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Energiegenossenschaft : Energiewende selbstgemacht

Genossen, zur Sonne: Dirk Vongries, Benjamin Halberstadt, Helmut Nuß und Michael Würz (von links) auf dem Dach des Bürgerhauses Dreieich. Bild: Kretzer, Michael

Die Umstellung der Stromerzeugung auf dezentrale, erneuerbare Energiequellen lässt überall in der Region ein altes Geschäftsmodell wieder aufblühen: Die Genossenschaft.

          4 Min.

          Helmut Nuß brummt zufrieden. Die Hände auf dem Rücken verschränkt, schreitet er langsam durch die Solaranlage auf dem Dach des Bürgerhauses in Dreieich. Der nasse Kiesel knirscht unter seinen schwarzen Lederschuhen. Erst 18,5 Kilowattstunden Strom haben die blauen Zellen an diesem verregneten Tag aus den wenigen Sonnenstrahlen erzeugt, die vereinzelt durch die dichte Wolkendecke dringen. An guten Tagen schaffen sie 500 Kilowattstunden. Doch Helmut Nuß kann das nicht ärgern. „Solche Anlagen brauchen wir auf allen öffentlichen Dächern in Dreieich“, findet er.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Ein ambitioniertes Ziel. Doch Nuß ist es ernst damit, und so hat er selbst den Anfang gemacht. Er ist eines der ersten Mitglieder der Bürger-Energiegenossenschaft Dreieich. 20.000 Euro hat er bisher investiert und damit auch das Solarmodul mitfinanziert, über das er sich gerade beugt. „Alle reden doch immer von der Energiewende“, sagt der Vierundsechzigjährige, seine Stimme klingt jetzt ein bisschen verärgert. „Wir können aber nicht immer nur davon reden, wir müssen auch handeln.“ Als er in der Zeitung einen Prospekt der Energiegenossenschaft Dreieich fand, hat er gleich die Beitrittserklärung ausgefüllt.

          Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung

          Es sind Menschen wie Helmut Nuß, die dafür sorgen, dass ein altes Modell neu auflebt: Energiegenossenschaften boomen. Bürger schließen sich zusammen, bauen Biogasanlagen, stellen Windräder auf, installieren Solaranlagen. Und nehmen so die Energiewende selbst in die Hand. Während es im Jahr 2009 in Deutschland insgesamt nur 327 Energiegenossenschaften gab, kamen nach einer Auswertung der DZ Bank im Jahr 2010 129 weitere hinzu, 2011 noch einmal 174.

          Sie handeln nach den Prinzipien der beiden Gründer des Genossenschaftswesens in Deutschland, Friedrich-Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch: Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung. Energiegenossenschaften geht es nicht in erster Linie um die Rendite, sie wollen solidarisch wirtschaften - und so regional, umweltfreundlich und unabhängig von großen Konzernen Strom erzeugen.

          Wertewechsel

          So wie in Dreieich: Wie bei anderen Energiegenossenschaften in der Region, etwa in Mainz, kam auch hier der erste Impuls von der örtlichen Volksbank, die - selbst eine Genossenschaft - das Modell gut kennt. In den Geschäftsräumen der Volksbank Dreieich an der Offenbacher Straße sitzen Dirk Vongries, Sprecher der Bank, und Michael Würz, Geschäftsführer der Wirtschaftsbetriebe Dietzenbach, und diskutieren über die aktuellen Projekte. Beide sind im Vorstand der Genossenschaft und bezeichnen sich als „Überzeugungstäter“: „Wir wollen das Thema der erneuerbaren Energien in die Mitte der Gesellschaft tragen“, sagt Würz, „und ein Bewusstsein dafür schaffen, was jeder Einzelne tun kann.“ Vier Solaranlagen hat die Genossenschaft seit ihrer Gründung im September 2009 in Betrieb genommen: auf dem Rathaus Neu-Isenburg, dem Dienstleistungsbetrieb Neu-Isenburg, der Feuerwehr Offenthal und dem Bürgerhaus Dreieich. Den Strom speist die Genossenschaft ins öffentliche Netz ein, dafür bekommt sie Geld vom Bund, die Einspeisevergütung. Vorfinanziert werden die Solaranlagen durch Bankdarlehen. Für 500 Euro können die Mitglieder der Genossenschaft dann sogenannte Nachrangdarlehen gewähren, für die sie Zinsen bekommen. 3,1 Prozent Rendite wollte die Genossenschaft den Mitgliedern für die Anlage auf dem Dach des Bürgerhauses ursprünglich für 2011 auszahlen, am Ende wurden es 3,7 Prozent. Für die Anlage auf dem Dach des Feuerwehrhauses hat sie statt der veranschlagten 3,1 Prozent sogar 4,9 Prozent Rendite ausgezahlt. Ein guter Anreiz zu investieren - aber für viele nicht der einzige.

