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Elektronische Musik : Die Pioniere des neuen Klangs

  • -Aktualisiert am

Will weiter am Experiment arbeiten: Jan Hagenkötter auf dem Gesamtwerk seines Labels Infracom Bild: Andreas Schmidt

Seit 20 Jahren erscheint beim Frankfurter Label Infracom innovative elektronische Musik. Die Geschichte aber beginnt viel früher – als die Frankfurter Szene Maßstäbe setzte.

          Damals war mehr Vielfalt. Wer in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre im Frankfurter Nachtleben unterwegs war, konnte auch hypnotisch-harten Techno und glamourösen House hören, die zum Mainstream aufstiegen. Aber einige DJs in kleineren Clubs oder bei informellen Partys haben an ungewöhnlichen Orten ganz andere Sounds geboten. Ihr Pioniergeist traf auf ein interessiertes, damals wachsendes Publikum.

          Schon in jenen Jahren manifestierte Namé Vaughn als visionärer DJ und Impulsgeber der Veranstalter „Die Hybriden“ seinen legendären Ruf. Diese Partymacher fanden die bizarrsten Partylocations, in Rohbauten oder dem Inneren von Brücken, gleichzeitig legte Vaughn die spannendste Musik auf. Dabei blieb er auch in den neunziger Jahren, nach dem Ende der vagabundierenden Events. Mit unbeirrter Underground-Haltung entwickelten Vaughn und sein Partner Jan Hagenkötter in der Folge ihr Infracom-Konzept.

          Vernetzung ist wichtig im Independent-Bereich

          „Es ging uns darum, mit unabhängigen Strukturen neue Musik vorzustellen“, sagt Hagenkötter heute, „unser Fokus lag auf unbekannten Künstlern mit besonderem Profil.“ Beinahe selbstverständlich erschien Shantels erste Platte 1994 bei Infracom, denn Hagenkötter und Stefan Hantel alias Shantel kannten sich schon seit Schulzeiten aus dem Hanauer Live-Club „Kuba“. Ebenso veröffentlichte Infracom ein Projekt von Peter Schwalm, der später mit dem britischen Starproduzenten Brian Eno arbeiten und internationale Feuilletons begeistern sollte. Es folgten wegweisende Drum & Bass-Produktionen und immer mehr internationale Künstler, die sich von Stereotypen absetzten. Darunter die amerikanische Soul-Sängerin Jhelisa, die italienischen Mop Mop und die Vertreter der Wiener Downtempo-Schule Aromabar. Mit dem gewitzten Projekt „re:jazz“ landete Infracom einen anhaltenden Hit, dessen Ästhetik manche Nachahmer fand.

          Wie wichtig Kommunikation und Vernetzung gerade im Independent-Bereich sind, erkannten Vaughn und Hagenkötter schon lange vor dem Internet. Die Silbe „com“ im Firmennamen stand für einen wichtigen Aspekt in der Arbeit der agilen Unternehmer. Während der ersten Jahre verlegte das Duo das gedruckte Magazin „Tribes“, das sich optisch relativ eng an Hiphop anlehnte, inhaltlich aber ein weites Spektrum abdeckte. „Die Musik, die wir herausbrachten, war noch relativ neu, und es gab nicht viele Medien, die darüber berichteten, also mussten wir das selbst machen.“ Gleichzeitig wirkten Vaughn und Hagenkötter maßgeblich am Aufbau des nichtkommerziellen lokalen Senders Radio X mit, der zum Sprachrohr einer Szene wurde, die im öffentlich-rechtlichen Programm keine Verbreitung fand. Noch vor der ersten Plattenproduktion setzte Infracom ein markantes Zeichen mit einer MusiCassette im „Hometaping“-Stil. Die Compilation enthielt unter anderem Stücke von Shantel, Schwalm, Oliver Lieb, dem Raggamuffin Soundsystem, Jim Avignon und dem Projekt Freundschaft um Oliver Augst.

          „Als wir anfingen, was der Zeitgeist sehr offen“

          Wie sein 2004 verstorbener Partner lernte auch der 1969 geborene Hagenkötter durch seine Familie die amerikanische Kultur kennen. Nach der Scheidung seiner Eltern avancierte der neue Freund der Mutter zur Inspirationsquelle. Der in Deutschland stationierte Soldat brachte Jan vom Rock zum Funk und zu einem DJ-Equipment. „Bei seiner Rückkehr in die Staaten wollte er sein Soundsystem loswerden“, erinnert sich Hagenkötter, „um die Plattenspieler und das Mischpult zu kaufen, tat ich mich mit Namé zusammen, der gerade mit den Hybriden abgeschlossen hatte. Finanziert haben wir die Sachen dann durch Parties unter der Brücke im Osthafen oder bei Fritz Deutschland.“ Der Kauf der Anlage im Sommer 1992 markierte gleichzeitig die Gründung von Infracom. Veranstaltungen jenseits von üblichen Partys, mit bildender Kunst oder Performances, blieben lange ein Standbein des kreativen Duos.

