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Energiewende im Untertaunus : Noch zwei Rotoren für den Windpark

Friedliches Nebeneinander: Räder des Heidenroder Windparks sind vom Ortsteil Laufenselden zu sehen. Bild: Michael Kretzer

Die Gemeinde Heidenrod im hessischen Untertaunus-Gemeinde bleibt führend bei der Erzeugung regenerativer Energie. Die Flächen sind nun aber ebenso erschöpft wie die Netzkapazitäten.

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          Westlich des kleinen Dorfs Springen im Untertaunus verläuft einer der schönsten Wanderwege der Region. „Wisper Geflüster“ heißt die 8,5 Kilometer lange Premium-Tour, die Teil des neuen Wanderwegenetzes „Wisper Trails“ ist. Puristisch veranlagte Freunde der schönen Taunuslandschaft werden sich womöglich an den drei großen Windrädern stören, die nahe Springen schon Ende 2018 in Betrieb gegangen sind. Die Heidenroder Bürger sind da weniger zimperlich. Sie hatten 2015 in einem Bürgerentscheid diesem zweiten Windpark auf der Gemarkung von Hessens waldreichster Kommune den Weg bereitet. Rund zwei Drittel der Wähler stimmten damals dem Vorhaben zu, das in zwei Schritten verwirklicht wird.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Der zweite Schritt steht nun bevor. Die Springer Wind GmbH & Co. KG hat beim Regierungspräsidium Darmstadt die Erweiterung des Windparks auf fünf Rotoren beantragt. Anders als bei den drei bestehenden Anlagen handelt es sich allerdings um Waldstandorte. Im Heidenroder Kommunalforst sollen zwei Windräder des Herstellers Enercon vom Typ E-138 mit einer Leistung von jeweils 3,5 Megawatt und einer Gesamthöhe von rund 230 Metern errichtet werden.

          In diesen Zahlen spiegeln sich die Fortschritte bei der Entwicklung von Rotoren für das Binnenland wider. Die drei vorhandenen Rotoren desselben Herstellers, aber des Typs E-115 haben bei einer Höhe von 200 Metern nur eine Nennleistung von drei Megawatt. Das Regierungspräsidium prüft nun zunächst, ob der Erweiterungsantrag vollständig ist und ob alle für das Verfahren notwendigen Unterlagen und Gutachten vorliegen. Sollte dies der Fall sein, beginnt das eigentliche Genehmigungsverfahren.

          Gemeinde und Grundeigentümer

          Hinter der Windradgesellschaft Springer stehen mehrere Heidenroder Familien. Von der Verpachtung des Areals für den Windpark profitieren neben der Gemeinde rund ein Dutzend Grundeigentümer. Die Geschäftsführung liegt bei der Naturenergie Heidenrod GmbH, die auf einem früheren Bundeswehrgelände bei Kemel jährlich rund 35 Millionen Kilowattstunden Strom aus dem Betrieb von zwei Windrädern, einer 25.000 Quadratmeter großen Photovoltaikanlage und durch die Verbrennung von Holz in einem Biomassekraftwerk erzeugt. Ihr Chef ist Harald Gschweng, der auch die Geschäfte der Springer-Gesellschaft führt.

          Laut Gschweng ist mit den beiden zusätzlichen Rotoren die Vorrangfläche für Windenergie an diesem Standort ausgeschöpft. Er erwartet die Genehmigung für den Herbst. Die Anlagen haben aber rund ein Jahr Lieferzeit. Im günstigsten Fall könnten die beiden Rotoren daher zum Jahresende 2021 den ersten Strom liefern. Dann ist in der Region laut Gschweng auch die Netzkapazität zur Aufnahme des Stroms erschöpft. Weitere Windräder in dieser Ecke des Untertaunus würden hohe Investitionen erfordern, um den Strom ins öffentliche Netz zu befördern.

          In Heidenrod ist nach der Fertigstellung das zweite Dutzend Rotoren voll. Außer in Heidenrod gibt es im windhöffigen Rheingau-Taunus-Kreis bislang aber nur noch in Hohenstein weitere Windräder. Dort drehen sich fünf Rotoren. Abgelehnt, zurückgenommen oder gescheitert sind in den vergangenen Jahren Windkraftprojekte in Geisenheim, in Lorch und in Taunusstein. Während vor allem im Rheingau und auf dem Taunuskamm der Widerstand auch von Bürgerinitiativen groß ist, gab es in Heidenrod von Beginn an viel Sympathie für die Nutzung der Windenergie. Im Jahr 2012 hatten bei einem ersten Bürgerentscheid sogar 88 Prozent der Wähler für die Nutzung der Windenergie votiert.

          Erwartungen werden erfüllt

          Das liegt auch an einer langen Tradition. Denn bei Heidenrod-Zorn drehen sich zwei kleine, leistungsschwache Anlagen schon seit dem Jahr 1998. Diese können aus rechtlichen Gründen nicht modernisiert oder aufgerüstet (Repowering) werden. Zwischen November 2014 und März 2015 ging unweit der Bäderstraße (B 260) der große kommunale Heidenroder Windpark mit zwölf Rotoren in Betrieb. Er erfüllt seither die in ihn gesetzten Erwartungen und beschert der Gemeinde jährlich rund 800.000 Euro zusätzliche Einnahmen, und das über eine Laufzeit von 20 Jahren.

          Ohne dieses Geld hätte die Grundsteuer deutlich erhöht werden müssen, heißt es aus dem Rathaus. Auch die Bürger partizipieren finanziell. Nach der Anlaufphase veräußerten die beiden Windpark-Gesellschafter, die Gemeinde und der Energieversorger Süwag, zehn Prozent ihrer Anteile an eine Bürgergenossenschaft mit mehr als 300 Mitgliedern – allesamt Heidenroder Bürger.

          Heidenrod sieht damit sein Soll für die Energiewende erfüllt. Im vergangenen Jahr gab es erhebliche Proteste, weil der Teilplan Erneuerbare Energien des Regionalplans Südhessen weitere Windvorrangflächen auf Heidenroder Gemarkung vorsah, die zu einer „Umzingelung“ des Ortsteils Kemel mit Rotoren führen würden. Und das, obwohl in Heidenrod schon überproportional viele Windräder stehen und die Gemeinde weit mehr Strom erzeugt, als sie selbst verbraucht. „Es reicht, wir haben unseren Beitrag geleistet. Das Land sollte nicht den örtlichen Konsens, der aufgebaut ist, zerstören“, formulierte die Gemeindevertretung seinerzeit. Schließlich sei Heidenrod eine hessenweit vorbildliche Energie- und Klimaschutzkommune. Mit zwei Dutzend Windrädern bei nur 8000 Einwohner wird ihr niemand widersprechen wollen.

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