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Eintracht Frankfurt : Sturmwarnung

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Die nächste Spitzenkraft geht: Sébastien Haller hat sich am Dienstag in Richtung London verabschiedet. Bild: dpa

Nach Luca Jovic zieht es auch Sébastien Haller aus der Eintracht weg – zu West Ham United. Damit verlieren die Hessen ihre beiden besten Torschützen.

          Ein junger Eintracht-Anhänger hat Stürmer Sébastien Haller am Dienstag zum Abschied noch einmal kurz zu Gesicht bekommen. Er beobachtete mit großem Interesse, wie der Franzose in seinem Auto in Begleitung einer Frau das Stadiongelände an der WM-Arena verließ. Noch vor der morgendlichen Trainingseinheit hatte der 25-Jährige zum Frankfurter Trainerstab und seinen Mannschaftskollegen persönlich und mit Stil Adieu gesagt. Anschließend flog Haller mit neuem Berufsziel nach London. Von der Eintracht hatte er die Freigabe für den Medizincheck bei West Ham United erhalten.

          Beim Premier League-Klub wird der Angreifer aller Voraussicht nach einen Fünfjahresvertrag unterschreiben und fortan zwischen sechs und sieben Millionen Euro pro Spieljahr verdienen. Das ist vermutlich dreimal so viel wie in Frankfurt. Auch die Hessen kommen wirtschaftlich voll auf ihre Kosten: Die Ablösesumme für Haller, der in Frankfurt noch einen Vertrag bis zum Rundenende 2020/2021 hatte, beläuft sich auf gut 50 Millionen Euro. Mit diesem großen Geschäft hat die Eintracht einen schönen Mehrwert erzielt, denn der Offensivspieler war vor zwei Jahren als bis dahin teuerster Transfer der Vereinsgeschichte für sieben Millionen Euro aus den Niederlanden vom FC Utrecht an den Main gewechselt. Und nach der stolzen Einnahme für Stürmer Luka Jovic, der für mehr als 60 Millionen Euro zu Real Madrid ging, ist es der zweite große Zahltag für die Eintracht in diesem Sommer.

          Großes Maß an Treffsicherheit verloren

          Zumal diese im Gegensatz zum Jovic-Transfer – 30 Prozent von der Ablösesumme beansprucht Benfica Lissabon für sich – diesmal offenbar „nur“ zehn Prozent an Utrecht abtreten muss. Finanziell extrem durch den Geldsegen gestärkt, aber sportlich jetzt erheblich geschwächt – das ist der negative Teil der Rechnung für die Hessen. Denn mit dem Weggang von Haller und Jovic haben sie mit einem Mal ein großes Maß an Treffsicherheit verloren. Der Franzose (15 Treffer) und der Serbe (17) sorgten zusammen für 32 der 60 Frankfurter Bundesliga-Tore. Insgesamt war Haller in zwei Spielzeiten 24 Mal erfolgreich, außerdem bereicherte er das Eintracht-Spiel mit 14 Torvorlagen. Unter dem Strich bilden in 77 Pflichtspieleinsätzen 33 Tore und 19 Vorlagen seine beeindruckende Bilanz.

          Muss sich umsehen: Sport-Vorstand Fredi Bobic hat zu tun.

          Haller zu den „Hammers“ – was sich in den vergangenen Tagen schon angedeutet hatte, wird nun zur Gewissheit. Die entscheidenden Gespräche zwischen den Parteien fanden wohl am vergangenen Wochenende statt. Am Samstag war Haller im Kreise der Eintracht dadurch aufgefallen, dass er sehr viel mit seinem Handy telefonierte. In der letzten Zeit muss bei dem klugen Franzosen, der fließend Englisch spricht, ein Umdenken eingesetzt haben. Eigentlich wollte der vielseitig talentierte Stürmer, der sich vor einiger Zeit noch einen langfristigen Verbleib in Frankfurt hatte vorstellen können, die Eintracht nicht des Geldes wegen verlassen. Vielmehr musste die sportliche Perspektive für ihn stimmen.

          Die Hände gebunden

          Zur Auswahl für Haller sollte nichts weniger als ein Spitzenklub stehen, dem er sich dann unbedingt anschließen wolle, ließ er verlauten. Aber nun ist es mit West Ham United kein ganz großer Verein auf der Insel geworden, sondern nur der Zehnte der Vorsaison, der sich für keinen internationalen Wettbewerb qualifizieren konnte. Der offenbar jedoch bereit war, seine prall gefüllte Schatulle für die finanziellen Bedürfnisse von Haller weit zu öffnen. Außerdem müssen die Engländer für ihn einen weiteren großen Anreiz geschaffen haben. In seinem neuen Vertrag soll nämlich eine Ausstiegsklausel für einen Champions-League-Klub verankert sein. Die Menge an Zugeständnissen machte Haller wechselwillig. Und den Hessen waren die Hände gebunden – wie schon im zurückliegenden Winter. Damals setzte Sportvorstand Fredi Bobic viel daran, den Vertrag mit Haller vorzeitig zu verlängern. Doch er und dessen Berater blockten das Frankfurter Ansinnen ab. Sie ahnten schon, dass im Sommer 2019 ein lukratives Angebot für den Angreifer eingehen würde.

          Wenn in der Wirtschaft von einer Gewinnwarnung die Rede ist, muss man bei der Eintracht jetzt von einer Sturmwarnung sprechen, weil der Frankfurter Parade-Angriff der abgelaufenen Runde vor dem kompletten Zerfall steht. Die größtmögliche Schwächung an vorderster Stelle könnte Realität werden. Denn mit Ante Rebic droht auch der Dritte der sogenannten „Büffelherde“ sich vom Acker zu machen. Der Neuaufbau nach dem Verlust der Korsettstangen setzt Bobic und Sportdirektor Bruno Hübner immens unter Zugzwang. Mit Haller verlieren die Frankfurter ihren Fixpunkt in der Offensive. In der Rolle des Torjägers, groß gewachsenen Wandspielers, Ballverteilers und unermüdlichen Zweikämpfers war der Franzose vorne eine Wucht. Als Haller im Saisonendspurt mit einer Bauchmuskelverletzung aussetzen musste, büßte die Mannschaft auf dem Platz an Souveränität ein.

          Zur Neuoptimierung ihrer Schaffenskraft im Angriff müssen nun wohl mindestens zwei Stürmer von besonderer Güteklasse kommen. Ein Kandidat könnte Nadiem Amiri von der TSG Hoffenheim sein. Zudem soll die Eintracht ein Auge auf den ehemaligen Nationalspieler André Schürrle (derzeit bei Borussia Dortmund freigestellt) geworfen haben.

          Der Exodus unter den Topkräften wird womöglich auch Torhüter Kevin Trapp ins Grübeln bringen. Nach einem Ausleihgeschäft in der Vorsaison will ihn die Eintracht jetzt fest von Paris St. Germain verpflichten. Aber welche Perspektive kann die Eintracht ihm bieten? Mit dem Abschied zwei ihrer erfolgreichsten Spieler sind die Erfolgsaussichten der Hessen in der neuen Saison erst einmal gesunken. In der Riege der torgefährlichen Topspieler ist es um Rebic (neun Saisontore) herum einsam geworden, ohne Goncalo Paciencia und Neuzugang Dejan Joveljic den Wert für das Team absprechen zu wollen. Nach dem Training am Mittwoch setzte ein großer Run der Anhänger auf den Kroaten ein. So, als ob es eine der letzten Gelegenheiten sein könnte, ein Autogramm von ihm zu ergattern.

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