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Eintracht Frankfurt : In seiner kleinen japanischen Welt

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Ohne Dolmetscher geht seit Jahren nichts: Takashi Inui (links) braucht Yu Nishimura, um sich halbwegs verständlich zu machen. Bild: Heiko Rhode

Takashi Inui macht auch in seinem zweiten Jahr bei der Eintracht keine Anstalten, sich sprachlich Mitspielern und Trainern zu nähern. Er ist zufrieden, wenn er spielen kann, um bei der WM dabei zu sein.

          Yu Nishimura ist auf dem Trainingsplatz der Eintracht ein Exot. Was nicht daran liegt, dass er Japaner ist. Hier gibt es viele Menschen aus fernen Ländern, und außerdem ist er nicht der einzige. Er ist kein Profi, gehört auch nicht zum Trainerstab der Frankfurter oder zur medizinischen Abteilung. Aber auch er trägt Trainingskleidung der Eintracht und ist meistens vom Beginn bis zum Ende des täglichen Trainings auf dem Platz. So war es auch im Trainingslager in Au Dhabi, das gerade erst zu Ende gegangen ist. Herr Nishimura bewegt sich vorsichtig, wirkt sehr zuvorkommend. Oft steht er einfach für längere Zeit auf einer Stelle und beobachtet dezent, was um ihn herum passiert. Der schlanke Mann ist aber der Einzige hier, der nicht für die Mannschaft im Ganzen zuständig ist. Und auch nicht für eine kleinere Gruppe, zum Beispiel Verletzte oder Rekonvaleszenten. Er ist für einen einzigen Spieler da, seinen Landsmann Takashi Inui. Er übersetzt, gibt dem scheuen Mittelfeldspieler wenigstens etwas Anschluss. Er ist immer da für einen der ungewöhnlichsten Profis der Eintracht, der im Kader ein Eigenleben führt wie kein anderer. Der sich in einer selbstgewählten Isolation eingerichtet hat und aufgrund dieser Haltung eine Eins-zu-eins-Betreuung durch seinen Landsmann erhält.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Eintracht hat bei der Integration des 25 Jahre alten Spielers im Grunde aufgesteckt. „Man kann ihn ja nicht zwingen, die Sprache zu lernen“, sagt Trainer Armin Veh. Er geht das Ganze pragmatisch an, sagt, dass Inui sehr wohl wisse, was er von ihm wolle, dass also die fußballspezifische Kommunikation funktioniere. Er verhehlt aber nicht, dass er die Verweigerungshaltung Inuis bezüglich der deutschen Sprache nicht nachvollziehen kann. Dass ein junger Mensch, der im Ausland arbeitet, die Chance nicht ergreift, Neues zu lernen. Und der so auf ein intensiveres Miteinander mit seinen Teamkollegen bewusst verzichtet. „Ohne die Sprache ist es schwer für ihn, zwischenmenschlich reinzukommen“, sagt der Trainer. Und deshalb ist es oft nicht schwer, den schmächtigen, nur 1,69 Meter großen Inui auf dem Platz unter all den anderen Spielern zu entdecken. Er ist entweder dort, wo kein anderer ist, oder dort, wo nur wenige sind. Oder er ist bei Yu Nishimura.

          Unzufrieden: Nur ein Tor in der Saison

          Inui ist kein Neuling mehr in Deutschland, er kam 2012 nach Frankfurt und spielte vorher eine Saison beim VfL Bochum. Von Akklimatisierung kann also längst keine Rede mehr sein. Sportlich ist er ja auch angekommen. Seine geschmeidige Dribbelstärke belebt das Frankfurter Offensivspiel, und bleibt er gesund und in Form, dann ist er auf dem linken Flügel wohl wieder erste Wahl. Das war in der vergangenen Saison so und ist jetzt ebenfalls wahrscheinlich. Allerdings hat der Eigenbrötler in Tranquillo Barnetta inzwischen einen Konkurrenten, der ihm in der ersten Saisonhälfte einige Einsätze abspenstig gemacht hat. So sicher wie früher kann er sich nicht mehr fühlen.

          Inui braucht viele Spiele für die Frankfurter, denn nur so bleibt er ein sicherer WM-Kandidat seines Landes. Er habe zuletzt „wenig gespielt in der Nationalmannschaft“, lässt er übersetzen. Das könne er nur ändern, wenn er für die Eintracht regelmäßig am Ball sei. In dieser Saison könne er allerdings nicht zufrieden sein, sagt Inui, ein Tor und keine Torvorlage lassen auch keinen anderen Schluss zu. Inui sagt, er bewege sich in Frankfurt unter Landsleuten, habe hier seine Frau und sein Kind, und dann und wann sehe er Asuna Tanaka, eine japanische Nationalspielerin im Kader des 1. FFC Frankfurt. Das scheint ihm zu reichen. Dabei ist es beileibe nicht unvermeidlich, dass sich japanische Spieler derart einkapseln. Beim 1. FC Nürnberg zum Beispiel stehen Inuis Landsleute Makoto Hasebe und Hiroshi Kiyotake unter Vertrag, beide gelten als deutlich besser integriert. Das soll auch bei Atsuto Uchida und Hajime Hosogai der Fall sein, der eine spielt für den FC Schalke 04, der andere für Hertha BSC Berlin, Gegner der Frankfurter im ersten Rückrundenspiel.

          Verweigert sich der Eingliederung

          Inui hält sich nicht lange damit auf, seine Passivität zu erklären, er nennt die beiden klassischen Gründe für seine Verweigerung der Sprache: Deutsch sei nun mal sehr schwierig, außerdem habe er wenig Zeit zum Lernen. Er sei ja oft im Trainingslager, so wie zuletzt in Abu Dhabi. Dann macht er ein Gesicht, als ob das alles nicht an ihm liege, und ist froh, als keine weiteren Fragen mehr gestellt werden und er gehen kann. Dann zieht sich Takashi Inui wieder zurück in seine kleine japanische Welt – die wohl auch ein Grund dafür ist, dass er sich nicht weiter öffnet oder an sich arbeitet, um ein Teammitglied wie die anderen zu werden. Man muss es sich leisten können, so viel Verweigerung hinzunehmen. Spielt Inui so gut, wie er es vermag, dann scheint dieser Preis für den Verein hinnehmbar. Auch wenn das Bild, das Inui abgibt, oft befremdet. Auf dem Flughafen von Abu Dhabi, kurz vor der Rückkehr nach Deutschland, gab ihm ein Teamkollege beim Vorübergehen einen freundlichen Klaps auf die Schulter. Inui nahm es nicht wahr. Den Blick gesenkt, ging er weiter.

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