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„Eltern wissen nicht von uns“ : Tagesmütter würden gerne mehr Kinder betreuen

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Volles Haus: Bis zu fünf Kinder darf eine Tagesmutter gleichzeitig in Vollzeit betreuen und erhält dafür pro Kind 946 Euro im Monat von Stadt und Land. Bild: dpa

Trotz des Rechtsanspruchs auf einen Kita-Platz haben Tagesmütter noch viele Plätze frei. Ihre Angebote seien einfach zu wenig bekannt, doch die Stadt Frankfurt sieht hier kein generelles Problem.

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          Heike Erlenbach kann nicht über mangelnde Beschäftigung klagen. Momentan betreut die Tagesmutter aus Frankfurt jeden Tag drei oder vier Kinder in ihrer Wohnung. Hinzu kommen gelegentlich Pflegekinder von Kolleginnen und Kollegen, sollten diese wegen Krankheit ausfallen. Doch im nächsten Jahr werden Kinder aus ihrer Gruppe in den Kindergarten wechseln. Die freien Plätze, so fürchtet Erlenbach, wird sie dann wohl nur schwer nachbesetzen können. „Hessenweit wird es für Tagespflegepersonen immer schwieriger“, sagt die Tagesmutter, die auch Vorsitzende des Landesverbands für Kindertagespflege ist. Und das trotz des Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz für Kinder unter drei Jahren, der auch für die Tagespflege gilt.

          Problematisch sind für die Tagespfleger, von denen es aktuell gut 500 in Frankfurt gibt, vor allem die finanziellen Auswirkungen der freien Plätze. Bis zu fünf Kinder gleichzeitig darf eine Tagesmutter betreuen, dafür bekommt sie von Stadt und Land gemeinsam Geld. Kümmert sich eine Tagesmutter in Frankfurt in Vollzeit um ein Kind, also zwischen 35 und 45 Stunden in der Woche, erhält sie dafür monatlich 946 Euro. Bei fünf Kindern sind es 3925 Euro. Freie Plätze bedeuten also geringeres Einkommen. „Drei Kinder brauchen die meisten Tagesmütter schon, um auszukommen“, sagt Erlenbach.

          „Wünschen uns mehr Unterstützung“

          Vor allem der massive Ausbau von Kindertagesstätten in den vergangenen Jahren macht den Tagesmüttern Sorgen. Denn anders als mit Kitas und Krippen seien viele Eltern mit der Betreuungsform der Tagespflege längst nicht so vertraut. „Eltern wissen einfach gar nicht, dass es uns gibt“, sagt Erlenbach. Diesen Verdacht hat auch Laverne Lilje. Die Vorsitzende des Frankfurter Kindertagespflegevereins sieht ihre Kollegen in der Pflicht, mehr für ihre Sache zu werben. Auch das Stadtschulamt sei gefragt. „Wir fühlen uns bei der Vergabe von Betreuungsplätzen nicht direkt benachteiligt, wünschen uns in bestimmten Stadtteilen aber mehr Unterstützung“, sagt Lilje.

          Das Schulamt ist für die Zulassung der Pflegepersonen zuständig, dorthin wenden sich auch viele Eltern auf der Suche nach einem Betreuungsplatz für ihr Kind. Das Amt informiert dann über freie Plätze in Kitas und Krippen, möglichst nahe am Wohnort. Vom Amt werden Eltern auch auf die Tagesmütter hingewiesen. Die würden aber nach wie vor etwas stiefmütterlich behandelt, sagt Erlenbach. Das Angebot der Tagespflege sei beim Amt nicht so präsent wie von den Tagesmüttern gewünscht.

          Bei Kita Kosten ähnlich hoch

          Im zuständigen Bildungsdezernat von Sarah Sorge (Die Grünen) kennt man die Befürchtungen der Tagespflegepersonen. Aber nicht alle werden auch geteilt. Von den gut 880 Plätzen bei Tagesmüttern in Frankfurt seien weniger als zehn Prozent frei, sagt Sorges Referentin Elke Voitl. Zudem handele es sich bei den meisten freien Betreuungsstellen um Teilzeitplätze. Eltern könnten in diesen Fällen ihre Kinder etwa nur vormittags in die Obhut einer Tagesmutter geben. Das sei nun einmal nicht so gefragt wie ein Platz in der Kita, sagt Voitl. Was die Vermittlung der freien Plätze angeht, sieht die Referentin keine Versäumnisse des Stadtschulamtes. „Wir bieten beide Formen, Krippe und Tagesmutter, als absolut gleichwertig an.“ Eltern bekämen auch immer beide Angebote vorgestellt.

          Um zusätzlich die Popularität der Kindertagespflege zu steigern, plane man noch in diesem Jahr eine Image-Kampagne. „Tagespflege ist ein wichtiger Teil des Betreuungsangebots. Wir brauchen neben den Kitas auch die Tagespflege. Und zwar dringend“, so Voitl.

          Egal, ob Kita oder Tagesmütter – die Kosten für Eltern sind ähnlich hoch. 198Euro im Monat werden für einen Platz in der städtischen Kita fällig, 225Euro für die Vollzeitbetreuung bei der Tagesmutter. Unterschiedlich ist vor allem das Betreuungskonzept. Im Gegensatz zu den größeren Gruppen in einer Tagesstätte sei in der Tagespflege ein individuellerer Umgang mit jedem Kind möglich, sagt Lilje. Die Betreuung sei ähnlich wie in einer großen Familie.

          „Wir sind gut qualifiziert“

          Schwieriger wird es für die Eltern hingegen, wenn die Tagesmutter einmal ausfällt. Sollte sie krank werden, müssen sich die Eltern in der Regel darauf einstellen, dass ihre Kinder nicht betreut werden können. Doch auch dafür wollen die Tagesmütter eine Lösung finden. Wie im Fall von Heike Erlenbach sollen Vertretungsnetzwerke aufgebaut werden, die die Betreuung der Kinder sicherstellen, auch wenn Kollegen krank werden.

          Mindestens 160 Ausbildungsstunden müssen angehende Tagesmütter und -väter absolvieren, bevor sie in Frankfurt eine Pflegeerlaubnis erhalten können. „Wir sind gut qualifiziert“, sagt Landesvorsitzende Erlenbach. Vorschläge, wonach Tagesmütter mit zu wenigen Kindern in Kitas angestellt werden könnten, sehen die Vertreter der Tagespflege zwiespältig. Es gebe Gründe, aus denen sich Tagesmütter für diese Form der Betreuung entschieden hätten. Für manche von ihnen könne eine Anstellung in einer Kita das Richtige sein, eine generelle Lösung sei das aber nicht.

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