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Energiewende : Gegenwind für Rotoren im Mittelrheintal

  • -Aktualisiert am

Sagenhafter Mittelpunkt des Mittelrheintales: der Loreleyfelsen Bild: dpa

Das Verbot von Windrädern in Randzonen des Welterbegebietes rund um den Loreleyfelsen führt zu Protesten von Kommunalpolitikern. Einige Ortschaften haben den Austritt aus dem Zweckverband erklärt.

          3 Min.

          Tourismus und Weinbau sind die tragenden Säulen der wirtschaftlichen Entwicklung im Mittelrheintal. Dass Rotoren auf dem Loreleyfelsen oder neben den mehr als 40 Burgen zwischen Rüdesheim und Koblenz nichts zu suchen haben, ist unbestrittener Konsens. Die Kernzone der 67 Kilometer langen und 2002 zum Unesco-Welterbe erhobenen Region ist daher auch in Zeiten der Energiewende eine Tabuzone für Rotoren. Was aber ist mit den Randzonen auf den hochgelegenen und windhöffigen Plateaus über dem Tal? Finanziell klamme Dörfer wie Weisel machten sich Hoffnungen, dort Rotoren aufstellen und neue Einnahmequellen erschließen zu können.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Sie wurden vor kurzem von einer Mitteilung aus Mainz überrascht und bitter enttäuscht. Der Ministerrat der Landesregierung hat entschieden, auch den sogenannten Rahmenbereich des Welterbegebiets frei von Windrädern zu halten. Dieser Verzicht soll in den Regionalplänen Mittelrhein-Westerwald und Rheinhessen-Nahe verankert werden. In einer Mitteilung des Energie- und Wirtschaftsministeriums wird der Beauftragte des Landesregierung für das Welterbe, Kulturstaatssekretär Walter Schumacher (SPD), zur Begründung mit dem Satz zitiert: „Das Obere Mittelrheintal ist eine von wenigen Kulturlandschaften, die die Unesco als Weltkulturerbe anerkannt hat. Dies bringt der Region viele Vorteile, aber auch die Aufgabe mit sich, den einzigartigen, universellen Wert des Welterbes zu schützen.“

          Mit Austritt verlöre Verband ein Drittel an Mitgliedern

          Diese Nachricht hat vor allem auf der rechtsrheinischen Seite im Tal einen Sturm entfacht, denn einige Kommunen hatten sich Hoffnungen gemacht, mit Windrädern Geld in die leeren Kassen zu spülen. Daraus wird nun nichts. Der Protest von Kommunalpolitikern geriet allerdings auch deshalb so heftig, weil die mit dem Welterbestatus verbundenen Beschränkungen immer häufiger als Gängelung empfunden werden. Die Unesco war schon in der Vergangenheit von den Plänen für eine Rheinbrücke nicht begeistert. Sie hält die Sommerrodelbahn nahe der Loreley eigentlich nicht für vereinbar mit dem Welterbe, und die Seilbahn über den Rhein bei Koblenz wurde erst nach langen Gesprächen befristet akzeptiert.

          Der Protest gegen den aktuellen Beschluss der Landesregierung ist so groß, dass die aus 22 Ortschaften bestehende Verbandsgemeinde Braubach jetzt ihren Austritt aus dem Zweckverband Unesco Welterbe Oberes Mittelrheintal erklärt hat. Dem Zweckverband gehören derzeit rund 60 Mitglieder an, und sein Ziel ist es, die behutsame Entwicklung des Tals zu fördern. Mit dem Austritt verlöre der Verband ein Drittel seiner Mitglieder und fast die gesamte rechtsrheinische Seite.

          Tourismusbranche schätzt Zweckverband

          Eine unmittelbare Folge hat der Austrittsbeschluss aber noch nicht. Aus dem Welterbegebiet selbst könnten die Kommunen gar nicht austreten, weil der alleinige Vertragspartner der Unesco die Bundesregierung ist. Der kürzlich von der Versammlung der Verbandsgemeinde in Braubach gefasste Beschluss ist jedoch ein starkes politisches Signal an die Landesregierung in Mainz. Im Zweckverband selbst hat man zwar Verständnis für den Unmut einiger Kommunen, hält den Beschluss aber für falsch.

          Auch im kleinen hessischen Teil des Mittelrheintals ist die Entscheidung der Verbandsgemeinde Loreley mit Bestürzung aufgenommen worden. Aktuelle lokale Konflikte dürfen nicht zu Lasten der gemeinsamen Zukunft im Rheintal eskalieren, meint der Geschäftsführer der Rüdesheim Tourist AG, Rolf Wölfert. Der Vorstand des Vereins Wirtschafts- und Tourismusförderung Rüdesheim und Assmannshausen am Rhein e. V. nahm den Austrittsbeschluss und einen Appell des Zweckverbands zur solidarischen Meinungsäußerung zum Anlass, sich mit einer schriftlichen Erklärung „hinter die Arbeit und das positive Wirken des Zweckverbands als überparteilicher Struktur für das Welterbe“ zu stellen. Die Arbeit des Verbandes und die „einmalige Chance für die Fortentwicklung“ des Tourismus dürften nicht durch tagespolitische Einflüsse beeinträchtigt werden. Die Tourismuswirtschaft habe erkannt, dass die Zukunft des Mittelrheintales nur mit gemeinsamen Anstrengungen gesichert werden könne, heißt es aus Rüdesheim.

          Der für den hessischen Abschnitt im Welterbe zuständige Dezernent des Rheingau-Taunus-Kreises, Karl Ottes (FWG), sieht den Zweckverband als den „falschen Ansprechpartner“ der Verbandsgemeinde. Der Welterbestatus bringe der Region unbestreitbar viele Vorteile. Andere Kommunen wie Wiesbaden sähen sich glücklich, hätten sie die Anerkennung der Unesco. Die nun entflammte Diskussion sei daher schädlich für die Region, kritisiert Ottes. Allerdings hält er auch das pauschale Verbot von Rotoren für falsch. Ottes plädiert in den Randzonen abseits der unmittelbaren Talkante für Einzelfallentscheidungen. Wenn Rotoren auf Gemarkungen der Höhengemeinden vom Tal aus nicht sichtbar seien, dann müsse ihre Genehmigungsfähigkeit wenigstens geprüft werden. Dass die armen Ortsgemeinden in diesem Teil des Mittelrheintals nach jedem finanziellen Strohhalm griffen, sei verständlich: „Die nagen alle am Hungertuch.“

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