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Elektrische Flöte aus Fulda : Keith Richards an der Blockflöte

Lass krachen: Wenn Nik Tarasov in die E-Flöte bläst, dröhnt es in den Verstärkern. Bild: Stefan Finger

Mollenhauer aus Fulda ist einer der größten Flötenbauer Europas. Eine E-Flöte soll das angestaubte Image aufpolieren. Auf der Musikmesse will die Firma nun auch Rocker anlocken.

          3 Min.

          Die Blockflöte ist uncool. Für Kinder ist sie ein gutes Einsteigerinstrument. Doch wenn sie älter werden, legen die meisten ihre Flöte doch lieber wieder zur Seite. Zu brav, zu leise, zu langweilig. Selbst mit viel gutem Willen lässt sich mit dem kleinen länglichen Holzstück vor dem Mund keine Rockerpose einnehmen. Nik Tarasov ist studierter Flötist – und wenn er so erzählt, klingt es, als habe er nicht selten unter dem verstaubten Image seines Instruments gelitten. Natürlich liebt er die Flöte, mit der er seit mehr als 40 Jahren so eng verbunden ist. Er kann dem Instrument auch erstaunlich flotte und vielseitige Melodien entlocken. „Aber mal so richtig Lärm machen und den Hero geben, das geht mit einer Blockflöte eben nicht“, sagt Tarasov.

          Tim Kanning
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch dann hebt er an zum Gegenbeweis. Tarasov steht im Verkaufsraum der Conrad Mollenhauer GmbH in einem Gewerbegebiet von Fulda. Er ist Entwickler und Marketingleiter des Unternehmens, das im Laufe seiner fast 200 Jahre währenden Geschichte eine Größe im weltweiten Flötengeschäft geworden ist.

          Verbunden mit Handy und Tablet

          Das Instrument, das Tarasov nun in die Hand nimmt, hat mit dem hölzernen Klassiker nur noch wenig gemein. Schnittige Kanten, lackiert in knalligem Gelb mit einem aufgemalten Reißverschluss und Blutspritzern – Modell „Kill Bill“ sagt er, angelehnt an den Tarantino-Film. Um Tarasov herum stehen Verstärker von Fender und Marshall, zu seinen Füßen liegt ein Wah-Wah-Pedal, wie es E-Gitarristen benutzen. Als er dann in seine Flöte bläst, donnern tatsächlich Klänge aus den Boxen, die es mit jeder Rockband aufnehmen können.

          Coole Verwandte: Im Design sind die Elody-Flöten ähnlich vielfältig wie E-Gitarren.
          Coole Verwandte: Im Design sind die Elody-Flöten ähnlich vielfältig wie E-Gitarren. : Bild: Stefan Finger

          Elody heißt die Neuheit aus Osthessen. Auf der Musikmesse, die vom heutigen Mittwoch an bis Samstag in den Frankfurter Messehallen stattfindet, soll sie dem großen Publikum vorgestellt werden. Ähnlich wie E-Gitarre und Keyboard soll die Elody eine coole, laute, elektronische und damit deutlich vielseitigere Variante der klassischen Blockflöte sein. Über eine App auf dem Handy oder dem Tablet-Computer lässt sich das Instrument in zig verschiedenen Sound-Mustern spielen – die Melodie, die der Musiker bläst, erklingt etwa im Klang einer Schrammelgitarre oder auch eines ganzen Orchesters aus den Boxen. „Das ist nicht mehr ,Piep, hab mich lieb‘“, sagt Tarasov, der die E-Flöte entwickelt hat, und in seiner Stimme klingt Genugtuung.

          Flöten aus Pflaume oder Olive

          Die Blockflöte hat ihre besten Zeiten hinter sich. Zumindest was die Zahl der Flötenspieler angeht. Allein die Zahl der Flötenkinder hat sich in den vergangenen 20 Jahren laut Verband der Deutschen Musikschulen halbiert auf nur noch 50000. Das merkt auch Mollenhauer, wie Geschäftsführer Stefan Kömpel sagt. Etwas mehr als 40000 Flöten produzieren die 33 Mitarbeiter im Jahr, deutlich weniger als zu den Hochzeiten. Weil die Kunden im Schnitt mehr für jede Flöte zahlen als früher, ist es laut Kömpel aber gelungen, den Umsatz bei 2,6 Millionen Euro weitgehend stabil zu halten. Bis zu 3000 Euro kosten die guten Stücke aus Fulda, in denen eine Menge Handarbeit steckt.

