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Energiepreise : 2638 Euro statt 875 Euro für ein Jahr Gas und Strom

  • -Aktualisiert am

Nachhaltiger: Die GGEW investiert in Windkraft und Solaranlagen Bild: Michael Kretzer

Der südhessische Energieversorger GGEW behauptet sich in einem schwierigen Markt und will schon 2030 klimaneutral sein. Dass die Energiepreise in absehbarer Zeit wieder sinken werden, bezweifelt der Vorstand.

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          „Sparen ist das Gebot der Stunde“, sagt nicht etwa ein Politiker, sondern der Vorstandschef des lokalen Energieversorgers GGEW aus Bensheim, Carsten Hoffmann. Mit 144 000 Kunden behauptet sich der lokale Versorger in einem derzeit schwierigen Umfeld und blickt mit einigem Optimismus in eine unsichere Zukunft, spricht aber auch von einem Spagat zwischen Krisenmanagement in der Gasversorgung und Investitionen in die Zukunft.

          Dass die Energiepreise in absehbarer Zeit wieder sinken werden, bezweifelt Hoffmann. Man müsse sich wohl einige Zeit auf das hohe Niveau einstellen. Die bösen Überraschungen für die Verbraucher kommen wohl erst noch, denn noch verteilen die Energieversorger Gas, das sie sich vor dem Ukrainekrieg vertraglich gesichert hatten. Nach und nach schlägt aber die Teuerung durch, die an die Verbraucher weitergegeben wird. Hoffmann macht eine Beispielrechnung auf. Ein Haushalt, der pro Jahr rund 4000 Kilowattstunden Strom und 25.000 Kilowattstunden Gas verbraucht, zahlt statt bisher 875 Euro künftig 2638 Euro.

          45 Windenergieanlagen in Betrieb

          Momentan hadert der lokale Versorger mit zwei bis drei Prozent seiner Kunden, die ihren Strom oder ihr Gas nicht bezahlen können. Künftig werden es wohl deutlich mehr werden. Nach der aktuellen Rechtslage dürfen Stromversorger in solchen Fällen, wenn alle Möglichkeiten wie Mahnungen oder das Angebot von Ratenzahlungen nicht fruchten, Strom und Gas abdrehen. Hoffmann fordert deshalb vom Gesetzgeber schnelle Regelungen und vor allem Hilfen für Menschen, für die Energie zum Luxusgut werde. Keinesfalls dürfe das Risiko deutlicher Einnahmeverluste wegen Nichtzahlung bei den Energieversorgern bleiben.

          Die GGEW AG, die 1886 gegründet wurde und heute im Eigentum der Städte Bensheim, Zwingenberg, Alsbach-Hähnlein, Bickenbach, Seeheim-Jugenheim und Lampertheim ist, setzt verstärkt auf erneuerbare Energien und baut diese weiter aus. Momentan betreibt das Unternehmen 45 Windenergie- und 39 Photovoltaikanlagen. Ein Solarpark in Erbach-Lauterbach wurde 2021 in Betrieb genommen, ein weiterer Park soll bis 2023 in Wald-Michelbach Strom liefern. Weitere Projekte dieser Art werden geplant.

          Immerhin kämen 40 Prozent des verkauften Stroms aus erneuerbaren Energien, Tendenz steigend. Bis 2030 sollen es 80 Prozent sein, vielleicht sei die GGEW AG bis dahin auch komplett klimaneutral. „Wind und Photovoltaik kennen keine Inflation“, sagte Hoffmann. Deshalb könne die Energie aus diesen Quellen die Strompreise wieder deutlich senken.

          Längst geht die GGEW AG über ihr ursprüngliches Aufgabenfeld der Wasser-, Strom- und Gasversorgung hinaus. Im Versorgungsgebiet wird der Glasfaserausbau intensiviert, das Unternehmen betreibt die Schwimmbäder in Bensheim und Lorsch, gerade wurde ein Bibliser Tiefbauunternehmen übernommen, damit man Tiefbauarbeiten in Eigenregie übernehmen und sich den Kommunen als entsprechender Dienstleister anbieten kann. Mit zusätzlichen Geschäftsfeldern, zu denen auch Stromtankstellen und Wallboxen für die heimische Garage zählen, soll die Zukunft abgesichert werden.

          Investitionen in Glasfasern und Solarpanels

          Trotz unsicherer Zeiten werden dieses Jahr 22,5 Millionen Euro vor allem in den Glasfaserausbau und Photovoltaik investiert. „Den Ausbau erneuerbarer Energien werden wir mit viel mehr Druck als bisher vorantreiben müssen“, sagte Hoffmann angesichts der aktuellen Lage. Deshalb strebt das Unternehmen eine stärkere Zusammenarbeit mit Unternehmen an, um auch auf deren Gebäude Photovoltaikanlagen bauen zu können. Das schont die Landschaft, die sonst für diese Anlagen in Anspruch genommen werden müsste.

          Wie viele andere Energieversorger betreibt GGEW derzeit keine Neukundenakquise, weil der Markt unberechenbar sei, wie Hoffmann sagte. Der Umsatz im vergangenen Jahr lag bei 224,7 Millionen Euro, der Jahresüberschuss bei 2,6 Millionen und damit leicht über dem Jahr 2020. An die Aktionäre wurden drei Millionen Euro Dividende ausgeschüttet, die Mitarbeiterzahl beträgt 239 Personen.

          Zum Abschluss mahnte Hoffmann nochmals zum Sparen. 15 bis 20 Prozent Energieeinsparung seien ohne großen Wohlstandsverlust möglich. Nur durch Sparen könne eine staatliche Steuerung der Energieversorgung vermieden werden. „Dann wären wir in der Planwirtschaft.“ Und das wolle niemand.

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