          „Als wir anfingen, war der Zeitgeist sehr offen“, sagt Jan Hagenkötter, „damals konnte man nach der Devise ,denke global, agiere lokal‘ handeln und erst mal Outlaw sein, um später populär zu werden.“ Die Chancen, sich etwas Ungewöhnliches auszudenken und dieses zu refinanzieren, seien heute in der Musik ungleich kleiner. „Es gelang uns fast immer, wenigstens 2000 Einheiten zu verkaufen, was allen Beteiligten ermöglichte, weiterzumachen. Davon ist nun keine Rede mehr. Wenn deine Musik heute nicht beim ersten Mal kommerziell funktioniert, kannst du sie eigentlich nur noch als Hobby weitermachen.“

          Namé Vaughn (links) und Jan Hagenkötter, wie Jim Avignon sie sah

          Waren es Ende der neunziger Jahre die virtuellen Tauschbörsen, die Umsätze einbrechen ließen, sind nun Internetdienste wie Spotify für musikalische Kleinunternehmen eine existentielle Bedrohung. Die Verfügbarkeit, nicht der Besitz zählt, zumindest bei jenen Hörern, die auf kurzlebige Hits aus sind und sich mit dem reduzierten Klang eines MP3-Datensatzes begnügen. Jan Hagenkötter ist zu lange im Geschäft, um sich Illusionen hinzugeben. „Ich werde den Sarg nicht verhindern, zu dem Spotify aktuell die meisten Nägel liefert“, sagt er, „das Streaming wird nicht mehr verschwinden. Es könnte den Independent-Firmen und -Künstlern allenfalls etwas bringen, wenn es mehr zahlende Abo-Kunden gäbe.“ Die Abwärtsspirale habe aber ihr Ende noch nicht erreicht. Gerade versuchten Apple und Youtube, die den Trend verschlafen hätten, zu noch schlechteren Konditionen Musik bei Labels einzukaufen. Solche Konzerne würden längst die früher viel kritisierten ausbeuterischen Tendenzen der Major Companies auf die Spitze treiben.

          „Die Freiheit, die wir in den Achtzigern und Neunzigern hatten, war leider temporär“, meint Hagenkötter, „wir konnten als Indie-Label im Fahrwasser der boomenden Industrie einfach mitschwimmen.“ Als die Krise unausweichlich wurde, verlagerte er für ein Jahr seinen Lebensmittelpunkt nach Vietnam, wo die familiären Wurzeln seiner Frau liegen. Mit ihr, einer Informatikerin, entwickelte er einen Service für digitale Promotion, der inzwischen von vielen internationalen Plattenfirmen genutzt wird.

          Jan Hagenkötter hadert nicht mit dem Lauf der Welt, auch wenn er manche Entwicklung kritisch verfolgt. Immerhin gäbe es anderswo echte Lichtblicke. Dieser Tage war er wieder in Asien unterwegs, mit Engagements als DJ in Saigon, Hanoi, Phnom Penh, Hongkong und Manila. Gleichzeitig recherchierte er in Vietnam historische Musik für ein geplantes Dokumentar-Projekt. Die rasante Entwicklung in Metropolen wie Ho-Tschi-Minh-Stadt verblüfft ihn immer noch.

          „Wenn mit dem Veröffentlichen von Platten auf unserem Niveau keine großen Gewinne zu erwirtschaften sind, kann ich zwar weniger produzieren, aber dafür wieder etwas mehr experimentieren“, blinzelt Hagenkötter in die Zukunft. Anlässlich des Jubiläums erschien gerade die Compilation „20+ Years Rooted In Jazznotjazz“, die durchweg neue Stücke vieler bekannter Infracom-Künstler enthält. Manche Formationen wie Megashira, Phoneheads oder Dublex Inc. fanden sich tatsächlich dafür noch einmal im Studio zusammen. Obwohl sie seit Jahren nicht mehr in der ursprünglichen Konstellation gearbeitet hatten.

          Kommender Auftritt

          Am 5. Dezember legt Jan Hagenkötter nach dem Konzert der Band No Lega Jazz-verwandte Musik in der Frankfurter Freitagsküche, Mainzer Landstraße 105, auf.

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