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Boxkampf in Wetzlar : Wo ihn jeder kennt

  • -Aktualisiert am

Das Risiko dürfte sich in Grenzen halten: Emir Ahmatovic (rechts) freut sich auf den Kampf in Wetzlar. Bild: Picture-Alliance

Emir Ahmatovic ist ein Aushängeschild Wetzlars. Sein Kampf gegen den Polen Zygmunt in der Heimatstadt soll ein Zwischenschritt Richtung WM-Kampf sein.

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          Auf dem Podium der Open-Air-Pressekonferenz haben die Veranstalter den Berufsboxer Emir Ahmatovic neben dem Wetzlarer Oberbürgermeister Manfred Wagner plaziert. Ein Ehrenplatz zwei Tage vor dem Ernstfall. Man kennt sich, man schätzt sich. Rückblende: Vor 18 Jahren hat die Familie des heutigen Modellathleten den Krieg in Serbien hinter sich gelassen und in Deutschland Zuflucht gesucht. Emir, Jüngstes von den drei Kindern, hat Ende 2012 den deutschen Pass bekommen.

          Vielleicht hätte er ihn heute immer noch nicht, aber er hatte ja Fürsprecher, die sich für ihn eingesetzt haben, damit er endlich für Deutschland boxen konnte – als Amateur im Nationaltrikot. Seit diesem Jahr ist Emir Ahmatovic Preisboxer. Und der Bürgermeister ist mächtig stolz „auf diesen Sportler, den wir gerne in der Stadt haben. Hier wurde das Fundament gelegt, um groß rauszukommen.“

          Für höhere Aufgaben empfohlen

          Für das Fernsehen (Live-Übertragung in Sat1.) ist das Duell des Potsdamers Tyron Zeuge, WBA-Weltmeister im Supermittelgewicht, gegen den englischen Herausforderer Paul Smith der Hauptkampf des Abends. Für den OB und so manchen Mitbürger ist es der Auftritt von Emir Ahmatovic, der in Wetzlar geblieben ist, wo immer er sich auch verdingte. „Ich bin immer noch Mitglied von Sportwelt Westend“ betont der heute Dreißigjährige. Das hört sich so entschieden an, als wollte er es weiter so halten, komme, was wolle. Dort hat er mit dem Kickboxen angefangen, ist ziemlich schnell zum olympischen Faustkampf gewechselt und ist mit 16 Jahren Hessenmeister seiner Altersklasse geworden. Rainer Simon, damals Jugendwart des Hessischen Box-Verbands, hat auf Anhieb „sein Potential“ erkannt.

          „Einer, der die Situation im Ring schnell erfasst, entsprechend handelt, beseelt von einem unbedingten Siegeswillen.“ Simon, der sich für das Boxteam Lahn engagiert und für Ahmatovic zur zweiten sportlichen Heimat wurde, hat ihn in der Bundesliga-Staffel von Hertha BSC Berlin untergebracht. Es hatte gedauert, bis der Deutsche Boxsport-Verband beim Stichwort Ahmatovic hellhörig wurde. Erst mit den Erfolgen in der Liga nahm das Bemühen der Funktionäre Fahrt auf, ihm zur deutschen Staatsbürgerschaft zu verhelfen.

          Ausgestattet mit dem deutschen Pass, empfahl sich der Soldat der Sportfördergruppe mit dem Gewinn des Chemiepokals in Halle für höhere Aufgaben. Unter den Zuschauern war Kulttrainer Ulli Wegner, der damals schon ein Auge auf den Schwergewichtler geworfen hatte. Ahmatovic wurde später Dritter der Europameisterschaft und Fünfter der WM, ehe ihn eine hartnäckige Schulterverletzung bremste, aber nicht aus der Bahn warf.

          Nicht mehr als eine reizvolle Idee

          Nachdem Olympia in Rio ohne ihn über die Bühne gegangen war, hat er sich nicht noch einmal auf die Mühen einer olympischen Kampagne einlassen wollen und beim Sauerland-Boxstall angeheuert. Seit Januar hört er auf die Kommandos der Vaterfigur Wegner. Ahmatovic zählt zur sogenannten „jungen Garde“ des Unternehmens, zu dem auch der Frankfurter Leon Bunn gehört, der an diesem Samstag ebenfalls im Rahmenprogramm der Box-WM zu sehen ist. Bunn bestreitet den fünften Kampf, Kollege Ahmatovic den siebten von neun Kämpfen der extrem langen Boxnacht von Wetzlar.

          Ahmatovic bekommt es mit dem Polen Lukasz Zygmunt zu tun. Dessen Kampfrekord (8 Kämpfe, 2 Siege) verrät, dass sich das Risiko für den Lokalmatador in Grenzen hält. Für Ahmatovic ist es der dritte Fight als Preisboxer. „Die Aufregung davor wird auch mit 200 Kämpfen nicht weniger“, gesteht er. Als Amateur stand er 120 Duelle durch, hat davon nur 15 verloren. Vor elf Jahren war Ahmatovic in der Wetzlarer Rittal-Arena unter den Zuschauern, als Arthur Abraham trotz doppelten Kieferbruchs weiterboxte und die Karriere damit entscheidend in Schwung brachte. Für den damaligen Teenager Ahmatovic war es seinerzeit nicht mehr als eine reizvolle Idee, eines Tages vielleicht auch im Rampenlicht zu stehen. Natürlich nicht mit lädierter Visage, sondern als strahlender Triumphator.

          „Eine schöne Entwicklung“

          Um die Weltmeisterschaft boxen zu können, braucht es in seinem Fall „keine zweieinhalb Jahre“, legt sich Wegner fest. Jetzt boxt Emir Ahmatovic erstmal dort, „wo mich jeder kennt“. Die Anspannung wächst von Minute zu Minute. Wer ihm im Ring gegenübersteht, hat er erst in der vergangenen Woche erfahren. Er hat ein Foto vom Polen gesehen, das war’s. Und dem Internet entnommen, dass dieser größer ist als er selbst mit seinen 1,88 Meter und einem Normalgewicht um die 95 Kilogramm. Seine Nase hat er schon mehrfach gebrochen. Mit der Bemerkung „Berufsrisiko“ geht er zur Tagesordnung über.

          Nach dem offiziellen Termin tauschen sich Oberbürgermeister und Boxer noch kurz aus. „Es war ein langer Kampf, ein langer Weg für ihn“, sagt Wagner. Da klingt Respekt für das Durchhaltevermögen des Sportlers durch. „Er hat eine schöne Entwicklung genommen. Er ist ein Beispiel dafür, dass es sich lohnt zu kämpfen.“ Im Weggehen bemerkt Ahmatovic in einem Nebensatz „es ist möglich.“ Eine Anspielung auf den sozialen Aufstieg ohne Gewähr. Der OB versichert: „Wir begleiten ihn gern, es wird eine gute Kulisse. Ein großer Rahmen.“ Wagner wird an diesem Samstag am Ring sitzen. Ehrensache für den Ehrengast.

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