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Eintracht Frankfurt : Brasilianische Rechnungen

  • -Aktualisiert am

Enteilt: Enner Valencia, WM-Torjäger der Ecuadorianer, ist als Transfer für die Eintracht mittlerweile außer Reichweite. Bild: Reuters

Fußballprofis aus Südamerika passen in das Beuteschema der Eintracht. Chefscout Hölzenbein hält bei der WM nach Spielern Ausschau, die schon vorher bei den Hessen im Fokus standen.

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          Jetzt ist also auch die Eintracht bei der Fußball-Weltmeisterschaft vertreten. Nicht nur durch Spieler wie den Amerikaner Timothy Chandler, der demnächst für die Frankfurter spielen wird, oder den Schweizer Tranquillo Barnetta, der sie bald nach nur einer Saison wohl wieder verlassen wird – sondern durch einen Angestellten, der seit Jahren schon seinen Dienst für die Eintracht tut und sein Büro in der Geschäftsstelle im Stadion hat. Bernd Hölzenbein also, erster Mann des Vereins auf dem Feld der Spielerbeobachtung, ist seit Sonntag in Brasilien, eine Woche will er bleiben. Andere Vereine der Bundesliga seien schließlich auch vor Ort, heißt es, aber dass eine Weltmeisterschaft und die noch immer nach Spielern suchende Eintracht nicht so richtig zusammengehen, hat ja sogar Vorstandschef Heribert Bruchhagen eingeräumt. Hölzenbein werde sich nicht die großen Nationen ansehen, ein Transfer sei ohnehin nicht gerade sehr wahrscheinlich, ließ Bruchhagen all jene wissen, die das Ganze allzu optimistisch und erwartungsvoll verfolgen. Die finanziellen Möglichkeiten seien doch arg begrenzt. Was allerdings die Frage aufwarf: Und wozu dann das Ganze?

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zum Beispiel, weil sie bei der Eintracht zwar über ihre vergleichsweise geringen Chancen wissen, das aber nicht dazu führt, die Namen von WM-Spielern per se auf den Index zu setzen. Nehmen wir Enner Valencia. Nicht allzu viele dürften den Stürmer von CF Pachuca aus der mexikanischen Primera División vor der WM gekannt haben, aber in Frankfurt war er durchaus mal im Gespräch, sagt Sportdirektor Bruno Hübner. Schließlich hat die Eintracht ihren besten Angreifer, den Hoffenheimer Leihspieler Joselu, an Hannover 96 verloren, und dass der Sturm aktuell mit Vaclav Kadlec und dem noch für die U19 spielberechtigten Talent Luca Waldschmidt konkurrenzfähig besetzt wäre, hat noch niemand behauptet. Warum also nicht mal über einen wie Enner Valencia nachdenken, der mit Ecuador in der Gruppe E noch im Rennen ist. Dumm nur, dass der Spieler selbst alle theoretischen Erwägungen beendet hat – nicht durch ein kategorisches Nein zu Frankfurt, sondern durch seine überraschende Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor. In zwei Spielen hat Valencia drei Treffer erzielt, und damit ist dieser Fall von gestern. „Er war ein Spieler, mit dem wir uns intern beschäftigt haben“, sagt Hübner, „aber da ging es bei der Frage, was wir investieren könnten, um etwa vier Millionen Euro – inzwischen sind es zwölf Millionen. Da ist so ein Thema schnell erledigt.“

          Eintracht muss Nutznießer sein

          Wegen Valencia muss sich Hölzenbein die Partie Ecuador gegen Frankreich am Mittwoch also nicht mehr ansehen, auch wenn die Südamerikaner grundsätzlich ins Beuteschema der Eintracht passen – denn allenfalls bei den kleinen Nationen wären noch Spieler zu finden, die in Frage kommen. Sofern sie nicht besonders auffällig sind jedenfalls. „Die Spieler, die bei einer WM funktionieren, werden für uns nicht zu stemmen sein“, sagt Hübner eine Woche vor dem ersten Training der Eintracht nach der Sommerpause unter dem neuen Trainer Thomas Schaaf. Die Lücken, die es im Kader noch gibt – vor allem im rechten und linken offensiven Mittelfeld sowie im Angriff – werden vermutlich mit Spielern vom heimischen Markt geschlossen, was nicht heißt, dass die WM dabei keine Rolle spielt. Denn wenn die Eintracht schon nicht als Erstverwerter in Erscheinung tritt, dann womöglich als Zweitverwerter. Dann nämlich, wenn andere Vereine aktiv werden. „Wir haben eine Chance, wenn große Vereine WM-Spieler holen und so für Bewegung in ihren Kadern sorgen. Vielleicht können wir da in die eine oder andere Lücke stoßen“, sagt Hübner. Dass er und der Verein Nutznießer sein müssen, um überhaupt zum Zug zu kommen, dass er nicht aus eigener Kraft ans Ziel gelangen kann, damit kann der oberste Eintracht-Einkäufer leben. So ist es nun mal, fertig, lamentiert wird nicht. Das gilt auch, falls Plan C greift – die Eintracht als Profiteur bei einem geplatzten Transfer. „Es gibt womöglich auch Spieler, bei denen angedachte Transfers nicht zustande kommen, weil Vereine, die mit uns im Rennen sind, Abstand nehmen“, sagt er. „Somit erhöhen sich unsere Chancen.“

          Den Einwand, demnach sei Hölzenbein ja doch als eine Art WM-Tourist unterwegs, kontert Hübner mit einem Grundsatz guter Spielerbeobachtung – dass es nämlich unerlässlich sei, einen Kandidaten neunzig Minuten lang, zur Not auch ein paar Minuten mehr, nicht aus den Augen zu lassen, und das in Echtzeit. Hölzenbein berichtet dann, was er gesehen hat, ob er einen potentiellen Eintracht-Profi aufgespürt hat. Vor der WM habe der Klub „fünf, sechs Spieler besonders im Fokus“ gehabt, sagt Hübner, „aber du kannst nie sagen, wie sich das bei einem solchen Turnier entwickelt.“ Nämlich auch so: „Wenn ein Spieler bei einer WM trifft, kann sich der Wert mit diesem einen Treffer verzehnfachen.“ Und der Wert von Gesprächen geht gegen Null.

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