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Energiekrise : Familien zahlen mehr als 4000 Euro für Gas im Jahr

Herunterdrehen: Um die Kosten für Gas zu senken, rät auch der Energieversorger Eswe seinen Kunden die Raumtemperaturen abzusenken. Bild: dpa

In den zurückliegenden 15 Monaten haben sich die Bezugspreise für Gas im Großhandel verzehnfacht. Nun erhalten Eswe-Kunden die neuen Abschlagszahlungen – und viele Tipps zum Energiesparen.

          3 Min.

          Die ersten der 50.000 Gaskunden von Eswe Versorgung in den vier Kommunen Wiesbaden, Taunusstein, Schlangenbad und Walluf werden schon am Mittwoch die befürchteten Briefe mit der Ankündigung einer kräftigen Tariferhöhung im Briefkasten vorfinden. Das kommunale Energieversorgungsunternehmen gibt zum 1. Oktober die stark gestiegenen Bezugspreise für Erdgas an seine Kunden weiter. Brutto erhöht sich der Gaspreis um 11,65 Cent je Kilowattstunde.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Nach den Berechnungen von Eswe Versorgung wird es für einen Singlehaushalt in einer Wohnung mit einem Gasverbrauch von 8000 Kilowattstunden 109 Prozent teuer. Die Jahreskosten steigen von 788 auf 1720 Euro. Eine Familie in einem Einfamilienhaus mit einem Verbrauch von 20.000 Kilowattstunden zahlt demnach 122 Prozent mehr. Auf das Jahr gerechnet bedeutet das eine Erhöhung von bislang 1746 auf 4076 Euro.

          Mehr Sorgen bereitet schon jetzt der Winter 2023/24

          Wer diese drastische Erhöhung zum Anlass nimmt, um in einem der Vergleichsportale nachzuschauen, ob sich ein Wechsel zu einem anderen Gasversorger lohnt, wird überrascht und enttäuscht sein. Stand Freitag vergangener Woche kommt die Wiesbadener Muster-Familie bei Eswe fast 30 Prozent günstiger an Gas als bei anderen Versorgern, die aktuell rund 5700 Euro im Jahr veranschlagen. Das liegt daran, dass Eswe Versorgung jetzt zugutekommt, was ihr sonst im Wettbewerb mit anderen Anbietern zum Nachteil gereicht. Während sich andere Unternehmen früher zu günstigen Spotmarktpreisen versorgten, ist Eswe als Grundversorger wie andere Stadtwerke auch darauf angewiesen, langfristige Lieferverträge zu festen Konditionen zu schließen. Diese werden jetzt von den sogenannten Vorversorgern unter Berufung auf „höhere Gewalt“ zwar reihenweise gekündigt, doch zumindest für den Winter 2022/23 steht Eswe noch vergleichsweise gut da. Mehr Sorgen bereitet Vorstandschef Ralf Schodlok schon jetzt der Winter 2023/24, wenn sich die Gasspeicher womöglich nicht mehr so gut füllen lassen wie in diesem Sommer. Schodlok spricht von einer „schwierigen Preispolitik“ und schließt eine weitere Erhöhung in drei Monaten nicht aus.

          Er verweist auf die exorbitant gestiegenen Beschaffungspreise im Großhandel, die von rund 20 Euro je Megawattstunde zum Jahresbeginn 2021 auf inzwischen mehr als 200 Euro je Megawattstunde im Terminhandel gestiegen seien. Diese Preise ergäben in Verbindung mit den Umlagen für die Gasbeschaffung und die Gasspeicher die deutlich höheren Kosten. Auch das Füllen der Gasspeicher habe preistreibende Wirkung. Schodlok erwartet Verwerfungen im Markt und auch, dass einige Anbieter sich ganz zurückziehen. Eswe selbst hat schon seit einigen Monaten die Neukundenakquise eingestellt. Eswe geht aber nicht soweit wie andere Anbieter, die teils horrende Abschreckungspreise für interessierte Neukunden aufrufen. Aber Schodlok spricht offen aus, dass Neukunden in dieser Phase eine Belastung sind, weil für sie zusätzlich Gas beschafft werden muss, und er hofft – wie die meisten Gaskunden – auf einen milden Winter. Der Markt sei so volatil wie nie zuvor, die Preise erreichten „bislang unbekannte Dimensionen“. Weil sich das nicht jeder wird leisten können, geht Schodlok davon aus, dass Eswe weitaus höhere Zahlungsausfälle bei seinen Kunden wird verkraften müssen, als das Unternehmen aus der Vergangenheit gewohnt ist. Daher fehlt es nicht an Hinweisen für die Kunden, wohin sie sich bei Zahlungsschwierigkeiten wenden können, bis hin zum Stellen eines Antrags auf Übernahme der Energieschulden beim Sozialamt oder Jobcenter.

          Mit der Preiserhöhung flattert zudem allen Kunden ein Faltblatt mit vielen Energiespartipps ins Haus. Die Fachleute gehen davon aus, dass die Bürger mit geringem Aufwand bis zu 20 Prozent der Energiekosten einsparen können. Wer sich nachts mit einer Raumtemperatur von 16 bis 18 Grad begnüge, der könne sogar bis zu 30 Prozent einsparen. Wer sicher ist, im Winter deutlich weniger Gas zu nutzen, der kann laut Eswe seine Abschläge auch wieder heruntersetzen lassen. Zur Vermeidung sehr hoher Nachzahlungen sei dabei aber Vorsicht geboten.

          „Die nächste Rechnung wird vielen die Augen überquellen lassen“, fürchtet auch der Mieterbund Wiesbaden. Er rät schon jetzt allen Mietern zur Rücklagenbildung für die „sehr wahrscheinlich hohen Nachzahlungen“ aus den künftigen Nebenkostenabrechnungen. Alle Mieter täten gut daran, alle Möglichkeiten zum Einsparen von Gas, Öl und Strom zu nutzen.

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