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Einzelhandel : Flächentarif passt nicht in die Globus-Welt

Expansion: Der saarländische Lebensmittler Globus hat unter anderem in Hattersheim einen Real-Markt übernommen. Bild: Röth, Frank

Der erfolgreiche Lebensmittler Globus will vom Tarifvertrag des Einzelhandels, der mit Verdi auszuhandeln ist, nichts mehr wissen. Als ein guter und fair entlohnender Arbeitgeber sieht sich das Familienunternehmen trotzdem.

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          „Da ist die Welt noch in Ordnung“, heißt es in der Werbung unter dem grünen Globus auf orangefarbenem Grund. Was die Geschäftszahlen des Lebensmitteleinzelhändlers Globus aus Sankt Wendel im Saarland angeht, trifft die Aussage auf der Internetseite tatsächlich zu. So haben die 43 Warenhäuser in Deutschland ihren Umsatz im jüngsten Geschäftsjahr um 5,1 Prozent auf 3,2 Milliarden Euro steigern können.

          Jochen Remmert

          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Die gesamte Globus-Gruppe, inklusive Baumärkten, Elektrohäusern und des Auslandsgeschäfts in Tschechien und Russland, hat sogar 6,46 Milliarden Euro umgesetzt, 4,5 Prozent mehr als im Jahr davor. Auch beim Kundenmonitor 2012 schaffte es Globus an die Spitze. Das Unternehmen erschließt inzwischen auch das Rhein-Main-Gebiet: 2011 hat es den Real-Markt in Hattersheim übernommen, ein Jahr darauf den im Wiesbadener Vorort Nordenstadt, in diesem Jahr steht unter anderen Maintal auf dem Plan der Übernahmen, 2015 folgt Rüsselsheim und 2020 das Real-Haus in Eschborn.

          „Für weniger Geld mehr Leute auf die Fläche bekommen“

          Doch so ganz in Ordnung ist die Welt bei Globus dann doch nicht. Das 1828 von Franz Josef Bruch gegründete Unternehmen, das als eines der wenigen großen konzernunabhängigen Familienbetriebe im deutschen Einzelhandel gilt, hat den Austritt aus dem Flächentarifvertrag für den Einzelhandel erklärt. Erwartungsgemäß kritisiert das die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi entschieden: In den von Real übernommenen Häusern sieht Bernhard Schiederig, Fachbereichsleiter Handel bei Verdi Hessen, eine „Zwei-Klassen-Belegschaft“ entstehen. Denn auch, wenn Globus ein eigenes Entgeltsystem einführt, werden die ehemaligen Real-Mitarbeiter weiter 37,5 Stunden in der Woche arbeiten und Zulagen für die Abendstunden erhalten, wie das der Einzelhandelstarifvertrag vorsieht. Denn das Gesetz garantiert ihnen einen Bestandschutz. Daneben würden aber neu eingestellte Frauen und Männer 40 Stunden in der Woche arbeiten, ohne die Zuschläge, wie Horst Gobrecht sagt. Er ist Gewerkschaftssekretär und Handelsexperte von Verdi Südhessen. In der Branche gilt Globus mit 30000 Mitarbeitern eigentlich als ein achtsam gemanagtes Unternehmen, das behutsam wächst und auch schwierige Standorte zum Erfolg führt. Doch Gewerkschafter Gobrecht ist skeptisch: „Papier ist geduldig“, sagt er und fügt hinzu: „Es geht Globus darum, für weniger Geld mehr Leute auf die Fläche zu bekommen.“

          Nach dem bisher gültigen Tarifvertrag erhält eine Verkäuferin nach fünf Berufsjahren 2248 Euro brutto im Monat, was 13,79 Euro in der Stunde entspricht. Fleischer, die der Tarifvertrag bislang als gewerbliche Mitarbeiter einstuft, erhalten nach fünf Jahren 2420 Euro oder 14,85 Euro je Stunde.

          Werte stehen auf der Internetseite

          Die Gewerkschaft ist ohnedies alarmiert, weil Globus seit Jahren eine eigene Leiharbeitsfirma betreibt und deren Mitarbeiter im eigenen Haus einsetzt. In der Globus Personal Service Gesellschaft mit 1300 Beschäftigten lägen die Stundenlöhne deutlich unter denen des Tarifvertrags, heißt es bei der Gewerkschaft.