          Die internationale Finanzkrise und der Klimawandel hätten bei vielen Menschen einen Wertewandel ausgelöst, glaubt Theresia Theurl vom Institut für Genossenschaftswesen an der Uni Münster. „Nachhaltigkeit, Stabilität und Transparenz sind wieder viel wichtiger geworden.“ Diese Werte könnten Genossenschaften verkörpern. Denn sie müssen zum Wohle ihrer Mitglieder handeln. Und: Jeder hat, unabhängig von der Anzahl der Anteile, nur eine Stimme. „Die Menschen haben das Gefühl, so mehr selbst beeinflussen und gestalten zu können“, sagt Theurl.

          Erst nach 20 Jahren das Geld zurück

          Das wollen sie auch in Rodgau. Hier sitzt Volker Feldmann auf seiner Terrasse, die an diesem Tag als Freiluftbüro dient. Eigene Räume hat die örtliche Bürger-Energiegenossenschaft noch nicht - im Grunde gibt es sie noch gar nicht. Im März wollte sie sich offiziell gründen, alles sah gut aus. Monatelang hatten Feldmann und die anderen vier Mitglieder des Gründungsteams mit Anbietern über die Preise für Solaranlagen gefeilscht, mit der Stadt über die Pacht für öffentliche Dächer verhandelt, eine Kalkulation erstellt, Info-Veranstaltungen organisiert. Dann beschloss die Bundesregierung, die Einspeisevergütung statt erst zum Juli schon zum April um etwa fünf Cent pro Kilowattstunde zu kürzen. Die Energiegenossenschaft in Rodgau hätte damit für ihren Solarstrom weniger Geld bekommen. Zu wenig, sagt Feldmann: „Unsere Anlagen hätten sich so nicht mehr gerechnet.“ Auch wenn es Genossenschaften nicht um die Rendite geht, müssen sie profitabel sein, um zu überleben. Also fing Feldmann noch einmal ganz vorne an, verhandelte abermals mit Solarunternehmen und der Stadt und ist jetzt zum zweiten Mal kurz vorm Ziel. In den nächsten Wochen, hofft er, kann sich die Genossenschaft endlich gründen.

          In Dreieich ist man schon weiter, doch nach zweieinhalb Jahren läuft auch hier noch nicht alles rund. Zwar sind alle Anteile an der Solaranlage auf der Feuerwehr gezeichnet, und auch der Dienstleistungsbetrieb ist zu mehr als 80 Prozent ausgelastet. Doch an der Anlage auf dem Bürgerhaus ist das Interesse mit gut 23 Prozent bislang eher gering. Bank-Sprecher Vongries lehnt sich in seinem Stuhl zurück und schwenkt nachdenklich die Brille in seiner Hand hin und her. „Da muss schon noch was passieren“, sagt er.

          Dazu braucht es mehr Menschen wie Helmut Nuß, für den auch viel Idealismus in der Investition steckt. Er wird sein Geld erst nach 20 Jahren komplett von der Energiegenossenschaft zurückbekommen haben, doch das hat ihn nicht abgeschreckt.

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