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Nach Karriereende : Hammer in der Garage

  • -Aktualisiert am

Ihre letzte EM: Betty Heidler im Olympiastadion von Amsterdam im Juli dieses Jahres Bild: dpa

Betty Heidler ist nach ihrem Karriereende mit sich im Reinen. Zurzeit konzentriert sie sich auf ihr Jurastudium in Berlin. Die Eintracht macht sie als erste Frau zum Ehrenmitglied.

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          Der Lieblingshammer liegt in der Garage. Seine Zukunft ist offen. Doch eines weiß Betty Heidler genau: Sie wird ihn nie wieder werfen. Denn die 33-Jährige hat mit ihrem Sport abgeschlossen. Nichts vermisst sie von dem, was so lange zu ihrem Leben gehörte. Mancher habe ihr prognostiziert, dass sie ihren Rücktritt bereuen werde und geraten, dass sie zumindest noch bis zur Heim-Europameisterschaft in zwei Jahren in Berlin hätte weitermachen sollen. Doch die frühere Weltmeisterin und Weltrekordlerin ist mit sich im Reinen. „Ich wollte immer selbst bestimmen können, wann ich aufhöre“, sagt die Leichtathletin. Und dabei nicht erst einen Zeitpunkt wählen, an dem sie keine Rolle mehr in der internationalen Spitze spielt.

          Noch einmal hatte sich die Hammerspezialistin der LG Eintracht Frankfurt in diesem Jahr für die Großereignisse gequält. Bei den Europameisterschaften im Juli in Amsterdam reichte es für die Titelträgerin von 2010 diesmal zu Silber, bei den Olympischen Spielen einen Monat später in Rio ging sie leer aus. Sie verkaufte es als runden Abschied, denn auch bei ihrer Premiere zwölf Jahre zuvor in Athen war Heidler Vierte geworden. Doch natürlich hatte die ehrgeizige Athletin insgeheim noch einmal auf Edelmetall gehofft.

          „Eine ganz andere“

          Immerhin gewann sie 2012 welches in London - erst das hart herbeidiskutierte Bronze, nachdem es bei der Weitenmessung einen Software-Fehler gegeben hatte. Und schließlich Silber, da die russische Siegerin Tatjana Lyssenko als überführte Dopingsünderin ihre Goldmedaille vor einigen Wochen aberkannt bekam. Offiziell weiß Heidler davon nichts: Weder das Internationale Olympische Komitee noch der nationale oder der internationale Leichtathletikverband hätten sie bislang informiert. Die Medaille sei auch noch nicht in der Post gewesen. „Ich habe das nur aus den Medien erfahren“, sagt sie.

          Es würde wenig ändern an der persönlichen Bilanz einer Karriere, in der die beste deutsche Hammerwerferin immer wieder internationalen Konkurrentinnen misstraute. „Ich habe meine Ziele erfüllt“, betont sie, obwohl Olympiagold oder der langersehnte Wurf über die magische Marke von 80 Metern ihr nicht vergönnt waren. „Aber ich muss mich für nichts entschuldigen.“

          Sie habe Höhen und Tiefen durchlebt, sich nach Niederlagen immer wieder aufgerappelt, um neue Erfolge zu erzielen, und dabei stets versucht, auf dem Teppich zu bleiben. Neben Titeln und Rekorden „nehme ich auch mich mit“, sagt Heidler. Eine gereifte Persönlichkeit, die 2001 „als graues Mäuschen, schüchtern und unsicher“ nach Frankfurt gekommen sei und aus der der Sport „eine ganz andere gemacht“ habe. Zurück lasse sie derweil „ein Gesicht, das die Leichtathletik über Jahre mitgeprägt hat“.

          Neue Freiheit

          Welche Rolle sie in der Szene noch in Zukunft spielen wird, das weiß die Sportlerin nicht. Bei den Halleschen Werfertagen im nächsten Frühjahr soll sie als Co-Moderatorin einsteigen, und gerne erzählt sie dem Nachwuchs von ihren Erfahrungen. „Aber als Trainerin sehe ich mich definitiv nicht.“ Stattdessen treibt die wieder in ihrer Heimatstadt Berlin lebende Bundespolizistin ihr Jura-Studium voran.

          In zweieinhalb Jahren, so hofft sie, werde sie mit dem Staatsexamen abschließen und dann im höheren Dienst tätig werden können. Daneben genießt sie die neue Freiheit, die Spontaneität, die sie endlich ausleben darf, und die Möglichkeiten, die das Leben nach dem Spitzensport bietet. Sich darin zurechtzufinden sei allerdings gar nicht so leicht für jemanden, dessen Tagesabläufe bislang stets von Pflichtterminen geprägt waren: „Da habe ich meinen Weg noch nicht gefunden.“

          Seit kurzem eine Reitbeteiligung

          Dreimal in der Woche plant sie Fitnesseinheiten ein. Die ganz dicken Hanteln braucht Heidler nicht mehr zu stemmen. Es würde ihr auch doppelt schwerfallen: Denn seit Würfe und Weiten keine Rolle mehr spielen, bellt der Schweinehund lauter. „Früher hat man da einfach durchgezogen“, jetzt lockt es viel mehr, aufzugeben. Das Athletiktraining bietet willkommene Anlässe, im Werferhaus mit den früheren Kollegen zusammenzutreffen.

          Darüber hinaus joggt und schwimmt die 1,75 Meter große Frau oder zelebriert Yoga. Richtig glücklich ist sie zudem darüber, einmal in der Woche im Sattel zu sitzen. Schon in jungen Jahren von Pferden begeistert, habe sie das wegen des Hammerwerfens aufgegeben. Doch seit kurzem besitzt sie eine Reitbeteiligung.

          Anderen als Motivation

          Der regelmäßige Sport ist wichtig, die einst aufgebaute übermäßige Muskelmasse muss abtrainiert, das Gewicht auf Normalniveau gebracht werden. Sechs Kilo hat Betty Heidler seit ihrem Karriereende abgenommen, weitere zehn sollen folgen. „Aber da ich nicht mehr so viel verbrenne, kann ich auch nicht mehr alles essen.“ Am vergangenen Wochenende war sie aus der Hauptstadt mal wieder in ihre langjährige hessische Wahlheimat zurückgekehrt.

          Hierher hatte sie einst Bundestrainer Michael Deyhle gelotst, dessen Zukunft beim Deutschen Leichtathletik-Verband nach Ende des Olympiazyklus noch offen ist. Bei der Saisonabschlussfeier der LG Eintracht Frankfurt wurde die Athletin offiziell verabschiedet und von Vereinspräsident Peter Fischer mit der Nachricht überrascht, dass sie im Januar als erste Sportlerin überhaupt zum Ehrenmitglied des Großvereins gekürt werden soll. Eine Auszeichnung, die Heidler mit Stolz erfüllt.

          Ihren zweiten eigenen Hammer hat sie im Übrigen bei ihrem letzten Wettkampf auf Borkum gelassen. Er soll anderen als Motivation dienen. Denn sie selbst, sagt Heidler mit einem gelösten Lächeln auf den Lippen, brauche ihn ja nicht mehr.

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