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Eisweinlese im Rheingau : Faule statt durchgefrorene Trauben

  • -Aktualisiert am

Die schützende Folie ist ab, und alle Hoffnungen der Winzer sind zerstoben: Dieses Mal wird es nichts mit der Eisweinlese im Rheingau Bild: Oliver Bock

Das Wetter ist zu warm für diese Jahreszeit. Die Eisweinlese fällt im Rheingau deshalb zum ersten Mal seit 1974 aus. Allerdings ist das keine große Enttäuschung für die Winzer.

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          Die schützende Folie ist ab, und alle Hoffnungen der Winzer sind zerstoben. Zum zweiten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1934 fällt im Rheingau - im Gegensatz zu einigen anderen Anbaugebieten - die Eisweinlese aus. Den bislang einzigen, von der Natur erzwungenen Verzicht auf die edelsüße Weinspezialität registrierte das Eltviller Weinbauamt für den Weinjahrgang 1974.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Damals wurde der kälteste Tag des Winters mit minus drei Grad am 17.Februar 1975 verzeichnet. Viel zu wenig, denn minus sieben Grad müssen es mindestens sein, damit der süße Saft in den Beeren gefriert. Der frostigste Tag dieses Winters war bislang der 17.Dezember, aber mit nur minus 4,2Grad in Winkel und minus 1,4Grad im Steinberg war an Eiswein nicht zu denken. Die Wetterlage lässt nicht erwarten, dass es in absehbarer Zeit kälter wird. „Winter in Deutschland vor Totalausfall“ titelte der Vorhersagedienst Wetter.net und sagt für 2013/14 einen Platz in der „Top 5 Liste“ der mildesten deutschen Winter voraus. Auch für die zweite Februarhälfte gebe es wenig Hoffnung auf eine durchgreifende Wetteränderung.

          Seit 1989 ununterbrochen Eiswein erzeugt

          Für die Winzer ist der absehbare Ausfall der Eisweinlese keine große Enttäuschung, wegen der sich ausbreitenden Fäulnis im Oktober hatten nur wenige Erzeuger einige Parzellen für Eiswein reserviert und durch Folien vor Regen und Vogelfraß geschützt. Dazu gehörte auch das Kiedricher Weingut Robert Weil, das unter der Leitung von Wilhelm Weil seit 1989 ununterbrochen jedes Jahr Eiswein erzeugt hatte, seine Stammkunden aber schon über den diesjährigen Ausfall informierte. Die Folie am Fuß des Kiedricher Gräfenbergs wurde in der vergangenen Woche entfernt, die faulen Trauben den Vögeln preisgegeben.

          Trockenbeerenauslesen hat das Weingut allerdings in guter Qualität geerntet. Bei diesem Prädikatswein ist der Winzer nicht nur der Natur ausgeliefert, sondern kann zum Erfolg selbst auch einiges beitragen.

          Die Hoffnung auf Eiswein hatte Wilhelm Weil dagegen angesichts des Witterungsverlauf und der Prognosen schon Ende Januar aufgegeben. Tatsächlich wäre eine Eisweinlese im Februar eine Überraschung gewesen, denn seit 1934 war das erst einmal der Fall: 1983 war der 1882er Eiswein erst zwischen dem 16. und 23.Februar eingebracht worden. Solche Geduldsproben sind nicht selten. Für den Jahrgang 1999 war die Lese erst am 24. Januar 2000 möglich, für den Jahrgang 1951 erst am 28.Januar 1952. Die früheste bekannte Eisweinlese war 1897 am 15. November.

          Handlese vorgeschrieben

          In fast zwei Drittel der Fälle jedoch ist der Dezember der klassische Eisweinmonat. Nicht selten sind es die Tage um Weihnachten oder den Jahreswechsel. Dass Vollmondnächte besonders tiefe Temperaturen erwarten lassen, ist nicht bestätigt. Generell gilt aber: Je kälter die Nacht, desto höher die Konzentration und das Mostgewicht. Dafür rechnen die Winzer mit einer Formel: „Öchsle ist gleich siebzehnmal die Minustemperatur plus 21.“ Bei minus zehn Grad wären demnach rund 190 Öchsle zu erwarten (17 mal zehn plus 21). Meist wird Eiswein kurz vor Sonnenaufgang geerntet, wenn die Kälte am größten ist. Eine Handlese schreibt der Gesetzgeber vor, und 125 Grad Öchsle, das ist das Mostgewicht einer Beerenauslese, müssen es mindestens sein, damit auf dem Etikett Eiswein stehen darf.

          Im Rheingau wurde 1858 erstmals und eher zufällig auf Schloss Johannisberg Eiswein geerntet. Der „Geburtsort“ deutschen Eisweins liegt aber in Rheinhessen. Der vermutlich erste Eiswein wurde heute vor 184 Jahren in Dromersheim bei Bingen gelesen. Dort steht auch ein Eiswein-Denkmal.

          Die gezielte Eisweinerzeugung hat im Rheingau seit etwa 50 Jahren Tradition, auch wenn der Anteil an der Gesamterzeugung weit unter einem Promille liegt. Wegen der späten Reife ist Riesling dafür besonders gut geeignet, doch unterliegt die Erntemenge starken Schwankungen. Nach der Aufstellung des Weinbauamtes wurden im Rekordjahr 2002 mehr als 32.000 Liter Eiswein geerntet, 1990 und 2005 dagegen waren es nur rund 6000 Liter. Eisweine sind eine edelsüße Spezialität, die außer in Deutschland nur in wenigen anderen Ländern erzeugt werden kann. Als größter Erzeuger dieser Dessertweine, die sich durch Aromen von Honig, Karamell und exotischen Früchten auszeichnen, gilt Kanada.

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