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Eintracht Frankfurt : Ratlos aus dem Pokal

Der Blick nach oben zeugt bei Václav Kadlec und der Eintracht derzeit eher von Resignation als von höheren Zielen. Bild: Wonge Bergmann

Die Eintracht verblüfft beim 1:2 gegen Mönchengladbach ihren Trainer Thomas Schaaf mit Passivität. Seferovics Verletzung ist nicht so gravierend wie befürchtet.

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          Angriff ist die beste Verteidigung. Mit diesem alten Fußballer-Leitspruch leitete Marco Russ die Nachbetrachtung auf die dritte Niederlage in Folge ein, durch die er und seine Nebenleute schon in der zweiten Runde des DFB-Pokals ausgeschieden waren. „Panik“, behauptete der 1,90 Meter große Abwehr-Abräumer im Brustton der Überzeugung, „gibt es bei uns nicht.“ Aufregung angesichts der Misserfolge, die den guten Saisonstart vergessen machten, sei unangebracht, und überhaupt: „Das Gerede interessiert mich nicht.“ Es seien schließlich vor allem „die Medien“, sagte der Routinier kurz nach dem Abpfiff der Partie gegen Mönchengladbach, „die von außen für Unruhe sorgen“, das lasse ihn „kalt“.

          Marc Heinrich
          Sportredakteur.

          Das knappe 1:2 aus Sicht der unterlegenen Eintracht war freilich ein schmeichelhaftes Ergebnis. Tatsächlich war Russ ziemlich wütend, wie er sich auf dem Weg in die Umkleide in Rage redete und auch an einem der Klubidole kein gutes Haar ließ: „Wenn so Vollexperten wie ‚Grabi‘, der in den 20er-Jahren gespielt hat, den Mund aufreißen, dann interessiert uns das nicht“, erklärte Russ und reagierte damit auf den jüngsten Kolumnen-Beitrag von Jürgen Grabowski in der „Bild“-Zeitung, in der er die Abwehrleistung von Russ und dessen Kollegen bemängelt hatte. Grabowski bestritt als Stürmer von 1965 bis 1980 für die Eintracht 441 Spiele, schoss 109 Tore, wurde Weltmeister, Uefa-Pokalsieger, DFB-Pokalsieger und zum Ehrenspielführer des Vereins ernannt. Ob Russ jemals eine annähernde Erfolgsbilanz wird erreichen können wie der gebürtige Wiesbadener, dessen Einschätzung von vielen maßgeblichen Leuten im Klub interessiert zur Kenntnis genommen wird, ist zweifelhaft.

          Viele gute Spieler verletzt oder weggekauft

          Die Hoffnung, in dieser Spielzeit im Pokal-Wettbewerb für Furore zu sorgen, ist jedenfalls früh geplatzt. Der späte Treffer von Vaclav Kadlec (89. Minute) war zu wenig. Um es mit Bastian Oczipka zu formulieren, der als linker Außenverteidiger zusammen mit Russ bei vielen temporeichen Vorstößen der Borussia nicht Schritt halten konnte: „Wir wissen, dass wir vieles besser machen müssen.“

          Nur wie? Thomas Schaaf, der Trainer, wiederholte nach dem Fehlschlag, was er bei vergleichbaren Gelegenheiten zuvor schon zum Besten gegeben hatte: Für ihn ist der Umbruch des Teams, das er im Sommer übernahm, als vier sehr gute Profis weggekauft worden waren und dem nun zahlreiche als Stammspieler vorgesehene Akteure verletzungsbedingt fehlen, noch immer im vollen Gange. „Es liegt noch viel Arbeit vor uns, und dass manche nicht dabei sein können, die wir eingeplant hatten, verbessert unsere Situation nicht.“

          Schaaf findet seine Mannschaft zu passiv

          Gegen Mönchengladbach hatte der Coach das Mittelfeld umstrukturiert. Lucas Piazón und Takashi Inui blieben dieses Mal zu Beginn draußen und machten Stefan Aigner sowie Marc Stendera Platz. Mit ihnen erhielt die Frankfurter Darbietung ein wenig mehr (Ball-)Sicherheit, Schwung und Struktur, doch in Gefahr konnten auch sie das von Yann Sommer gehütete Gladbacher Tor nicht bringen; und bei der Verteidigung des eigenen lief auch das Duo oft nebenher. Ganz anders dagegen der Gegner, der die Kugel mit einer Präzision und Schnelligkeit in Richtung Eintracht-Strafraum kombinierte, dass Schaafs Leute in die Nebenrolle des staunenden Beobachters gedrängt wurden. Christoph Kramers Analyse sprach hinterher auch Bände: „Wir haben den Ball laufen lassen, ohne uns wirklich anzustrengen“, sagte der Weltmeister im Gladbacher Trikot. Schaaf kam nicht umhin, der für seine Elf wenig schmeichelhaften Beurteilung zuzustimmen: „Das was wir vorgehabt haben, ihnen keinen Raum zu bieten und sie zu pressen, hat nicht funktioniert. Wir waren nicht dicht genug dran, haben nicht entschlossen genug attackiert.“

          Schaaf, der in elf Pflichtspielen nicht einmal die gleiche Startformation aufbieten konnte, sprach „von einem grundsätzlichen Problem, dass wir so passiv sind“. Gestützt wird seine These auch durch einen Blick auf die Laufwerte aller Vereine an den ersten neun Liga-Spieltagen, die für die Eintracht einen Durchschnitt von 113 Kilometer pro Spiel ausweist; Konkurrenten wie Mönchengladbach kommen auf bis zu sieben Kilometer mehr. Aigner, einer der Dauerläufer und Antreiber im Team, räumte ein, „dass ich ein bisschen ratlos bin“.

          Als Lucien Favre von der „guten Mischung“ sprach und damit die Leistung seiner Wirbelwinde Hazard und Traoré, die die Tore erzielten (17. und 67.), Hahn und Herrmann meinte, wirkte Schaaf neidisch angesichts der personellen Vielfalt, die seinem Kollegen zur Verfügung stand. Doch „Jammern hilft uns nicht weiter “, befand der 53-Jährige ebenfalls: „Die, die da sind, können es besser.“ Sie müssen es schleunigst auf dem Platz zeigen, sonst droht nach dem wenig goldenen Oktober ein noch trüberer November.

          An diesem Samstag geht es zu Hannover 96, wo die Frankfurter zuletzt am 14. November 1987 gewinnen konnten. Ob Alexander Meier (Adduktorenverletzung) wird mithelfen können, den Negativtrend umzukehren, entscheidet sich wohl erst kurzfristig. Der zweitbeste Angreifer, Haris Seferovic, fällt dagegen wegen seiner Rot-Sperre definitiv aus. Die Befürchtung, auch der Schweizer könne sich bei seinem Sturz auf die Schulter kurz vor der Pause gravierender verletzt haben, bewahrheitete sich nicht. „Ich habe das Gefühl, dass nichts kaputt ist“, sagte er schon beim Abmarsch aus dem Stadion. Tags darauf diagnostizierten die Mannschaftsärzte nach dem Röntgen eine schwere Prellung. Es sind zurzeit nur kleine Hoffnungsschimmer, aus denen die Eintracht ihren Optimismus zurückgewinnen kann.

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