          Die Klassiker durchlaufen zig kleine Arbeitsschritte von Hand und Maschine.
          Die Klassiker durchlaufen zig kleine Arbeitsschritte von Hand und Maschine. : Bild: Stefan Finger

          In einer Lagerhalle hinter dem Werk liegen palettenweise die kleinen „Kanteln“ aus besonders dicht und gleichmäßig gewachsenen Edelhölzern wie Pflaume, Palisander und Olive. Große Maschinen machen aus ihnen erst runde Stangen, dann Röhren. Nach und nach erhalten sie die klassische Flötenform. Immer wieder überprüfen Mitarbeiter, ob alles auch auf den hundertstel Millimeter genau genug gearbeitet ist, ölen, beizen und schleifen.

          40 Prozent gehen ins Ausland

          „Viele meinen ja, eine kleine Schulflöte falle einfach irgendwo aus einer Maschine“, sagt Kömpel. Dabei durchlaufe sie genauso all die Arbeitsschritte wie eine Profiflöte. Auch die neue E-Flöte lässt sich akustisch spielen, durchläuft also sämtliche Arbeitsschritte wie die klassischen Verwandten. Erst am Ende wird ein Ton-Abnehmer eingebaut, der es ermöglicht, die Flöte an die Verstärker anzuschließen oder auch über Kopfhörer zu spielen. Knapp 2000 Euro müssen Kunden dafür zahlen. Nicht selten führt Kömpel Besuchergruppen durch die Hallen, Schulklassen, Flötenschulen, Ensemblemusiker, um ihnen zu verdeutlichen, wie viel Arbeit in einer Mollenhauer-Flöte steckt. Dagegen sei das, was auf Jahrmärkten und im Discounter teilweise verkauft werde, „Spielzeug“, billig in großen Stückzahlen in Asien produziert, findet er.

          Ranklotzen: In ein Stück Holz bohrt eine Maschine Tönlöcher, damit später daraus eine Blockflöte wird.
          Ranklotzen: In ein Stück Holz bohrt eine Maschine Tönlöcher, damit später daraus eine Blockflöte wird. : Bild: Stefan Finger

          „Wir brauchen den direkten Kontakt zu den Kunden, um zu vermitteln, warum eine Mollenhauer-Flöte teurer ist als eine asiatische“, sagt Kömpel. Dafür sind die Publikumstage der Musikmesse gut geeignet. Viele Hobby- und Profimusiker kommen dann an den Stand. Noch wichtiger ist die Branchenschau nach Aussage von Kömpel aber, um mit den deutschen und den internationalen Fachhändlern im Gespräch zu bleiben. 40 Prozent der Flöten verkauft Mollenhauer inzwischen im Ausland, etwa in den Vereinigten Staaten und in Asien. China werde auch im Flötengeschäft als Markt zunehmend wichtiger, sagt Kömpel. Viele asiatische Studenten, die an den deutschen Musikhochschulen lernen, nehmen Instrumente von hier mit und verbreiten die Markenbekanntheit in ihrem Heimatland.

          Coolness-Faktor statt Verachtung

          Die Profis unter den Flötisten sind aber eine kleine internationale Gemeinde. Noch eher als über die Musikmesse erreicht Mollenhauer sie über Festivals, auf denen am Rande der Konzerte die Hersteller ihre Neuheiten präsentieren.Viermal im Jahr gibt das Unternehmen auch das Magazin „Windkanal“ heraus, in dem professionelle Flötenspieler, neue Stücke und Komponisten vorgestellt werden.

          Mit der Elody hofft der Flötenbauer nun auch neue Kundenschichten zu erschließen oder auch zu cool gewordene Flötenkinder zurückzugewinnen. „Jetzt bleiben vielleicht auch einmal die Rocker an unserem Stand stehen, die sonst nur mit Verachtung an uns vorbeigegangen sind“, sagt Tarasov. Große Boxen, um sich gegen die laute Konkurrenz durchzusetzen, baut er auf jeden Fall auf.

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