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Eintracht Frankfurt : Geheimhaltung und Spionage

  • -Aktualisiert am

Planen hier, Planen da: Vor einem Sichtschutz bespricht sich Trainer Armin Veh mit Kapitän Pirmin Schwegler. Bild: Heiko Rhode

Seit ein paar Wochen präsentiert sich die Eintracht wie ein offenes Buch. Trainer Veh lässt sich meist in die Karten schauen, weil es in der Bundesliga kaum noch Geheimnisse gibt.

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          Armin Veh hätte ja gerne ein bisschen geplaudert, für Gespräche über Fußball ist er schließlich meistens zu haben. Aber am Donnerstagmittag, das Training bei Eintracht Frankfurt war gerade beendet, bat der Trainer um Verständnis. Es gebe wirklich nichts Neues mehr, und, viel wichtiger noch, das Neue bei der Eintracht vor dem Heimspiel am Samstag gegen Braunschweig sei ja längst in der Welt – vor allem beim Gegner. Veh nahm es einerseits entspannt hin, dass die Braunschweiger seit etwa 24 Stunden recht sicher sein konnten, dass sie gegen die Eintracht mit dem Angreifer Vaclav Kadlec und nicht etwa mit Jan Rosenthal oder Joselu zu rechnen haben. „Die wissen doch eh schon alles“, sagte er schmunzelnd. Andererseits sollte nicht unter den Tisch fallen, dass er ein Trainer in der Bredouille ist: Er soll Gegnern unangenehme Aufgaben stellen, aber das ist schwierig, wenn diese umfassend informiert sind, welche Frankfurter Aufstellung sich abzeichnet und wie es um die Verfassung einzelner Spieler bestellt ist. Es sind für die Bundesliga typische Fragen, die sich auch in Frankfurt stellen: Wie viel Geheimhaltung ist nötig, möglich, erwünscht?

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Eintracht war in diesem Punkt zuletzt ein offenes Buch. Vehs stark veränderte Startaufstellung für das Spiel bei den Bayern war drei Tage vor dem Anpfiff im Training leicht zu erkennen. Und die Kadlec-Beförderung, eine nach den Eindrücken der vergangenen Wochen nicht erwartbare Veränderung, ist nun auch lange vor der Zeit auf dem Markt. Es werde in der Bundesliga inzwischen ein beträchtlicher Aufwand betrieben, um die Planspiele der Konkurrenten herauszufinden, sagt Veh. Das gilt auch für die Eintracht, und deshalb ist er informiert, dass die Braunschweiger ihr Trainingsgelände inzwischen gerne mal verriegeln, um ein paar Dinge für sich zu behalten. Dabei würde er gerne wissen, ob zum Beispiel Orhan Ademi im Sturm spielt oder Domi Kumbela. „Das ist ein großer Unterschied“, sagte er. Bei entsprechendem Wissen gehe es nicht darum, die eigene Aufstellung anzupassen. Vielmehr sollen seine Profis die Eigenarten potentieller Gegenspieler genau kennen.

          Die gläserne Mannschaft

          Auch die Eintracht hat Scouts im Einsatz, die den nächsten Gegner intensiv beobachten. Der erste in der zweiten Saisonhälfte, Hertha BSC, war sogar von einem Entsandten im Wintertrainingslager der Berliner in der Türkei tagelang durchleuchtet worden. Braunschweig ist das aktuelle Beispiel der Begierde nach mehr Wissen. Allerdings ist die Politik der Abschottung in der Liga weit verbreitet. An anderen Standorten gibt es sie sogar schon länger als in Frankfurt. Thomas Tuchel etwa hat 2009 bei Mainz 05, in seiner ersten Saison als Bundesliga-Cheftrainer, Geheimtraining hinter Sichtschutz eingeführt. Damit Gegner nicht alles erfahren, aber auch weil er seinem Team das Recht auf ungestörtes Üben erhalten will. Nicht jede Reaktion der Spieler auf dem Platz soll gläsern sein – und nicht jede Ansage des Trainers.

          Das ist beim FC Bayern, Gegner der Eintracht am vergangenen Sonntag, nicht anders. Auch hier gilt: Das Training ist meistens öffentlich, aber ein bis zwei Tage vor dem nächsten Spiel startet die Operation Geheimhaltung. Die Bayern haben sogar einen mobilen Sichtschutz, aber sie haben ja auch ein eigenes Parkhaus gebaut, um den Massen bei öffentlichen Trainingseinheiten Herr zu werden. Das dürfen sogar Beobachter gegnerischer Vereine benutzen. Trainer Pep Guardiola musste bei seinen Verhandlungen in München eigens auf die Bundesliga-Kultur des offenen Trainings eingestimmt werden, denn er war beim FC Barcelona anderes gewohnt. In Spanien, aber auch in England sind die Mannschaften in ihren Trainingsgettos durchgängig unsichtbar, hier wurde die Abschottung zur Perfektion getrieben.

          Das braucht Veh nicht, aber an den Vorteilen von Spionage – wenn sie denn möglich ist – kommt auch er nicht vorbei. Selbst in Spielen, bei denen es vermeintlich unwichtig ist. „Für mich ist es schon wichtig zu wissen, ob einer wie Thomas Müller außen oder eher zentraler spielt“, sagte er – drei Tage nach dem 0:5 in München. Da kann man sich vorstellen, um wie viel wichtiger Informationen über einen direkten Konkurrenten im Kampf gegen den Abstieg wie Eintracht Braunschweig sind. Oder wie entscheidend es sein kann, Geheimnisse für sich zu behalten.

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