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Eintracht Frankfurt : Gefangen in Automatismen

Laufbereitschaft:Die Eintracht-Profis stimmen sich am Stand von Norderney auf ihren Trainingstag ein. Bild: Heiko Rhode

Thomas Schaaf entdeckt bei einigen Eintracht-Spielern ungünstige Gewohnheiten, die der Frankfurter Trainer den Betroffenen schon bald abgewöhnen will.

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          Kevin Trapp ist zufrieden. „Ich habe täglich Bilder aus Frankfurt bekommen. Die haben nicht so gut ausgesehen“, sagt der Torwart. Die Bilder, die der Keeper der Eintracht von Norderney aus seinen Freunden und Bekannten schicken konnte, hatten fast alle einen blauen Rahmen. Ein bisschen Regen nur zu Wochenbeginn, ansonsten Sonne satt: Thomas Schaaf hat das richtige Händchen gehabt, als er sich wieder einmal dafür entschieden hat, ein Vorbereitungscamp auf der zweitgrößten Ostfriesischen Insel abzuhalten. „Das Trainingslager ist gut gelaufen“, sagt der Eintracht-Trainer. Wobei es offiziell noch gar nicht vorbei ist. Erst an diesem Samstag kehrt die Frankfurter Reisegruppe Norderney den Rücken. Ein letztes Training noch an diesem Vormittag, dann geht es mit Fähre, Bus und Flugzeug zurück in die Heimat. Am WM-Finaltag Sonntag ist frei; Schaaf wird, so die letzte Planung, seine Spieler wieder am Montagnachmittag auf dem Übungsplatz an der Frankfurter Arena sehen.

          Ralf Weitbrecht
          Sportredakteur.

          Sieben Tage Norderney, sieben Tage Sommerfrische. Die „steife Brise“, die Schaaf so schätzt, hat sich nur selten gezeigt. Einzig bei den morgendlichen Strandläufen, als zum Teil durch tiefen Sand gelaufen wurde, mussten sich die Spieler mehr als sonst quälen, als ihnen der Wind vereinzelt um die Ohren pfiff. Am Ende der Reise nach Norderney sieht sich Schaaf bestätigt: „Wir sind bereit, gemeinsam einen Weg zu gehen. Alle Spieler, die hier sind, genießen mein Vertrauen“, sagt der Trainer. „Es ist meine Pflicht, mich um sie zu kümmern.“

          Startelf alles andre als komplett

          Auch die sechs U-19-Spieler, die die Reise in den Norden Deutschlands mitgemacht haben, haben in Schaafs Augen einen gute Eindruck hinterlassen. „Die Jungs hatten die Chance, sich zu zeigen. Sie haben es gut gemacht. Sie sind mit Eifer dabei.“ Und einige können damit rechnen, auch beim zweiten Camp am Ball zu sein. Eventuell nicht alle, denn Schaaf will es situativ entscheiden und auch von der Kadergröße abhängig machen, die sich vom kommenden Donnerstag an, wenn es nach Donaueschingen in den Südwesten Baden-Württembergs geht, etwas anders darstellen wird. Zumindest die beiden WM-Fahrer Makoto Hasebe und Timothy Chandler stoßen dann zu ihren neuen Kameraden. Schon vor ihrem weltmeisterschaftlichen Ausflug nach Brasilien von der Eintracht vom Bundesliga-Absteiger 1. FC Nürnberg verpflichtet, sollen die beiden ehemaligen „Club“-Stammspieler das Frankfurter Niveau anheben. Derzeit nämlich, das weiß auch Schaaf, ist seine zukünftige Startelf alles andere als komplett. Auch deshalb setzt der Trainer seine Hoffnungen in die Bemühungen des Sportdirektors. Bruno Hübner hatte bei seinem Kurzbesuch auf Norderney versprochen, bis zur Fahrt nach Donaueschingen zwei der insgesamt dringend benötigten drei bis vier Neuzugänge zu präsentieren.

          In welcher Verfassung sich der Japaner Hasebe und der Amerikaner Chandler nach WM-Teilnahme und anschließendem Urlaub befinden, glaubt Schaaf bestens zu wissen. „Ich habe während der ganzen Zeit engen Kontakt mit ihnen und ihren Nationaltrainern gehalten“, sagt der Frankfurter Chefcoach. „Sie haben mir ihre Programme zugeschickt. Diese Informationen setze ich um“, sagt Schaaf, der sich darauf freut, einen wieder genesenen Hasebe in seinem Kader zu begrüßen. „Wenn er startet, ist alles okay mit ihm“, sagt der Eintracht-Trainer über den am Meniskus operierten Japaner.

          Kadlec als Alleinunterhalter im Sturm

          Während der Tage auf Norderney hat Schaaf immer wieder von Entwicklungsstufen und Prozessen gesprochen, die seine Mannschaft durchlaufen soll. Sein Credo: „Die Spieler müssen frei und offen sein für das, was kommt. Wichtig ist, dass sie sich alle weiterentwickeln wollen. Das habe ich gesehen. Wir haben hier im Trainingslager eine gute Entwicklung genommen“, sagt der 53 Jahre alte Fußballlehrer – und hat auch bemerkt, „dass manche Spieler“, die schon länger bei der Eintracht sind, „in Automatismen gefangen sind. Da muss man ran, da rappelt es dann im Kopf.“ Dass die Entwicklung der Eintracht noch lange nicht abgeschlossen ist, weiß der erfahrene Coach nur zu gut. Schaaf wartet geduldig, wie er sagt, auf die benötigten Neuzugänge, mit deren Hilfe es gelingen soll, den letztjährigen Tabellendreizehnten für die Bundesliga konkurrenzfähig zu machen. Am liebsten hätte Schaaf alle vier geplanten neuen Spieler schon in der Sommerfrische auf Norderney dabei gehabt. Doch der „überhitzte Markt“, von dem unisono Vorstandschef Heribert Bruchhagen und Sportdirektor Bruno Hübner gesprochen haben, hätte dies noch nicht möglich gemacht hat. Deshalb musste sich der Coach begnügen und in Geduld üben. Seine Hoffnungen richten sich auf Zuwachs in der kommenden Woche. Über seinen zeitlichen Wunsch nach Verstärkungen, vor allem im Sturm, wo sich derzeit Vaclav Kadlec als Alleinunterhalter verdingt, sagt Schaaf: „So schnell, wie es geht. So schnell, wie es machbar ist.“ Bevor sich Trainer, Spieler und Betreuer am Freitagnachmittag auf den Weg aufs Festland machten, um am Abend beim SV Grün-Weiss Firrel das zweite Testspiel zu bestreiten (siehe Kasten), brachte Schaaf eine neue Note in den Trainingsalltag. Nicht Fußbälle, sondern Handbälle wurden auf verkleinerte Tore geschossen. Dort stand Trapp – und wunderte sich: Der von der eigenen Nationalmannschaft besonders tief getroffene und enttäuschte Brasilianer Bamba Anderson erzielte das Tor des Tages. Etwas Balsam für die geplagte Seele nach dem 1:7-Halbfinaldesaster gegen Deutschland.

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