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Staatstheater Mainz : Seriengucken auf der Bühne

Hier wie Tschechow, später Science-Fiction: Szene aus der Trilogie „Ljod“ am Staatstheater Mainz Bild: Andreas Etter

Am Staatstheater Mainz inszeniert Jan-Christoph Gockel die „Eis“-Trilogie von Vladimir Sorokin. Er schafft es, den Irrsinn der Menschheitsgeschichte sowohl reizvoll als auch mutig auf die Bühne zu bringen.

          Auch die Auserwählten sind Opfer. Das muss man sich in der einen oder anderen Szene von „Ljod – Das Eis“ schon vor das innere Auge halten, während man die echten Augen bisweilen, so fest es geht, zusammenkneift und sich dazu am besten auch die Ohren zuhält. Der dumpfe Aufprall eines Hammers aus Eis auf einer Menschenbrust, bis die Knochen brechen, ist nicht jedermanns Sache. Aber nur so glauben die Auserwählten, ihre „Geschwister“ zu finden: blond und blauäugig wie sie, und wenn man sie „aufklopft“, fangen die auserwählten Herzen an zu sprechen. Die anderen krepieren. Es sieht aus wie Gruppensex, wenn die Bros und Chrams und wie sie alle heißen mit ihren auserwählten Namen die blutigen Brustkästen aneinanderreiben.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das ist, in all seiner Brutalität, auch Satire. Ein Versuch, den Irrsinn der Menschheitsgeschichte in einer noch irreren Story, einer Mischung aus Science-Fiction, Schnulze, Thriller und Parodie zu bergen. So ist das in Vladimir Sorokins Roman „Ljod – Das Eis“ aus dem Jahr 2002 und noch mehr, wenn Hausregisseur Jan-Christoph Gockel jetzt am Staatstheater Mainz die Ganoven und Prostituierten, die Internettrolle und was da so kreucht Mutmaßungen darüber anstellen lässt, wer eigentlich diese „Icehammervictims“ in Serie herstellt. Lauter Tote, alle erschlagen. Da müssen die Juden dahinterstecken, mutmaßen sie, quer durch die Zeiten. Oder Satanisten. Oder beides. Irgendwann sind wir bei Chemtrails, Verschwörungstheorien, „Wir sind hier, wir sind laut“ und Online-Petitionen gelandet.

          An der Stange bleiben

          Die Auserwählten sind verdächtig oft dort, wo die Macht sich klumpt und die Menschen verachtet: bei den Nazis, im Sowjetregime, im Brutalkapitalismus, da erkennen sie einander am häufigsten. Wundert es einen? So sind im Laufe von fünf Stunden viele Uniformen, zumal der SS, zu sehen. Und wenn sie darin ein Walkürenballett aufführen, die Allerjüngste auf der Bühne, das Kind Fiona Metzenroth (alternierend: Lotta Yilmaz), als Riefenstahl-Parodie, dann ist das, wie vieles, unglaublich komisch. Tragödie und Komödie, beide grell gezeichnet, liegen eng beieinander. So bleibt man bei der Stange: Schließlich geht es auch darum, das derzeit hochbeliebte Prinzip der Fernsehserie auf das Theater zu übertragen. Mannheim macht es, Frankfurt macht es, Wagner-Opern machen es schon lange. Nun zeigt Gockel alle drei „Eis“-Romane von Sorokin, „Ljod“, „Bro“ und „23.000“, an einem Abend. Nach seinem Blick auf „Meister und Margarita“ vor zwei Jahren wird ein weiteres Mal das komplette Kleine Haus samt Theatervorplatz zum Spielraum.

          Gut, dass die Theaterleitung so viel mutiger war als das schüttere Premierenpublikum, das anscheinend der Länge misstraute. Dabei vergehen die fünf Stunden wie im Fluge. Gockel hat ein Händchen dafür, ein Mixed-Media-Werk aus Live-Video, Fernsehformaten, wabernder serientauglicher Musik (Matthias Grübel), Songs, Hörspieleinspielern, Livezeichnungen (Seda Demiriz) und einem klugen Container-Bühnenbild (Julia Kurzweg) zu schaffen, ohne die Fäden zu verlieren. Sein großartiges Ensemble wechselt die Spielweisen und Haltungen und ist immer für einen, bisweilen auch deplazierten, Gag gut.

          Täter werden wieder Opfer

          So wandert die blutig-bunte Mischung durch die europäische Geschichte. Da ist Chram, die als Mädchen aus Russland zur Zwangsarbeit nach Nazi-Deutschland verschleppt wurde, das hier „Ordnungsland“ heißt wie Amerika „Freiheitsland“. Adr, Schro und General Ha (Mark Ortel, Simon Braunboeck, Johannes Schmidt) schlagen sich als Agenten in der Ära Chruschtschow durch, die nun erwachsene flammende Chram (Leoni Schulz) erleidet Folter und Vergewaltigung, auch die ätherische Mer (Gesa Geue) scheint ein Opfer sexueller Gewalt zu sein. Kindesmissbrauch, Krieg und Gewalt ziehen ihre Spur.

          Dass im Laufe von hundert Jahren, die nicht immer chronologisch erzählt werden, aus Tätern wieder Opfer werden, wird sinnfällig, wenn Schauspieler wie Sebastian Brandes erst eines und dann das andere spielen. So ist auch die überschaubare Größe des Ensembles ein Kunstgriff. Über allen thront Monika Dortschy als alte Chram, die zudem in etlichen der vielen Binnenrollen auftritt. Denn um das Theater, ums Schauspielen, geht es obendrein und immerzu. Da fegen die Bühnenarbeiter den Dreck der Kunst zusammen, und es wird deutlich: Auch das Theater kann Me too und ein menschenverachtender Ort sein.

          Die Entstehung der Erde und, noch schlimmer, die Entstehung des Menschen, dieser Fleischmaschine, waren der „große Fehler“, glauben die Auserwählten des Lichts. Wenn Bro (Vincent Doddema), die Gründungsfigur der ausufernden Saga, dem Kind Chram die Banalität des Fleischmaschinen-Lebens und der Liebe erläutert, will man bei aller Komik fast schon lieber Lichtgestalt im himmelblauen Nachthemd sein. Wenn 23.000 Lichtgeschwister aufgeklopft sind, kommt das Ende der Erde, glauben die Auserwählten. Die Schlusspointe muss man schon selbst sehen.

          Gockel gelingt auch diese wenngleich etwas zähe letzte Kurve. In die Tiefe geht das bei aller Themenfülle kaum, dafür in eine reizvolle Breite. Draußen auf dem Theaterplatz gibt es in der Pause zwar Borschtsch, aber keinen Wodka. Schier besoffen von den Bildern ist man am Ende trotzdem. Schon das allein ist eine Kunst. Dem extra angereisten Vladimir Sorokin hat es offenbar auch gefallen.

          Die nächsten Vorstellungen folgen am 4., 10. und 19. Mai von jeweils 18 Uhr an im Kleinen Haus des Staatstheaters Mainz.

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