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Zentralrat der Muslime : „Mehr als nur schöne Moscheen“

  • -Aktualisiert am

Für Dialog und Begegnungen: Abdassamad El Yazidi Bild: Cornelia Sick

Agil, umsichtig, ideenreich: Der Islam-Funktionär El Yazidi ist Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Hessen. Und Witze erzählen kann er auch.

          3 Min.

          Eigentlich ist er ein schüchterner Mensch. So beschreibt sich Abdassamad El Yazidi auch selbst. Kommt er mit fremden Menschen zusammen, dann braucht er eine Weile, bis er auftaut. Wenn er erst einmal die „Phase des Fremdelns“ überwunden hat, dann entpuppt sich der großgewachsene Mann aber als Entertainer. Sogar im Kreise derer, mit denen er in offizieller Mission zu tun hat, zeigt er sich von seiner unterhaltsamen und humorvollen Seite. Und wenn er in Fahrt gekommen ist, dann erzählt er sogar Witze nach dem Schema „Kommen ein Jude, ein Christ und ein Moslem zusammen“.

          Der Vierzigjährige ist Vorsitzender des hessischen Landesverbands des Zentralrats der Muslime in Deutschland und auf politischer Ebene ein relativ neues Gesicht bei denen, die sich auf Landes- und inzwischen auch auf Bundesebene für die Integration von Muslimen engagieren. Kommissarisch war El Yazidi bis vor einiger Zeit auch der Vorsitzende der rheinland-pfälzischen Organisation. Das hat zur Folge, dass El Yazidi, hauptamtlich bei einem Logistik-Unternehmen am Frankfurter Flughafen tätig, den Großteil seiner Freizeit der Verbandsarbeit opfert.

          Eltern kamen zur Gastarbeit nach Deutschland

          Er pflegt den Kontakt zu Moscheevereinen, die schon Mitglied des Zentralrats sind; derzeit ist er aber auch damit beschäftigt, Beziehungen zu den freien muslimischen Gemeinden aufzubauen, um sie für den hessischen Landesverband zu gewinnen. Es gab auch schon Momente, in denen El Yazidi von seinem Amt zurücktreten wollte, weil dieser ehrenamtliche Job sehr zeitintensiv sei. Beruf, Familie und Ehrenamt - all das unter einen Hut zu bringen bereite einige Probleme, sagt El Yazidi. Denn anders als etwa der muslimische Verband Ditib, der Geld für seine Arbeit aus der Türkei erhalte, verfüge der Zentralrat nicht über die finanziellen Ressourcen, um hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigen zu können.

          Die Verbandsarbeit selbst hat sich El Yazidi schwieriger vorgestellt, umso mehr ist er „erfreut darüber, mit offenen Armen empfangen zu werden“. Einmal sei er es, der auf die Politik zugehe, dann wieder seien es die Vertreter der Parteien, die den Austausch auf informeller Ebene suchten. Dass er einmal mit Regierungsvertretern und anderen Politikern am Tisch sitzen und Gespräche führen würde, das hat El Yazidi nicht im Blick gehabt, als er vor elf Jahren für den Vorsitz seiner Moscheegemeinde in Pfungstadt kandidierte. Damals ließt er sich - „auf Wunsch der Gemeindemitglieder“ - zur Wahl aufstellen. Eine Karriere als Verbandsfunktionär schwebte ihm überhaupt nicht vor. „Ich bin da hineingeschlittert“, sagt der Sohn marokkanischer Eltern, die Ende der sechziger Jahre als Gastarbeiter nach Deutschland kamen.

          Brachte frischen Wind in seine Moschee

          El Yazidi wurde in Langen geboren. Als er sieben Jahre alt war, schickten ihn die Eltern zur Familie nach Marokko. Dort lebte Abdi, wie Freunde ihn nennen, fünf Jahre bei seinen Großeltern. Eine Zeit, die er rückwirkend als positiv bewertet und die er nicht missen möchte. Er habe sich mit der Mentalität seines Herkunftslands vertraut machen und „so richtig gut“ Arabisch lernen können. Seiner ehrenamtlichen Arbeit kämen seine Sprachkenntnisse zugute, sagt der Vierzigjährige. „Es verschafft mir Akzeptanz bei der ersten Generation der Einwanderer.“

          In die Pfungstädter Moscheegemeinde brachte El Yazidi frischen Wind, öffnete die Moschee zur Nachbarschaft und organisierte Dialog-Veranstaltungen. Die Fehler der ersten Generation von Gemeinde-Funktionären, die sich am Herkunftsland orientierten, wolle er korrigieren. „Wir müssen vor allem den jungen Muslimen eine Perspektive hier eröffnen und die Jugendarbeit in den Gemeinden ausbauen“, sagt der dreifache Vater. Nur in schöne Gebetsstätten zu investieren, das reiche nicht aus. „Was wir brauchen, das sind nicht nur gut ausgebildete, sondern auch charismatische Imame, die die Jugendlichen anzusprechen wissen.“

          Sieht sich als Deutsch-Marokkaner

          Einen Weg zu diesem Ziel sehen El Yazidi und sein Verband darin, hier tätige Imame in Kooperation mit dem Königreich Marokko in der theologischen Fakultät in Rabat fortzubilden. Unlängst gab es ein Treffen mit dem Botschafter Marokkos in Deutschland, bei dem eine Zusammenarbeit zwischen Zentralrat und Marokko erörtert wurde.

          El Yazidi versteht sich als Deutsch-Marokkaner, der die religiöse und kulturelle Verbindung zum Herkunftsland seiner Eltern aufrecht erhält. Das Zwischen-den-Stühlen-Sitzen ist ihm vertraut, seinen Kindern und allen anderen Nachkommen muslimischer Einwanderer wünscht er ein Leben ohne Zerrissenheit und mit Zugehörigkeitsgefühl zu Deutschland. Ambivalenzen und Konflikte zwischen religiösen Gruppen könnten unter anderem dadurch verhindert werden, „wenn die Weltpolitik bei unserem Dialog auf der regionalen und lokalen Ebene“ außen vor bleibe. Dass Islam und Terrorismus immer wieder in einen Topf geworfen würden, bezeichnet er als „leidige und schmerzhafte Debatte“.

          Was er vom Vater gelernt hat

          Der Dialog und die Begegnungen von Menschen liegen El Yazidi besonders am Herzen. Vor zwei Jahren nahm er an einer Reise von Muslimen und Christen nach Kairo teil. Damals erlebte er, dass es auf die Begegnungen von Mensch zu Mensch und persönliche Gespräche ankommt, um Vorurteile zu überdenken und sich von Klischees verabschieden zu können. Diese Erfahrung motivierte ihn, an der Organisation einer ähnlich konzipierten Reise nach Marokko mitzuwirken. Auf dieser Reise bestätigte sich einmal mehr El Yazidis Annahme, dass Konflikte zum Zusammenleben gehören und darin unterschiedliche Meinungen ihren Platz brauchen.

          In schwierigen Situationen und Konflikten gelassen zu reagieren, das habe er von seinem Vater gelernt, sagt El Yazidi. Gelernt hat der kaufmännische Angestellte aus negativen Beispielen aus dem Kreis der muslimischen Verbandsvertreter zweifelsohne auch, dass es auf leise Töne und Diplomatie, aber auch auf durchaus resolutes Auftreten ankommt, um sich hierzulande für die Belange von Muslimen einzusetzen. Für seine umsichtige Art wird er von vielen sehr geschätzt.

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