https://www.faz.net/-gzg-9jyyi

Digitale Infrastruktur : Stromnetz begrenzt Wachstum von Rechenzentren

Bauboom: Rechenzentren entstehen in Frankfurt derzeit fast im Monatstakt. Bild: Rainer Wohlfahrt

Der Energiehunger der Rechenzentren, durch die aller Datenverkehr läuft, ist schier unersättlich. Deshalb muss das Stromnetz ausgebaut werden. Doch den Betreibern geht das bisher zu langsam.

          So viel und so groß in Frankfurt auch gebaut wird, keines der Vorhaben ist in seinem Energiebedarf vergleichbar mit den Rechenzentren, deren Zahl in Frankfurt fast im Monatstakt steigt. Deren Stromhunger ist riesig und wird immer größer, so dass man bei der Mainova-Tochter Netzdienste Rhein-Main (NRM) von einer „auf der Zeitschiene besonderen Branche“ spricht. Jens Prautzsch, der Geschäftsführer des Rechenzentrumsbetreibers Interxion, sagt sogar: „Der limitierende Faktor für unser Wachstum sind nicht zuerst die Baugrundstücke, sondern ist die Stromversorgung.“ Eine ähnliche Einschätzung geben auch andere Anbieter ab.

          Inga Janović

          Wirtschaftsredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nicht, dass in der Stadt die Energie knapp würde. Wohl aber ist das Netz so ausgelastet, dass es nur noch selten ohne erheblichen Aufwand möglich ist, große Stromverbraucher wie ein neues Rechenzentrum daran anzuschließen. In den einfachsten Fällen müssen lediglich neue Leitungen vom nächsten Umspannwerk zum Neubau gezogen werden. „Doch auch der Platz unter der Erde wird in der Stadt knapp. Auf manchen Trassen sind neun verschiedene Versorgungsleitungen übereinander verlegt. Nicht nur Strom, sondern auch Kanal, Telefon, Gasrohre, Glasfaserkabel“, beschreibt Frank Rose die Frankfurter Unterwelt. Er ist bei den Netzdiensten zuständig für das insgesamt 7.500 Kilometer lange Stromnetz der Stadt.

          Platz für Stromtrassen wird knapper

          Wenn in einen solchen Schacht nichts mehr hineinpasst oder das betreffende Grundstück noch gar nicht erschlossen ist, muss eine neue Trasse geschaffen werden. Aber der Platz für größere Stromtrassen werde knapper, ergänzt Roses Kollege Joachim Schwenk, zuständig für den Bereich Netzwirtschaft. Denn ohne weiteres dürfe man kein Kabel unter Bahnschienen oder Autobahnen hindurch verlegen.

          In jedem Fall kostet es neben Geld auch etliche Jahre Zeit, über längere Strecken neue Stromleitungen zu verbuddeln. Bevor das nämlich möglich wird, muss der Ausbau ein Planfeststellungsverfahren durchlaufen. Wenn zusätzliche Kapazitäten in den Umspannwerken gebraucht werden, kann ebenfalls viel Zeit vergehen. Der Bau einer großen Trasse könne von der Planung bis zur Fertigstellung bis zu fünf Jahre dauern, sagt Rose. Das ist zu lange für eine Branche, die den Stellplatz in ihren gut gekühlten Serverräumen meist schon verkauft hat, bevor auch nur der Erdaushub an der Baustelle begonnen hat. Die Betreiber der Rechenzentren, die sich in Frankfurt rund um den weltweit größten Internetknoten De-Cix angesiedelt haben, freuen sich über zweistellige Wachstumszahlen. „Der Bedarf ist riesig, und er wächst weiter. Wir können uns die Dimension noch gar nicht vorstellen“, sagt Prautzsch, dessen Unternehmen im Osthafen gerade das 14. Rechenzentrum fertigstellt und für das 15. dieser Art direkt am Ratswegkreisel gerade die Baugrube ausheben lässt.

          Eine Frage der Zeit und der Kosten

          Schon längst haben die Rechenzentren zusammen den Flughafen als größten Stromverbraucher in Frankfurt abgelöst. Allein das Rechenzentrum der Firma Telehouse im Gallus verbraucht so viel Energie wie die Gemeinde Dreieich. Verstärkt sich die Digitalisierung weiter und werden gar Technologien wie das autonome Fahren oder zumindest automatische Verkehrssteuerungen zur Praxis, wird sich der mobile Datenverkehr vervielfachen. Dadurch braucht es noch mehr Rechenzentren. Umso schneller wollen Interxion, E-Shelter, Equinix und die übrigen Anbieter natürlich ihre Kunden bedienen. Zwei Jahre hält Prautzsch, der sich mit Interxion auch im Bündnis „Digitale Infrastrukturen“ engagiert, für eine akzeptable Zeit, die zwischen Planungsbeginn und Inbetriebnahme liegen kann.

          Bei den Netzdiensten ist man sich des Problems bewusst. „Bei komplexen Trassenheranführungen können wir der zeitlichen Zielvorstellung unserer Kunden derzeit nicht in allen Fällen gerecht werden“, sagt Joachim Schwenk. Solange die Rechenzentren in der Nähe schon bestehender Infrastruktur entstünden, im Falle von Interxion etwa im Osthafen, habe man die Versorgung beschleunigt. Denkbar wären theoretisch auch ganz neue Standorte außerhalb der bisherigen Cluster im Ostend, im Gallus, in Rödelheim und Sossenheim, ergänzt Schwenk. „Das wäre aber eine Frage der Zeit und der Kosten.“

          Letztere trägt in der Regel der Kunde, also der Betreiber des Rechenzentrums. Prautzschs Unternehmen hat dafür schon etliche Millionen ausgegeben. Er fordert, dass es mehr Vorleistungen für die Infrastruktur geben müsse, etwa den Bau von Trassen, schon bevor jemand konkreten Bedarf anmeldet. „Mainova und NRM lösen für uns jedes Problem, wenn wir auf sie zukommen. Aber das kann nicht schneller gehen, als es geht, deshalb fehlt es an einer Strategie für die nächsten Jahre. Investitionen im Voraus gibt es keine“, beklagt Prautzsch. Die Engpässe lägen nicht nur in der Leistung der Trassen, sondern auch der Umspannwerke.

          Prautzsch fordert ein Umdenken. Das Stromnetz müsse vorausschauend auf den Bedarf vorbereitet werden. Schließlich seien Rechenzentren wichtiger Bestandteil der digitalen Infrastruktur. Andernfalls müsse Interxion darüber nachdenken, ein eigenes Kraftwerk zu errichten – oder Kunden, die weniger auf die Nähe zum De-Cix angewiesen sind, auf Interxion-Standorte anderswo in Europa zu verweisen.

          Rechenzentrum in Frankfurt Öffnen

          Weitere Themen

          EKG für unterwegs Video-Seite öffnen

          Infarkt oder nicht? : EKG für unterwegs

          Eine App fürs Handy und ein Kabel mit Elektroden - Cardiosecur hat ein mobiles EKG entwickelt. Gründer und Geschäftsführer Markus Riemenschneider erklärt im Video, wie das Ganze funktioniert.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.