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Eintracht Frankfurt : Das Überraschungsei

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„Verrückte Dinge, die ein Spiel entscheiden“ - eine Spezialität von Danny Blum. Bild: Jan Huebner

Eintracht-Neuzugang Danny Blum ist ein Profi, aus dem bislang niemand so recht schlau wurde. In Frankfurt will sich der gläubige Muslim den Traum von der Bundesliga erfüllen.

          3 Min.

          Zeit, sich kennenzulernen. Das Auslaufen nach den harten Trainingseinheiten an der WM-Arena absolvieren die abgekämpften Eintracht-Profis meist in vier bis fünf Gruppen. Doch an einem Abend in dieser Woche drehte der Frankfurter Neuzugang Danny Blum an der Seite von Cheftrainer Niko Kovac seine Runden. Bei moderatem Tempo unterhielt sich das Duo angeregt. So gut wie Sportdirektor Bruno Hübner wird Kovac den Angreifer noch nicht kennen. Denn als Blum in der zweiten Liga das Sandhausener Offensivspiel mit seiner Dynamik belebte, schaute auch Hübner zu, weil damals dessen Sohn Florian ein Teamkollege von Blum war. Schon im Sommer 2014 wollte Hübner senior den flinken Außenbahnspieler nach Frankfurt holen, es gab Gespräche. „Aber ich wollte noch Erfahrung in der zweiten Liga sammeln“, sagt Blum. Er landete beim Bundesliga-Absteiger Nürnberg, der seine neuen Spieler für die Mission Wiederaufstieg mit wirtschaftlich lukrativen Verträgen geködert hatte.

          Vier Tore und acht Vorlagen in Liga Zwei

          Zwei Jahre später hätte es wieder nichts werden können. Wäre der „Club“ als Sieger aus dem Relegationsduell gegen die Eintracht hervorgegangen und aufgestiegen, hätte sich der Vertrag von Blum in Nürnberg bis zum 30. Juni 2017 verlängert. Mit seinem Wechsel an den Main ist der ehemalige Junioren-Nationalspieler, der von der U 16 bis zur U 20 alle Auswahlmannschaften durchlief, doch noch zum Aufsteiger geworden. Aber der 1,84 Meter große Profi wird sportlich zulegen müssen. Den großen Sprung nach vorne blieb er beim FCN schuldig. In seinem ersten Jahr warf ihn ein in der Saisonvorbereitung erlittener Knorpelschaden im linken Knie weit zurück.

          Mehr als sechs Monate fiel Blum aus, am Ende war er froh, überhaupt wieder auf dem Platz stehen zu können. Der Kniespezialist Ulrich Boenisch aus Augsburg, der Blum operierte, hatte dessen Chancen auf eine Fortsetzung der Karriere anfangs nur auf 50 Prozent eingestuft. In seinem zweiten Spieljahr in Nürnberg musste sich der Linksfuß dann meist mit der Jokerrolle - bei seinen 29 Einsätzen wurde er 15 Mal eingewechselt - begnügen. Er wurde dabei allerdings zu einem wichtigen Kurzarbeiter in der zweiten Saisonhälfte. Beim 3:0 Anfang April beim FSV Frankfurt erzielte er die Treffer zwei und drei, auf eindrucksvolle Weise präsentierte er seine gute Schusstechnik. „Ich habe die Rolle angenommen und meine Leistung bestätigt, wenn ich reingekommen bin“, erinnert sich Blum.

          Nach 34 Spieltagen wies seine Bilanz vier Tore und acht Vorlagen auf. Der ehemalige „Club“-Trainer René Weiler hatte es doch noch geschafft, Blum zu einer effektiven und mitdenkenden Offensivkraft umzuerziehen und auf Kurs zu bringen. Die ihm nachgesagte Eigensinnigkeit legte Blum im Saisonverlauf ab. Er spielte mannschaftsdienlicher und lernte taktisch dazu. Trotzdem wollte der „Club“ den Vertrag mit ihm nicht verlängern.

          „Man weiß nie, was rauskommt: nur Bauteile oder eine tolle Figur.“

          Den dribbelstarken Blum, der bisher 60 Zweitliga- und 81-Drittligaspiele für Sandhausen und den Karlsruher SC bestritt, werden die Nürnberger als speziellen Spieler in Erinnerung behalten. Als einen, der schwer einzuschätzen ist. „Der macht verrückte Dinge und kann immer ein Spiel entscheiden“, sagte Weiler über Blum. Alois Schwartz, der den technisch beschlagenen Profi in Sandhausen trainierte, verglich Blum mit einem „Überraschungsei. Man weiß nie, was rauskommt: nur Bauteile oder eine tolle Figur.“ Die Schnelligkeit von Blum ist auf jeden Fall eine Besonderheit: Die ersten 30 Meter sprintet er in 3,8 Sekunden. 2006 gelang ihm für die deutsche U-16-Nationalmanschaft nach 6,28 Sekunden das bis heute schnellste Tor eines Spielers in den Nachwuchs-Nationalmannschaften. Heinz Jürgen Schlösser, Verbandssportlehrer beim Südwestdeutschen Fußballverband, bewunderte beim „Straßenfußballer“ Blum auch dessen „außerordentliche Ausdauerleistung“.

          Auf höherem Niveau als in Nürnberg muss Blum nun in Frankfurt Durchsetzungsstärke beweisen. Die Eintracht, die tempomachende Spieler suchte, traut ihm diesen Entwicklungsschub zu. Sein Lebenswandel wird Blum, für den sich auch Ligarivale Darmstadt 98 interessierte, dabei nicht mehr im Weg stehen. Vor seiner Zeit beim „Club“ genoss er das Leben abseits des Platzes in prallen Zügen, er ließ sich ablenken und setzte die falschen Prioritäten. Das kostete ihn Zeit und Geld. Doch Blum kam zur Ruhe, fand Halt.

          Im Sommer 2014 konvertierte er zum Islam. Zuvor hatte er sich mit der für ihn fremden Religion intensiv beschäftigt. Seitdem betet Blum fünfmal am Tag gen Mekka und hält sich streng an die Regeln. Er isst nur das, was „halal“ (Arabisch für: erlaubt) ist. Sportlich will er sich nun seinen Traum von der Bundesliga erfüllen. Das wird ihm viel abverlangen. Die ersten Trainingstage in Frankfurt zum Auftakt der Saisonvorbereitung waren für ihn die härtesten, die er bisher erlebt hat. „Aber wenn man fit werden will, gehört es dazu, dass das Trainingsprogramm ein bisschen straffer aussieht“, sagt er.

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