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Eishockey : Autocorso in Bad Nauheim

  • -Aktualisiert am

Siegestaumel: Fans der Roten Teufel. Bild: Pressefotografie Storch, Bad Hg.

Die Roten Teufel haben in der Aufholjagd bei den Kassel Huskies zur richtigen Zeit das bessere Ende für sich und werden Meister in der Oberliga. Ob sie aber auch aufsteigen, ist wegen des Gerangels der Eishockey-Funktionäre völlig offen.

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          Plötzlich war es still in der Halle. Die Mehrheit der Fans in Kassel wirkte wie schockgefroren. Fünf Mal in Folge war die Aufholjagd gutgegangen, fünf Mal hatten die Huskies ihre Heimspiele anschließend in der Verlängerung gewonnen. „Das Glück ist aufgebraucht“, sagte der Kasseler Trainer Uli Egen enttäuscht. Nach 69:02 Minuten hatte Brad Miller die „Roten Teufel“ zur Meisterschaft in der Eishockey-Oberliga geschossen. „Sudden death“, die endlose Finalserie über fünf Spiele, war zu Ende. Für einen Moment waren die Fans aus Bad Nauheim starr vor Freude. Doch nur eine Sekunde später war der Jubel grenzenlos. Nach einem wahren Krimi hatte der Außenseiter aus der Wetterau den Favoriten aus Nordhessen niedergerungen. Während die Mannschaft noch kaum wusste, wohin mit ihren Gefühlen, rollte in Bad Nauheim schon der erste Autocorso durch die Kurstadt. Einige hatten das Spiel am Fernseher in der Stadiongaststätte des Colonel-Knight-Stadions verfolgt, Tausende andere zu Hause mit Gleichgesinnten im Internet. Dann ging das Hupkonzert los.

          „Als Brad vorne die Scheibe ins Netz geschoben hat, dachte ich nur: Jawoll!“, sagte der Bad Nauheimer Torwart Thomas Ower. „Erst danach habe ich realisiert, dass wir es gepackt haben.“ Der 27-Jährige, der von 2008 bis 2010 auch schon als zweiter Torhüter für die Frankfurt Lions in der DEL gespielt hatte, rettete kurz vor Ende des dritten Drittels sein Team in die Verlängerung, als er ein fast sicheres Tor von Sven Valenti verhinderte. Die Overtime wurde schließlich zur „Owertime“, denn die Roten Teufel mussten über zwei Minuten in Unterzahl überstehen, und Ower wurde zum Turm in der Schlacht. Siegtorschütze Brad Miller, schon am Freitag mit zwei Toren der gefeierte Mann, fand kaum Worte.

          Eine neue Legende geboren

          Der Amerikaner war erst im Januar gekommen, hatte eigentlich seine Karriere schon beendet: „Damals haben sie mir geschildert, was los sein würde, wenn wir Meister werden. Doch die Realität ist viel schöner.“ Auch Josiah Anderson kam erst im Januar, er wurde praktisch von einer Ölbohrinsel weg verpflichtet, hatte zwei Jahre kein Eishockey mehr gespielt. Nun wurde er mit sieben Treffern erfolgreichster Torschütze der Roten Teufel in den Play-offs. „Vielleicht waren die beiden dadurch frischer als der Gegner“, sagte Trainer Frank Carnevale in der ihm eigenen ironischen Art. „Letztlich war der Schlüssel, dass unsere Rollenspieler besser waren als die von Kassel.“ Nicht die Stars hüben wie drüben hätten das Finale entschieden, „sondern die unbekannten Helden, die sich in jeden Schuss werfen“. 26 geblockte Schüsse hat Carnevale alleine im fünften Spiel gezählt. Gemäß seiner Losung, dass jeder geblockte Schuss einem Spieler zehn Euro einbringt, kostet ihn das 260 Euro. Insgesamt kommen da für die Finalserie rund 1300 Euro zusammen: „Die Spieler haben schon gefragt, wann sie denn die Prämie kriegen.“ Ein anderer Schlüssel in der Serie: „Wir haben neun Powerplaytore geschossen, aber 93 Prozent Powerplay des Gegners zunichte gemacht.“ Genau jene Faktoren, die in den Play-offs zählen.

          Doch im Moment des Triumphs wurde Carnevale auch nachdenklich. Am vergangenen Freitag war es genau 15 Jahre her, dass Stürmer Mark Teevens während der Halbfinalserie gegen Iserlohn einem Herzinfarkt erlag. „Da musste ich diese Tage immer wieder dran denken“, so Carnevale. 1998 und 1999, als Bad Nauheim nur knapp am Aufstieg in die DEL gescheitert war, galten bislang als die letzten großen Erfolge. Nun endlich wurde bei den Roten Teufel eine neue Legende geboren. Ob der Klub allerdings auch aufsteigt, ist angesichts des peinlichen Funktionärsgerangels im deutschen Eishockey noch völlig unklar. Doch daran denkt von den Spielern derzeit keiner. Kapitän Chris Stanley, der vermutlich nach Frankfurt wechseln wird, sagte: „So eine Meisterschaft gehört zu den besten fünf Dingen, die man jemals erleben kann.“

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