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Dolmetscher für Flüchtlinge : Endlich jemand, der meine Sprache spricht

  • -Aktualisiert am

Ausgezeichnet: So wie dieser Dolmetscher an der deutsch-österreichischen Grenze sollen auch ehrenamtliche Dolmetscher in Frankfurt, die für einen Pool ausgewählt werden, bestimmte Westen erhalten Bild: dpa

Dolmetscher sind für viele Flüchtlinge mehr als nur Übersetzer. Frankfurt schafft nun feste Strukturen: Das Amt für multikulturelle Angelegenheiten soll die Ehrenamtlichen schulen und schützen.

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          Als Anfang September plötzlich 1000 Flüchtlinge in Frankfurt eine Unterkunft benötigten, begannen auch für Armin von Ungern-Sternberg stressige Tage. Nun zahlte sich das aus, was seine Behörde seit mehr als 25 Jahren fördert und fordert: ein multikulturelles Frankfurt. Binnen einer Stunde kontaktierte der Leiter des Amtes für multikulturelle Angelegenheiten (Amka) möglichst viele Menschen mit denselben Muttersprachen wie die Flüchtlinge und beorderte sie zum Hauptbahnhof. Dort wurden dringend Dolmetscher gebraucht, um eine babylonische Sprachverwirrung zu verhindern.

          Viele der Asylsuchenden aus Syrien konnten sich nur in Arabisch oder Farsi verständigen, Afghanen in Paschtu und Geflohene aus Eritrea in Tigrinya. Bis zu zwölf Stunden am Tag übersetzen die Ehrenamtlichen am Hauptbahnhof und in den Notunterkünften. Ungern-Sternberg ist sich sicher: „Ohne das Engagement der Dolmetscher, insbesondere der muslimischen, wäre weder die Registrierung noch die Gesundheitsüberprüfung der Flüchtlinge möglich gewesen.“

          Aufbau eines Dolmetscher-Pools

          Um der Arbeit der Übersetzer, die sich anfangs vor allem über soziale Medien koordinierte, eine Struktur zu geben, hat der Magistrat das Amka mit dem Aufbau eines Dolmetscher-Pools beauftragt. Wer übersetzen will, muss sich seit kurzem zunächst auf der Internetseite des Amtes registrieren. Man wolle in der ganzen Stadt einen einheitlichen Standard für Flüchtlings-Dolmetscher etablieren, sagt Ungern-Sternberg. Bald sollen ein Ausweis und eine einheitliche Jacke die Übersetzer autorisieren.

          Notgedrungen habe man anfangs nicht auf eine ausreichende Qualifikation der Helfer achten können. Deshalb habe es Fälle gegeben, in denen vermeintliche Dolmetscher falsch übersetzt hätten. Auch auf einen ausreichenden Versicherungs- und Impfschutz will Ungern-Sternberg künftig mehr Wert legen. Und für Übersetzer, die mit minderjährigen Asylsuchenden zu tun hätten, müsse ein erweitertes Führungszeugnis vorliegen.

          Bisher haben sich rund 300 Helfer registriert, und es werden immer mehr. Etwa drei Viertel von ihnen sind Muslime. Auch Banker und Mitarbeiter von Fluggesellschaften sind darunter. 30 Interessierte haben sich schon persönlich beim Amka vorgestellt, in dem mittlerweile zwei neue Stellen für die Koordination der Dolmetscher geschaffen wurden. Nur wer den Mitarbeitern bekannt ist, kann langfristig Teil des Pools bleiben.

          „Ich das Gefühl: Hier bin ich richtig“

          So wie Hind Ettabaa. Die 35 Jahre alte Marokkanerin, die seit acht Jahren in Deutschland lebt, engagiert sich als Übersetzerin, seit die ersten Flüchtlingszüge am Hauptbahnhof ankamen. Durch den Verein Islamische Informations- und Serviceleistungen, bei dem sie Mitglied ist, habe sie erfahren, dass schnellstmöglich Sprachkundige gesucht würden. Weil ihr Mann, ein Syrer, einst selbst in die Türkei habe fliehen müssen, sei es für sie selbstverständlich gewesen, zu helfen. Seitdem übersetzt Ettabaa schichtweise während der ärztlichen Sprechstunden in der Fabriksporthalle in Fechenheim und begleitet Frauen zum Arzt. Ihr Medizinstudium, das gerade für ein Semester ruht, hilft ihr, auch komplizierte medizinische Sachverhalte zu erklären.

          Die Mutter von zwei Kindern verhehlt nicht, dass die Einsätze für sie vor allem zu Beginn sehr belastend waren und sie das Gehörte und Gesehene mit nach Hause nahm. Sie berichtet von einer Irakerin, die mit ansehen musste, wie ihr Mann und ihr Sohn in den Kriegswirren ums Leben kamen. Erst nach zwei Wochen habe sie die Frau davon überzeugen können, Antidepressiva einzunehmen. Auch viele andere Asylsuchende brauchen laut Ettabaa psychologische Betreuung.

          Ungern-Sternberg weiß, dass die Arbeit als Dolmetscher nicht ohne Risiko ist. Für viele Asylsuchende sind die Ehrenamtlichen nicht nur Übersetzer, sondern auch Bezugsperson. Häufig sind sie die Ersten, denen die Flüchtlinge ihre Geschichte erzählen können. Eine banale Frage, etwa nach der Herkunft, genügt manchmal, um als Antwort eine erschütternde Geschichte von Flucht und Vertreibung zu bekommen.

          Damit die Dolmetscher, die im Oktober zusammen rund 1100 Einsatzstunden geleistet haben, selbst nicht darunter leiden, will Ungern-Sternberg sie möglichst gut auf ihre Einsätze vorbereiten. Außer Schulungen sollen bald auch Gesprächskreise angeboten werden, in denen die Übersetzer gemeinsam über das Erlebte sprechen können.

          Die Medizinstudentin Ettabaa hat mit der Zeit gelernt, eine innere Distanz zu ihrer Arbeit aufzubauen. Trotz allem ist sie froh, helfen zu können: „Wenn ich in der Halle bin, habe ich das Gefühl: Hier bin ich richtig.“

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