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Eintracht Frankfurt : Im Zwiespalt der Gefühle

Vor Freund und Feind: Martin Hinteregger ist zuverlässig mit dem Kopf zur Stelle. Bild: AFP

Das 2:2 bei Schachtar Donezk lässt der Eintracht in der Europa League alle Möglichkeiten offen. Doch die Leichtfertigkeiten geben Hütter und Bobic zu denken.

          Am Morgen danach sah die Fußballwelt schon wieder ein bisschen anders aus. In ihren Augen ein wenig freundlicher. Der erste Frust, der unmittelbar nach Abpfiff vorherrschte, relativierte sich mit wachsendem Abstand zum Spiel. Restlos zufrieden waren sie mit sich und ihrer Leistung immer noch nicht, und in der selbstkritischen Aufarbeitung des Auftritts ließ sich erkennen, wie stark ihre Sehnsucht nach Erfolg mittlerweile geworden ist. Bruno Hübner berichtete, dass er beim Gang durch die Eintracht-Kabine ein Team vorgefunden habe, das von den Strapazen des Abends zunächst sichtbar gezeichnet war: „Wirklich erschöpft“ seien die Frankfurter Akteure von einer Auseinandersetzung mit einer „Wahnsinns-Mannschaft“, die trotz achtzigminütiger Unterzahl so bravourös dagegengehalten habe, dass die Hessen in Überzahl an „ihre Leistungsgrenze“ gehen mussten, um in der ukrainischen Februar-Kälte gegen Schachtar Donezk ein 2:2 zu erreichen – ein Zwischenergebnis, das alle Möglichkeiten in der Europa League offenlässt.

          „Wir müssen jetzt vor allem regenerieren“, sagte der Sportdirektor vor dem Heimflug am Freitagvormittag, wohl wissend, dass wenig Zeit bleibt, um sich von der anstrengenden Dienstreise in den Osten zu erholen. Der Blick ging schon wieder voraus, denn an diesem Sonntag ist die nächste Partie von Belang zu bewältigen: „Viel schlafen, gut essen“, sagte Hübner, sei das Gebot der Stunde für das Team, das nach einer kurzen Nacht in Charkiw dann doch „ein Stück weit mit Stolz“ auf die eigene Darbietung zurückreiste, wie er es formulierte.

          Nächstes Schwergewicht

          Nun bekommen sie es in der Bundesliga an diesem Sonntag umgehend mit einem nächsten Schwergewicht zu tun: Borussia Mönchengladbach. Ob es im internationalen Geschäft über die erste K.-o.-Runde hinaus für die Eintracht weitergeht, entscheidet sich am kommenden Donnerstag im zweiten Teil des Duells mit Donezk in der WM-Arena. Ihre Chancen, darin herrschte bei all den gemischten Gefühlen, die in die Beurteilung des aufregenden Kräftemessens einflossen, wurden bei diesem eisigen Erlebnis im Metalist-Stadion zumindest nicht schlechter. „Wir waren etwas nachlässig“, schlussfolgerte Fredi Bobic. „Man hat gesehen, was für Technik und Speed Schachtar hat. Wir dagegen waren vielleicht noch etwas grün“, fügte der Sportvorstand im Gespräch bei DAZN an.

          Auch in Adi Hütters Brust schlugen zwei Herzen. Zum einen sprach der Chefcoach von einem „sehr ordentlichen“ Resultat, bei dem sich in einer Woche zeigen werde, „was es wert ist“. Die Treffer von Martin Hinteregger (7. Minute) und Filip Kostic (50.) hätten eine gute Grundlage geschaffen, auf der sich aufbauen lasse. Der 49-Jährige bezeichnete es als „ärgerlich, dass wir zweimal die Führung nicht gehalten haben“. Zunächst war es Evan Ndicka, der dem Gegner mit seinem Einsteigen im Strafraum in die Karten spielte; sein Rempler gegen Marlos verursachte einen Elfmeter, den Junior Moraes verwandelte (9.). „Unnötig“, so Hütter, sei das Vorgehen des jungen Franzosen gewesen, der den Angreifer von hinten attackierte, obwohl er sich vom Tor wegbewegte. „Das müssen wir besser lösen.“

          Mehr Stabilität

          Nicht minder leichtfertig sah das Abwehrverhalten beim 2:2 von Taison (67.) aus, der die Unentschlossenheit von drei in seiner Nähe postierten Verteidigern ausnutzte und Kevin Trapp überwand (67.). Der Eintracht war es in dieser Szene nicht gelungen, ihre Überzahl (nach dem Platzverweis von Taras Stepanenko, 11.) mit Bedacht auszuspielen, und nach dem Ballverlust schloss sie in der Rückwärtsbewegung das Abwehrzentrum nicht rasch genug. Dass Sebastian Rode in der Pause angeschlagen in der Kabine blieb, weil er laut Hüter „muskuläre Probleme“ an der Wade verspürte, die ein „zu großes Risiko“ darstellten, und auch sein Nebenmann Gelson Fernandes in der Schlussphase mit der Gelben Karte vorbelastet vom Feld ging, tat der defensiven Statik nicht gut. Die beiden Abräumer trugen durch ihre Zweikampfführung mehr zur Stabilität bei, als es den für sie eingewechselten Jetro Willems und Jonathan de Guzman gelang.

          Auch für die TSG Hoffenheim reichte es in der Vorrunde der „Königsklasse“ unlängst auswärts zur gleichen Ausbeute gegen Schachtar. Dann bekamen die Kraichgauer vor heimischem Publikum bei der 2:3-Niederlage Grenzen aufgezeigt. „Sorgen mache ich mir nicht“, sagte Hütter bei der Aussicht auf das baldige Wiedersehen, „doch wir müssen unglaublich gut verteidigen.“ Mehr Cleverness, Übersicht und Nervenstärke in Stress-Situationen wird nötig sein. Hinteregger erfüllte dieses Anforderungsprofil ansatzweise. In seinem dritten Pflichtspiel für die Eintracht hinterließ der aus Augsburg gekommene Innenverteidiger neben Dauerläufer Kostic anfangs den überzeugendsten Eindruck und reagierte im zweiten Abschnitt unter Druck weniger souverän.

          „Wir waren dem 3:1 sehr nahe“, verwies er auf die Gelegenheiten gerade nach dem Seitenwechsel, als Ante Rebic und Luka Jovic verschwenderisch mit ihren Möglichkeiten umgingen, „ehe wir alle die Qualität von Schachtar gespürt haben“. Er selbst hätte beim Alleingang von Taison geschickter zu Werke gehen sollen, nahm sich der Österreicher in die Pflicht: „Ich hätte ihn blocken oder ins Abseits stellen müssen.“ Für Hinteregger stellt das Unentschieden eine „gute Ausgangsposition“ dar: „Es wird sicher ein sehr interessantes Rückspiel.“

          An Spannung dürfte es jedenfalls kaum mangeln, das ist auch Peter Fischer bewusst. Dem Präsidenten der Eintracht kamen noch in den Katakomben in Charkiw Déjà-vu-Gedanken. Die bisher letzte Europa-League-Kampagne endete vor fünf Jahren nach einem 2:2 im Hinspiel beim 3:3 in Frankfurt gegen den FC Porto unerfreulich. Angeleitet wurden die Sieger damals vom heutigen Schachtar-Trainer Paulo Fonseca, der die Erinnerungen sogleich als „gutes Omen“ für die Gegenwart bezeichnete. Fischer wünschte sich, dass es genau andersherum kommt: „Ich hoffe, Geschichte wiederholt sich nicht.“

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