zu stärken.

          Verhältnis von lokaler Identität, Heimat und Landschaft

          Gerade für ein so wichtiges Kriterium wie „Schönheit“ bieten sich für die Dresdner Wissenschaftler vor allem partizipatorische Verfahren an. Sie wollen damit der Tatsache Rechnung tragen, dass viele Menschen auf eine ästhetische und emotionalen Weise mit ihrer Landschaft und Heimat verbunden sind. „Landschaftsdiskurse“ seien eine mögliche Form, das Verhältnis von lokaler Identität, Heimatgefühl und Landschaft herauszuarbeiten.

          Das Forscherteam hat einen „dicken Strauß an Ideen und Vorschlägen“ (Jessel) vorgelegt, die sich an Planer und Verwaltungsmitarbeiter ebenso richten wie an Energieversorger, Bundesregierung und Landesregierungen. So wird empfohlen, ein „Leitfaden Landschaftsbildbewertung“ zu erstellen und Arbeitshilfen zur Bewertung von „mastartigen Eingriffen“ ins Landschaftsbild. Die Umwandlung landwirtschaftlicher Flächen in Areale für Photovoltaikanlagen soll auch auf Länderebene verboten und die Privilegierung von Biomasseanlagen im baulichen Außenbereich überprüft werden.

          Ganz dezidiert wird die Regionalplanung angesprochen. Sie müsse das Thema Kulturlandschaft und Landschaftsbild stärker berücksichtigen. Ein Vorschlag lautet, regionale Planungen wie etwa den Teilplan Erneuerbare Energien durch landschaftsbezogene Konzepte zu ergänzen, in denen die naturräumlichen und kulturlandschaftlichen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen beschrieben sind. Historisch gewachsene Kulturlandschaften sollen dokumentiert und als „weiche Tabuzonen“ gekennzeichnet werden. Auch die Ersatzzahlungen für den Bau von Windkraftanlagen sollten nach Ansicht der Wissenschaftler transparenter geregelt und die Möglichkeit geschaffen werden, dass Bürger über die Gelder mitbestimmen können. Die Akzeptanz der Bürger sei für die Energiewende unerlässlich.

          Zum digitalen Herunterladen

          Die beiden Bände zu „Landschaftsbild und Energiewende“ finden sich auf der Internetseite des Bundesamtes für Naturschutz zum Download.

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