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Eisige Zeiten : Jede Nacht Kampf gegen den Kältetod

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Nicht wie hier in Balingen, in Hessen bleibt es weiterhin sehr kalt. Darunter leiden im Besonderen obdachlose Menschen. Bild: dpa

Auch bei zweistelligen Minusgraden leben Menschen auf der Straße. Sozialarbeiter suchen mit dem Kältebus Obdachlose auf und helfen ihnen zu überleben.

          Peter Nordmann fährt im Schritttempo an Hauseingängen und Bushaltestellen vorbei und blickt aus dem linken Seitenfenster des weißlackierten Kleintransporters. Vor dem Fenster eines Möbelgeschäfts sitzen zwei Frauen auf einer Matratze, mit dicken Wollmützen auf dem Kopf und in eine Bettdecke eingehüllt. „Die sind gut versorgt, da müssen wir nicht helfen“, sagt Nordmann. Der 63 Jahre alte Sozialarbeiter ist seit 15 Jahren als Fahrer des Kältebusses unterwegs. Sein Beifahrer Alexander Mosch ist seit drei Jahren als Sozialhelfer dabei.

          Der Kältebus des Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten fährt seit 1988 von November bis April durch Frankfurt, um wohnungslosen Menschen zu helfen. „Mit unserer Arbeit sichern wir das Überleben dieser Menschen“, sagt Heiko Ewald, Bereichsleiter des Vereins.

          „Keiner soll erfrieren“

          Die Sozialarbeiter fahren täglich von 21 bis 5 Uhr bekannte Schlafstätten Wohnungsloser an und kontrollieren, ob sie gut versorgt sind. „Dabei arbeiten wir eng mit der Elisabeth-Straßenambulanz der Caritas und mit Streetworkern und Sozialarbeitern des Beratungszentrums Bleichstraße zusammen“, erläutert Ewald. „Keiner soll erfrieren“, sagt Maria Goetzens, Ärztin der Elisabeth-Straßenambulanz. Sie hebt hervor, dass die verschiedenen Hilfsorganisationen in der Stadt zum Wohl der Obdachlosen gut miteinander kooperierten.

          Das Beratungszentrum Bleichstraße wird auch vom Frankfurter Verein für soziale Heimstätten getragen. Die Mitarbeiter sind tagsüber unterwegs und versuchen wohnungslose Menschen davon zu überzeugen, abends in Übernachtungsstätten zu gehen. „Wir reden mit den Menschen. Ein Gespräch tut vielen Obdachlosen sehr gut“, berichtet Miriam Schaumberger, eine Streetworkerin des Beratungszentrums. „Im Winter sind wir einmal in der Woche auch von 16 bis 24 Uhr in der Innenstadt unterwegs und gucken, ob wir noch irgendwo Leute finden, die unsere Hilfe brauchen.“ Die Menschen, die ihren Schlafplatz in der Kälte nicht verlassen wollen, schreiben sie auf eine Liste. „Wir fahren dann später die Personen auf der Liste an und schauen, ob sie eine warme Decke haben, und bringen Tee, so dass sie die Nacht überstehen“, sagt Nordmann. Viele kennt er. Sein Kollege Alexander Mosch ergänzt: „Die Leute, die bei dieser Kälte in Parks und Hauseingängen bleiben wollen, sind meistens psychisch krank oder haben Probleme mit geschlossenen Räumen.“

          „Hier an der Universitätsbibliothek schläft immer einer auf der Straßenbahnlüftung, das ist schön warm“

          Der Kältebus gehört zum Angebot der Übernachtungsstätte im Ostpark und wird vom Jugend- und Sozialamt finanziert. „Aber wir bekommen auch viele Spenden. Davon können wir dann Spezialschlafsäcke kaufen, die auch bei minus 25 Grad warm halten“, sagt Ewald. Zum Beispiel bekommt das Projekt wieder 1.500 Euro vom Lionsclub Museumsufer Frankfurt.

          Die Fahrt geht weiter. „Hier an der Universitätsbibliothek schläft immer einer auf der Straßenbahnlüftung, das ist schön warm“, sagt Nordmann. Fest in einen Schlafsack gewickelt, ist der Wohnungslose kaum erkennbar. Der Sozialarbeiter schaut nach ihm. Plötzlich wird Nordmann von einer jungen Frau angesprochen: „Entschuldigung, es gibt doch eine Nummer, da können Sie anrufen, und die helfen den Obdachlosen“, sagt sie und holt ihr Handy aus der Handtasche. Nordmann schmunzelt und sagt: „Ich weiß, denn ich komme, wenn diese Nummer angerufen wird.“ 431 414 lautet sie.

          „Bei diesen Temperaturen bekommen wir oft Hinweise, wo obdachlose Menschen liegen“

          Das Außenthermometer des Kältebusses zeigt elf Grad minus an. Es ist fast 24 Uhr. „Bei diesen Temperaturen bekommen wir oft Hinweise, wo obdachlose Menschen liegen“, sagt Nordmann. Er und sein Kollege gehen auch diesen Informationen besorgter Bürger nach. Oft fahren die Sozialarbeiter aber vergeblich zu den angegebenen Plätzen, viele wohnungslose Menschen sind zum Schlafen schon in eine Notunterkunft gegangen. „Wenn man nur einen findet und den versorgen kann, lohnt sich der Aufwand“, sagt Ewald.

          In dieser Nacht gehen Nordmann und Mosch mehr als 20 Hinweisen nach - dieses Mal finden sie niemanden. Nach Aussagen der Stadt sind in Frankfurt 2200 Menschen ohne festen Wohnsitz. Diejenigen von ihnen, die wirklich auf der Straße schlafen, zählt das Team des Kältebusses jeden Abend. „Vergangene Nacht waren es 18 Personen“, sagt Ewald.

          „Ich friere ein wenig, aber das ist schon in Ordnung.“

          Einer von ihnen ist David. Sein Nachname spielt auf der Straße keine Rolle. Der 41 Jahre alte Mann ist seit zehn Jahren obdachlos und schläft seit fünf Jahren an einer Hausecke am Liebfrauenberg. Die Sozialarbeiter vom Kältebus grüßt er freundlich: „Ich bin froh, dass die hier rumfahren, so fühl ich mich sicher. Und wenn mir doch mal was geklaut wird, bekomme ich auch eine neue Decke.“ Die braucht er im Moment nicht. Auf einem braunen Umzugskarton liegt eine graue Wolldecke. David hat sich mit einem blauen Schlafsack zugedeckt. Sein Kissen ist eine Daunenbettdecke. „Ich friere ein wenig, aber das ist schon in Ordnung.“

          In eine Schlafunterkunft möchte David nicht. „Die Häuser sind zwar schön sauber, aber die Leute bringen Ungeziefer mit und haben keinen Respekt vor anderen Menschen. Da bleib ich lieber auf der Straße. Hier sind die Leute anpassungsfähiger und freundlicher.“ Auch in die B-Ebene der Hauptwache möchte er nicht. Seit November ist sie auch nachts geöffnet. Auch dort schaut Nordmann jede Nacht vorbei. „Täglich liegen hier etwa 95 Personen.“ Jeder hat seinen eigenen Schlafplatz gebaut. Ohne die Hilfe der Sozialarbeiter litten die Obdachlosen noch mehr an der Kälte. „Viele haben ihre Decken und Schlafsäcke von uns“, sagt Nordmanns Kollege Alexander Mosch. Seine Arbeit macht ihn zufrieden: „Es ist ein besonderes Erlebnis, wenn die kalte Nacht vorbei ist und keiner zu Tode gekommen ist.“

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