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„Land gefährdet Gemeinwohl“ : Ende der Jagd

  • -Aktualisiert am

Hat ein Niederwildrevier in der Wetterau gepachtet: Andreas Mohr Bild: Esra Klein

Viele Jäger in Hessen laufen Sturm gegen die neuen Richtlinien der Landesregierung. Einer von ihnen ist Andreas Mohr. Er glaubt, dass die geplante Verordnung bedrohte Arten gefährdet - und das Gemeinwohl.

          Andreas Mohr steigt aus seinem silbernen Geländewagen. Der ist kantig, hat viel Bodenfreiheit und eignet sich, anders als moderne, formschöne SUV, tatsächlich fürs Gelände. Im Kofferraum warten seine beiden Hunde, deren tiefbraunes Fell durch das Heckfenster zu erkennen ist. Mohr trägt mit Schlammspritzern übersäte schwarze Stiefel und einen dunkelgrünen Mantel. Auf seiner schwarzen Kappe prangt das Logo des Landesjagdverbandes Hessen. Aber auch ohne den Schriftzug lässt sich erkennen, dass Mohr Jäger ist. Was ihm fehlt, ist nur ein Gewehr.

          Der Mann mit dem leichten Buckel und den kräftigen Händen benutzt seine Waffe nur selten. In seinem Niederwildrevier, das sich über 500 Hektar in den Gemarkungen von Reichelsheim-Heuchelheim und Echzell-Gettenau mitten in der Wetterau erstreckt, gibt es nicht genügend Rebhühner und Hasen. Um den Bestand nicht endgültig zu gefährden, lassen Mohr und seine Jagdgesellen die wenigen Tiere in Ruhe. Aber ihnen schwant Böses. Sollte die umstrittene neue Jagdverordnung des Landes in Kraft treten, könne das lebensbedrohlich für die Arten sein, die eigentlich geschützt werden sollten. Deshalb sei er von der Regierung, sagt Mohr, „maßlos enttäuscht“.

          Mohr ist Mitglied im Jagdverein Hubertus in Büdingen und fährt mit seinem Geländewagen drei- bis viermal in der Woche nach Heuchelheim. Das Revier hat er im vergangenen Jahr als Pächter von einem Bekannten übernommen. Zehn bis 15 Jäger bildet Mohr auf dem Areal jedes Jahr aus. Früher wurde dort Braunkohle abgebaut. Heute trennen Feldwege, Hecken und Wassergräben die großflächigen Äcker voneinander ab. Vereinzelt finden sich dazwischen Hochsitze. Das Revier ist ein hervorragender Lebensraum für Niederwild. Vereinfacht gesagt zählt dazu alles außer Wildschwein und Hirsch. Neben Rebhühnern und Hasen sind dort auch Füchse, Marder, Wiesel, Dachse, Krähen und Elstern zu Hause.

          Pro 100 Hektar 34 Hasen

          Mohr ist für die Hege verantwortlich und sorgt dafür, dass keine Art die Oberhand über eine andere gewinnt. Sein großes Ziel ist es, aus dem Gelände irgendwann wieder ein echtes Jagdrevier zu machen. Doch davon ist er noch weit entfernt. Mohr berichtet, dass pro 100 Hektar 34 Hasen in dem Gebiet lebten, die Hälfte davon sei weiblich. Zwischen neun und 16 Junge bringe ein Hasenweibchen im Jahr zur Welt. Mohr rechnet vor, dass pro Jahr mindestens 153 Langohren je 100 Hektar geboren werden. Auch wenn nicht alle Jungen überlebten, müsste die Population also wachsen. Aber die Zählungen im Frühjahr und Herbst lieferten immer dasselbe Ergebnis: 34 Hasen.

          Die Stagnation stellt Mohr vor ein Rätsel. Versuche mit präparierten Vogelnestern deuten auf Ursachen hin. Möglicherweise werden drei Viertel des Hasennachwuchses von Räubern wie Fuchs, Dachs, Wiesel und Greifvögeln gefressen. Der Rest könnte Krankheiten, Autos oder Landmaschinen zum Opfer fallen. Mohr ist überzeugt, dass es „auf dieser Fläche einen zu großen Hunger gibt“.

          Deshalb wollen er und seine „Jungs“ den Druck der Fleischfresser auf Rebhuhn und Hase, so gut es geht, verringern, auch wenn sie dafür manchmal zu drastischen Mitteln greifen müssen: Jedes Jahr im Mai erschießen sie den Nachwuchs der sieben hier lebenden Fuchsfamilien. Das sei „keine schöne Arbeit“, doch sie sei notwendig. Die jungen Füchse äßen nämlich 320 Gramm Fleisch am Tag. Doch so viel gebe das Revier nicht her. Laut der geplanten Jagdverordnung dürften die Füchse künftig erst vom 1. August eines jeden Jahres an bejagt werden. Das sei jedoch viel zu spät, sagt Mohr. „Bis dahin ist es zu Ende mit Hasen und Rebhühnern.“

          Auch für die Menschen in der Wetterau könnten die neuen Vorschriften negative Folgen haben, befürchtet Mohr, der in Büdingen ein Ingenieurbüro für Umweltschutz betreibt. Schon heute sei es schwierig, für jedes der 230 Niederwildreviere im Wetteraukreis einen Verantwortlichen zu finden. Und wer, fragt er, wolle ein Revier pachten, in dem es nichts mehr zu jagen gebe? Wer wolle dann noch seine Zeit dafür opfern, sich mit Behörden, Landwirten und Naturschützern abzustimmen?

          Die geplante Verordnung nehme nicht nur dem Jägernachwuchs die Motivation. Auch den in Jagdgenossenschaften organisierten Grundstückseigentümern entginge ohne die Erträge aus der Verpachtung ihrer Flächen viel Geld. Geld, das laut Mohr vielerorts zum Beispiel in Noten für Gesangsvereine, Spielzeug für Kindergärten oder Kochutensilien für Frauenvereine investiert wird.

          Mohr ist ernüchtert. „Die neue Verordnung hätte eine tolle Geschichte werden können“, sagt er. Aber er vermisse eine „Leuchtturmidee“. Der Vorschlag der Landesregierung enthalte statt dringend benötigter Hilfestellungen, wie Ortsansässige die Reviere gemeinsam verwalten könnten, vor allem Verbote. Dem Artenschutz nütze es kaum, wenn Rebhühner, aber auch Räuber wie Marder und Iltis nicht mehr abgeschossen werden dürften. Die Schuld sieht Mohr in erster Linie bei den Grünen, die zu dirigistisch dächten und deren Ideen realitätsfern seien. Seinen Unmut hat der Dreiundfünfzigjährige auch in der letzten Anhörung zum Thema im Landtag geäußert. Seiner Meinung nach hat der Naturschutz bei den Jägern einen hohen Stellenwert. Weil er weiß, dass viele das anders sehen, wünscht er sich statt des Streits um ein Regelwerk lieber einen gesellschaftlichen Diskurs, „einen Dialog mit Lust und Freude“.

          Am frühen Abend steht Mohr am Ufer des Pfaffensees. Das Gewässer ist Teil des Naturschutzgebietes zwischen Reichelsheim und Echzell. Vor der Abendsonne zeichnen sich die Silhouetten Hunderter Vögel ab. Manchmal komme er nur her, um die Landschaft zu genießen. Ob ihm die schöne Aussicht aber auf Dauer genügen würde, weiß er nicht. Ein Jäger ohne Gewehr - das geht eigentlich nicht.

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