          Eine eigene Leiharbeitsfirma will tatsächlich nicht zu dem passen, was Thomas Bruch, geschäftsführender Gesellschafter von Globus, unter der Überschrift „Werte des Unternehmens“ im Internet erläutert: Schwierigkeiten bewältige man nicht auf Kosten von Kunden, Mitarbeitern oder Partnern, sondern indem man sie gemeinsam angehe. Der Versuch, mit einer eigenen Leiharbeitsfirma Tariflöhne zu entgehen, erinnert allerdings eher an die früheren Jahre des inzwischen liquidierten Drogeriemarkt-Reichs des Anton Schlecker.

          30.000 Beschäftigte

          Danach gefragt, wie eine Leiharbeitsfirma zum von Bruch formulierten Anspruch passt, lässt eine Globus-Sprecherin wissen, dass sie von Beginn an nur als Übergangslösung gedacht gewesen sei, als man vor zehn Jahren damit begonnen habe, über die Reform des mehr als 70 Jahre alten Tarifvertrags für den Einzelhandel zu verhandeln. Es gehe darum, „eine faire tarifliche Eingruppierung moderner Tätigkeitsbilder und eine ausgewogene tarifliche Vergütung“ zu erreichen. Sei das geschafft, werde die Leiharbeitsfirma umgehend aufgelöst und die Belegschaft von der Globus-Muttergesellschaft übernommen. Alles in allem rechnet Globus durch das eigene Entgeltsystem mit mehr und nicht mit weniger Personalkosten, wie die Sprecherin weiter sagt.

          Beziffern will das Haus die Personalkosten nicht, verrät aber, dass die Personalkostenquote von Globus die höchste im Vergleich mit den Konkurrenten sei. Das dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass Globus eigene Metzgereien sowie eigene Bäckereien betreibt und viel Wert auf qualifizierte Kundenberatung legt. Inklusive Auslandsgeschäft in Tschechien und Russland zählt die Globus-Gruppe 30.000 Beschäftigte.

          Verdi will Anerkennungstarifvertrag durchsetzen

          Verdi will verhindern, dass die Saarländer bei der Neubewertung der Tätigkeiten etwa der Metzger und Bäcker nicht mehr nach dem Tarifvertrag des Handels entlohnen, sondern nach den Tarifwerken für das Back- und das Fleischgewerbe. Dort liegen die Entgelte deutlich niedriger als im Einzelhandelstarifvertrag. Andere Tätigkeiten wie das Auffüllen von Regalen sollen bei Globus ebenfalls neu bewertet werden, wie Schiederig weiter sagt. Während eine Verkäuferin, die diese Aufgabe erledige, nach dem Handelstarif 2248 Euro im Monat verdiene, komme etwa eine als gewerbliche Mitarbeiterin eingestufte Kollegin bei derselben Tätigkeit lediglich auf 1906 Euro.

          Verdi geht es nun darum, bei Globus einen Anerkennungstarifvertrag durchzusetzen, der dann mindestens die Ergebnisse des Einzelhandelstarifvertrags übernimmt. Er wird bei der am 7.Mai beginnenden Tarifrunde neu verhandelt.

          Globus will Gehälter nicht senken

          Dass der bisherige Handelstarifvertrag in manchen Teilen nicht zeitgemäß ist, bestreiten auch die Gewerkschafter nicht. Sie wollen aber verhindern, dass Regelungen etabliert werden, die den stundenweisen Abruf von Mitarbeitern erlauben. Der aktuell gültige Tarifvertrag billigt den Mitarbeitern das Recht zu, mindestens 20 Stunden in der Woche und vier Stunden am Tag zu arbeiten. Nur auf Wunsch der Beschäftigten darf das Stundenkontingent unterschritten werden.

          Diese Sorge der Gewerkschafter ist nach Auffassung der Globus-Leitung unbegründet: Man setze seit jeher auf qualifizierte Mitarbeiter, die sich mit Globus identifizierten und sehr gute Kundenbeziehungen pflegten. Deshalb werde der Trend bei Globus auch eher hin zu vollzeitnäheren Arbeitszeitstrukturen gehen, argumentiert die Unternehmenssprecherin.

          Der Befürchtung von Verdi, dass die Löhne im Globus-eigenen Entgeltsystem sinken werden, widerspricht die Globus-Sprecherin ebenfalls. Angesichts der absehbaren Verknappung von Fachkräften sei die Unternehmensleitung vielmehr ziemlich sicher, dass man letztlich nur über attraktive Gehälter die Leute bekommen und halten könne, die Globus brauche, um weiter mit der Strategie erfolgreich zu sein, den Kunden besser zu beraten und zu bedienen als die Konkurrenten.

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