https://www.faz.net/-gzg-9j7wf

Eintracht-Präsident bilanziert : „Hier sind keine Verrückten“

Seit 2000 Präsident der Eintracht: Peter Fischer in der Wolfgang-Steubing-Halle Bild: Jan Huebner

Eintracht-Präsident Peter Fischer schwärmt bei der Mitgliederversammlung vom „außergewöhnlichsten und aufregendsten Jahr“, wirbt aber auch um Bodenhaftung.

          Auch bei der Eintracht kennen sie das akademische Viertel, denn als Peter Fischer an das Podium trat, um am Montagabend genau eine Stunde und elf Minuten lang präsidiale Worte an die 533 Mitglieder in der Vereinsversammlung zu richten, war die obligatorische Viertelstunde längst verstrichen. Da stand er also – zum 18. Mal. „Volljährig“, wie der seit August 2000 amtierende und seitdem immer wieder gewählte Präsident unter dem Beifall der Mitglieder sagte. Die klatschten noch lauter und intensiver, als Fischer seine Rede unterbrach, um Adi Hütter ans Pult zu bitten. Der Cheftrainer der aktuell auf Tabellenplatz fünf der Fußball-Bundesliga liegenden Mannschaft, der am Montag gleich auch noch seine beiden Assistenten Christian Peintinger und Armin Reutershahn sowie Torwarttrainer Manfred „Moppes“ Petz und den Frankfurter Bub, Verteidiger Timothy Chandler, mit in die Wolfgang-Steubing-Halle am Riederwald mitgebracht hatte, freute sich, „hier zu sein. Schade aber, dass wir den Pokal im nächsten Jahr nicht wieder hier haben werden“, sagte der 48 Jahre alte Österreicher beim Anblick des goldenen DFB-Pokals neben dem Rednerpult.

          Der moderat und umsichtig auftretende Hütter erhielt viel Zustimmung, als er sagte: „In der Meisterschaft sind wir ganz gut unterwegs, und in der Europa League haben wir es auch ganz ordentlich gemacht.“ Auch, weil im Hintergrund Sportvorstand Fredi Bobic und Sportdirektor Bruno Hübner, die gleichfalls der Versammlung beiwohnten, mit viel Augenmaß in den meisten Fällen die richtigen Spieler für die richtigen Positionen nach Frankfurt geholt haben. Für Hübner übrigens war es eine Selbstverständlichkeit, am Montag bei der Mitgliederversammlung dabei zu sein – trotz oder vielleicht gerade wegen seines 58. Geburtstags.

          Ein aufregendes Jahr für Frankfurt

          Fischer redete so, wie man ihn kennt: lang, aber kurzweilig, profund und pointiert. Und dies aus gutem Grund: „Es ist das außergewöhnlichste und aufregendste Jahr, das ich bei Eintracht Frankfurt erleben durfte. Es war wirklich ein geiles Jahr.“ Der Menschenfänger Fischer weiß, dass derartige Erfolge wie der Gewinn des DFB-Pokals nur alle Jubeljahre passieren. „Alle, die hier sind, haben Nürnberg erlebt“, rief er der Versammlung zu, um an das Relegationsduell gegen den „Club“ zu erinnern. Auf die aktuelle Lage bezogen sagte Fischer, „dass wir mit unseren Möglichkeiten einen tollen Fußball spielen. Aber die Erwartungshaltung halte ich für deutlich überzogen.“ Beifall kam auf, als Fischer um Bodenhaftung warb: „Hier sind keine Verrückten, die sagen: Champions League und deutscher Meister.“ Kurios, aber sehr bald schon wahr: Die Eintracht ist nicht nur sportlich in Deutschland auf Platz fünf. Auch bei der Zahl der Mitglieder wird es die Eintracht mit aktuell 67 500 Mitglieder sein und Stuttgart überflügeln. „Sportlich sind wir am VfB ja schon längst vorbeigezogen“, sagte Fischer; und wieder brandete Beifall auf. Für den ersten Mann der Eintracht steht fest: „Oberbürgermeister in Frankfurt wird künftig nur noch, wenn er die Stimmen von Eintracht Frankfurt hat.“

          Zweite bei Olympischen Spielen, das kann jemand wie Betty Heidler schaffen. 2012 in London. „Keiner in Deutschland hat weiter geworfen als Du mit Deinen 79,42 Metern“, sagte Fischer, der seine Rede nicht nur für Hütter, sondern auch für die großartige Hammerwerferin unterbrach, um sie auszuzeichnen. Geplant war, dass er Heidler die nachträglich zugesprochene Silbermedaille überreichen wollte. Das wird nachgeholt. Aber die mittlerweile in Berlin lebende Heidler war nicht minder stolz, als Fischer ihr von der Eintracht die Ehrenplakette in Gold überreichte. Heidler, die schnell zum Flughafen musste, genoss die Ovationen der Mitgliederversammlung. So wie es auch Fischer stolz genoss, Präsident der Eintracht zu sein, die sich seit seiner Positionierung gegen die AfD über einen Zuwachs innerhalb nur eines Jahres von gut 17 000 Mitgliedern freuen kann. Fischers klare Kante, damals dargelegt im Interview mit dieser Zeitung, hat im Mutterverein Eintracht große Wirkung gezeigt. „In diesem Verein wurde ausgesprochen, was im Land längst überfällig war“, sagte Axel Hellmann, der auf Fischer als Redner folgte und für die fußballspielende AG Bericht erstattete. Er machte dies mit filmischer Unterstützung, denn der fünfminütige Beitrag, den er zeigte, entfachte große Wirkung, zeigte er doch im Zeitraffer die sportlichen Meilensteine. „2018 war das herausragende Jahr in der hundertzwanzigjährigen Vereinsgeschichte“, sagte Hellmann. „Wir wissen, dass wir in den letzten Jahren überperformt haben. Aber der Klub hat sein Profil geschärft und ist enger zusammen gewachsen. Mit Eintracht Frankfurt hat die internationalste Mannschaft diesen Pokal gewonnen.“ Als besondere Überraschung des Abends überreichte Hellmann gemeinsam mit seinen Vorstandskollegen Bobic und Oliver Frankenbach eine Kopie des Pokals an Fischer.

          Weitere Themen

          Klartext und Fragezeichen

          Eintracht Frankfurt : Klartext und Fragezeichen

          Die Eintracht geht nach dem Glücksspiel in Mannheim mit sich selbst hart ins Gericht. Die Suche nach einem Stürmer läuft weiter: Tosun, Ruiz und Ajorque sind im Gespräch.

          Topmeldungen

          Thomas Middelhoff beim Gespräch über sein neues Buch „Schuldig“ in Hamburg

          Middelhoff im Gespräch : „Es war die Gier nach Anerkennung“

          Thomas Middelhoff war Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann und galt als „Wunderkind“ der Wirtschaft. Dann kam der Absturz: Steuerhinterziehung, Haft, Privatinsolvenz. Jetzt bekennt sich der gestürzte Manager: „Schuldig“
          200 Nanometer Durchmesser: Virus Varicella Zoster (VZV)

          Gürtelrose : Höllischer Schmerz

          Die neue Impfung gegen Gürtelrose zahlen jetzt die Kassen. Gut so, denn wer einmal unter der Infektion litt, wird das so schnell nicht vergessen. Die Infektion ruft heftige Nervenschmerzen bei den Betroffenen hervor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.