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Eintracht-Spieler Haller : Der geschmeidige Gigant

Ohne Selbstzweifel: In Adi Hütters Team spielt Sébastien Haller befreit auf. Bild: Imago

Sébastien Haller ist der Fixpunkt in der Eintracht-Offensive. Er ist gleichermaßen robust und beweglich, selbstbewusst und mannschaftsdienlich.

          Adi Hütter empfand eine Spur Mitleid mit seinem Kollegen. Markus Weinzierl hatte nach der dritten Niederlage im dritten Spiel an seinem neuen Stuttgarter Arbeitsplatz konsterniert und ratlos gewirkt. Null Treffer, null Punkte, elf Gegentore ergeben eine niederschmetternde Bilanz. Und dass seine Schwaben nach zwei 0:4-Niederlagen gegen die Frankfurter Eintracht nur 0:3 verlor, empfand Weinzierl nicht mal als minimales Quantum Trost. Es sei die schlimmste Niederlage von allen gewesen. „Wir haben gefühlt jeden Zweikampf in der letzten Linie verloren. Fast jeder Ball, der in die Nähe des Strafraums kam, bedeutete Gefahr“, gestand der VfB-Trainer ein. Ein größeres Kompliment kann man einer gegnerischen Sturmreihe nicht machen.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Hütter lobte ebenfalls sein Angriffstrio, aber allzu sehr mochte er dabei nicht ins Detail gehen: „Ich bin froh, dass ich sie habe.“ Der Österreicher hatte auf den Ausfall von Mijat Gacinovic sehr mutig reagiert und den laufstarken offensiven Mittelfeldspieler mit den großen Defensivqualitäten durch eine Sturmspitze ersetzt. Und so seine Ankündigung wahr gemacht, es irgendwann einmal mit der Kombination Haller, Rebic und Jovic zu probieren. Auf die Gefahr hin, die Balance zwischen Angriff und Abwehr zu verlieren. Gegen die verunsicherten Stuttgarter lohnte es sich, ins Risiko zu gehen.

          Fixpunkt der Offensive

          So dynamisch und gefährlich Rebic und Jovic auch ihrer Arbeit nachgingen – Fixpunkt der Frankfurter Offensive war auch in Stuttgart Sébastien Haller. Der 24 Jahre alte Franzose vereinigt alle Tugenden, die ein Mittelstürmer haben kann auf seine Person. Haller überzeugt als Torschütze (sieben), als Vorlagengeber (sechs), als Zweikämpfer (Rekordwert geführter und gewonnener Zweikämpfe in der Bundesliga) und als Zielspieler, der den Ball auf vorgeschobenem Posten annimmt, kontrolliert und weiterspielt. Dazu kommt seine außergewöhnliche Kopfballstärke nach Abstößen von Torwart Trapp. Häufiger als jedem anderen gelingt es ihm, den Ball aus der Luft zum Mitspieler zu lenken.

          In der Öffentlichkeit standen zunächst die Kollegen mehr im Fokus. Jovic wegen seiner fünf Treffer gegen Düsseldorf, Pokalheld Rebic wegen seiner noch spektakuläreren Spielweise, die zwischen Genie und Wahnsinn changiert. Die Mitspieler schätzten Hallers Wert vom ersten Spieltag an extrem hoch ein. Torwart Trapp nennt den Franzosen „brutal wichtig“ für das ganze Eintracht-Spiel, Marco Russ spricht von „Wahnsinn, was ,Seb‘ alles drauf hat und wie er für die Mannschaft arbeitet.“ Trainer Hütter muss gar nichts über den Wert des Stürmers sagen, die Statistik drückt alles aus: Haller bringt es auf mehr Einsatzminuten als Jovic und Rebic zusammen.

          Beweglichkeit und gute Ballbehandlung

          Die überragende Physis ist die Grundlage für das Spiel des Sébastien Haller. 1,90 Meter groß und 91 Kilogramm schwer, setzt er seinen Körper in den Zweikämpfen in aller Robustheit ein. Dazu kommt eine Geschmeidigkeit, die man bei einem Profi seiner Statur nicht erwarten muss. Seine spektakulären Tore nach Seitfallziehern machen diese Fähigkeit offensichtlich, doch auch viele kleine Situationen löst er dank seiner Beweglichkeit und seiner guten Ballbehandlung. Dazu kommt sein mannschaftsdienlicher Charakter. Er ist sich nicht als Balljäger zu schade, und zudem macht es ihm Spaß, seine Nebenleute in Szene zu setzen. Haller ist alles andere als ein selbstbezogener Torjäger, manchmal wünschte man ihm sogar eine Prise mehr Egoismus. Natürlich ist der große und schwere Franzose kein Sprintertyp wie Rebic, aber selbst als Konterspieler und Tempodribbler fühlt er sich nicht völlig unwohl.

          Welche Schwächen er hat? Im Gegensatz zu Jovic bevorzugt er beim Torschuss eindeutig einen Fuß, den rechten, er ist also etwas berechenbarer im Strafraum. Und dann ist da seine Sensibilität, die ihn sympathisch macht, aber im harten Profigeschäft manchmal bremst. Wenn es nicht läuft, neigt Haller zu schnell zu Selbstzweifeln. In der vergangenen Saison verlor er seinen Stammplatz in der Rückrunde, nachdem er bis zum 19. Spieltag achtmal getroffen hatte. Bis zum Saisonende kam nur noch ein Treffer hinzu.

          Ein Rückschlag in dieser Dimension ist nun weniger zu erwarten. Denn Trainer Hütter lässt die Eintracht deutlich offensiver spielen als sein Vorgänger Kovac. Jetzt hat Haller genügend Kollegen in seiner Nähe, die ihn im Pressing unterstützen und denen er den Ball zuspielen kann. Damals verzweifelte er manchmal in seinem einsamen Kampf gegen die Überzahl gegnerischer Abwehrspieler. Und die Klarheit kam ihm manchmal abhanden, weil er zu komplizierten Aktionen gezwungen war, um überhaupt den Ball zu behaupten. Das hängt ihm heute noch manchmal nach. Manchmal fehlt ihm der Blick für die effektivste und einfachste Lösung.

          Aber das sind Kleinigkeiten im Vergleich zu seinen großen Fähigkeiten, die die Eintracht schon früh erkannt hatte. Im Sommer 2017 überwies sie sieben Millionen Euro an Ablöse nach Utrecht, mehr als 50 Prozent ihrer Gesamtinvestitionssumme jenes Sommers. Im Moment wird Hallers Marktwert zwischen 20 und 30 Millionen Euro taxiert. Dortmund und Tottenham interessieren sich für ihn, Newcastle, der abstiegsgefährdete Premier-League-Klub, will ihn unbedingt bereits in der Winterpause verpflichten. Doch Haller kündigte schon an, diese Saison mit der Eintracht auf jeden Fall bis zu Ende spielen zu wollen. Was dann komme, sei offen. Aber er sagt auch: „Geld ist nicht alles im Fußballleben.“

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