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Eintracht Frankfurt : Grinsende Glücksritter

  • -Aktualisiert am

Nur Fliegen ist schöner: Lucas Piazon genießt die Leichtigkeit des Seins nach seinem zweiten Bundesligator für die Eintracht. Bild: Huebner/Ulrich

Die effektive Eintracht zeigt den Schalker Einzelkönnern Grenzen auf. Trainer Schaaf verlangt nach dem 1:0-Heimsieg ein Umdenken: „Nicht immer das Negative sehen.“

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          Die Chance war da nach dem ersten Erfolg in der Bundesliga nach zuletzt sechs sieglosen Spielen am Stück. Und Thomas Schaaf nutzte die Gunst der Stunde, die Dinge zurechtzurücken – so wie er sie gerne sehen würde. Der Trainer der Frankfurter Eintracht nahm im Anschluss an das 1:0 über Schalke 04 die Rolle des Vordenkers ein und forderte ein Umdenken in Zukunft. Er sagte: „Man braucht nicht immer das Negative sehen. Ich habe immer nur gehört, was wir nicht können und was wir falsch gemacht haben.“ Und weiter: „Dinge, die falsch laufen, muss man anmahnen. Aber es ist auch ganz wichtig, jedem aufzuzeigen, was er gut macht.“

          Marc Heinrich
          Sportredakteur.

          Schaaf, der zum 500. Mal auf der Trainerbank saß, wünscht sich bei der Bewertung seiner Arbeit und der Leistung der Spieler der Hessen einen Perspektivenwechsel. Aus seiner Sicht würde das die Sache leichter machen. Insofern ist er froh, dass sich die Mannschaft mit dem 1:0 in ein „anderes Licht“ gerückt habe und nun ein positiver Eindruck zurückbleibe. Ende gut, alles gut? Abwarten – zumindest schlechter sind die Perspektiven nicht geworden.

          Trapp gibt Sicherheit und Halt

          Die Eintracht mit den zwei wechselhaften Gesichtern ist das Team nach wie vor. Die Frankfurter schaffen es immer noch nicht, ihre Qualität über die kompletten neunzig Minuten auf dem Platz zu zeigen. Deshalb gibt es die „neue“ Eintracht (noch) nicht. Hätte sie am Samstag nicht Kevin Trapp zwischen den Pfosten gehabt, wären die Schwächen im Verteidigungsverhalten wahrscheinlich wieder ein vorherrschendes Thema geworden.

          Und Schaaf hätte sich zu seinem Leidwesen aufs Neue rechtfertigen müssen. So aber hielt der überragend parierende Torhüter mit seinem bemerkenswerten Stellungsspiel die Schalker besonders in der ersten Halbzeit hartnäckig vom Torerfolg ab – und die Glücksritter vor ihm auf Kurs. Dort, wo es nur noch auf Trapp ankam, weil seine Vorderleute zu unaufmerksam waren, war der bravouröse Solist jedes Mal zur Stelle. „Kevin hat ein paar Mal Kopf und Kragen riskiert“, freute sich Finanzchef Axel Hellmann. Es war ein achtbarer Auftritt des konstant konzentrierten und unerschütterlichen Torwarts, der Schaaf aber nicht überraschte. Denn: „Kevin ist da, wenn er da sein muss. Er gibt uns die Sicherheit und den Halt.“

          Andreas Köpke schaute zu

          Um auf sich aufmerksam zu machen, hatte sich Trapp außerdem den passenden Arbeitstag ausgesucht, schließlich schaute sich Bundestorwarttrainer Andreas Köpke die unterhaltsame Begegnung an. Der Eintracht-Kapitän wusste davon nichts. „Aber es hätte auch nichts geändert“, sagte er. Es ist nicht seine Hauptmotivation, Köpke zu überzeugen. Auf der anderen Seite strebt Trapp in die Nationalmannschaft. Momentan bieten ihm seine Mitspieler jedenfalls reichlich Möglichkeiten, sich auszuzeichnen, während ein Mitbewerber wie der Leverkusener Bernd Leno gerade nicht seine beste Phase hat.

          Lucas Piazon, hinter Trapp der zweite Matchwinner, profitierte von Sonny Kittels schwacher Darbietung. Nach 45 Minuten war für das Eintracht-Talent auf der linken Außenbahn folgerichtig Schluss, hatte es doch aufgrund seiner Fehler den Schalkern mehrere gute Angriffsmöglichkeiten eröffnet. „Sonny war traurig bis zum Gehtnichtmehr“, berichtete Schaaf. „Wichtig ist jetzt, dass er sich nicht groß Gedanken macht, sondern seinen Weg weitergeht.“ Der des in den ersten Monaten oft gescholtenen Brasilianers Piazon weist nun sportlich einen Silberstreif am Horizont auf. Sein Siegtor zum 1:0 nach 64 Minuten war sein erster Kopfballtreffer. „Wir wussten gar nicht, dass Lucas kopfballstark ist“, sagte Innenverteidiger Marco Russ – und grinste.

          Schaaf möchte Piazon in Frankfurt halten

          Zupass kam Piazon bei seinem Kunststück, dass die Flanke von Timothy Chandler abgefälscht worden war. Der Einundzwanzigjährige stand dann goldrichtig und lupfte den Ball gekonnt über den überraschten Torhüter Timon Wellenreuther in das Schalker Tor. Die Aktion sei „so geplant“ gewesen, meinte der Schütze. „Timothy hatte im Training solche Flanken geschlagen.“ Im Duell mit den „Königsblauen“ war allerdings auch Glück im Spiel. Diese werden von Roberto Di Matteo betreut. Jener ehemalige Chelsea-Coach, den Piazon am Samstag lobte, da er ihm „eine Chance gegeben“ habe.

          Der Leihspieler des FC Chelsea würde gerne über den Sommer hinaus in Frankfurt bleiben, diesen Wunsch äußerte er am Samstag, nachdem er zuletzt noch angedeutet hatte, am liebsten nach England zurückkehren und seine zweite Chance in der Premier League suchen zu wollen. Schaaf würde Piazon, wenn sich der Deal finanzieren ließen, gerne behalten. Er betonte in den zurückliegenden Wochen oft, dass er mit der Entwicklung des schmächtigen Südamerikaners wesentlich zufriedener ist als allerlei Beobachter im Umfeld des Klubs, „die ihn viel zu kritisch beäugen“, wie der Coach monierte.

          Am Samstag überwog an einem „Superabend“, wie Hellmann das Geschehen bezeichnete, im Eintracht-Lager die positive Sicht der Dinge: „Wir haben einen Champions-League-Teilnehmer geschlagen und haben zu null gespielt.“ Das kam in dieser Runde bis dahin erst zweimal vor. Und außerdem: „Wir haben auch Akzente außerhalb des Platzes gesetzt“, freute sich Hellmann über eine beeindruckende Fan-Choreographie über die komplette Nordwestkurve hinweg, die in der Bundesliga Maßstäbe setzte. Sportdirektor Bruno Hübner nannte den Verlauf des 21. Spieltags „eine runde Geschichte“. Daran konnte auch die Sperre für Makoto Hasebe nichts ändern; der Japaner muss wegen seiner fünften Gelben Karte am kommenden Samstag zuschauen. Schaaf nahm es (öffentlich) gelassen. Der Mannschaft habe die zweite Halbzeit gegen Schalke „den Weg gezeigt“. Auch die nächste Hürde, das Rhein-Main-Duell beim FSV Mainz 05, scheint dabei nicht unüberwindbar.

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