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Eintracht-Kommentar : Die Chance des Scheiterns

  • -Aktualisiert am

Ratlos: Marco Russ nach dem 0:3 in Leverkusen Bild: dpa

Die Lage der Frankfurter Eintracht ist katastrophal. Die Zeit, den Abstieg aus der Bundesliga noch abzuwenden, wird immer knapper – und das notwendige Potential fehlt auch. Aber die Stunde null bietet Chancen zum Neuaufbau.

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          Niko Kovac hörte aufmerksam zu, als sein Kollege Roger Schmidt sprach. Der Leverkusener Trainer war gefragt worden, wie er den Aufschwung seines Teams in den vergangenen fünf Wochen erlebt habe. Seinerzeit schien die Saison der Werkself in Trümmern zu liegen, nun hat sie durch fünf Siege nacheinander ohne Gegentor beste Chancen, das große Ziel zu erreichen, sich für die Champions League direkt zu qualifizieren. Genau davon träumt der Eintracht-Trainer, um dem Abstieg zu entgehen: von einem Umkehrschub, von einem Wunder. Aber das Leverkusener Beispiel taugt nicht für ihn.

          Erstens hat die Eintracht nur noch vier Wochen Zeit, und zweitens verfügt sie nicht über das notwendige Potential. Da schlummert nichts, was geweckt werden könnte. Besser, als die Mannschaft gegen Hoffenheim und Leverkusen spielte, ist sie nicht. Sie kann nur darauf warten, dass irgendwann mal jemand wieder ins Tor trifft. Aber selbst wenn das Unerwartete eintreten sollte, es käme zu spät, wenn nicht die Konkurrenz in extremer Weise mitspielen würde.

          Wischiwaschi-Lösungen

          Für diese Saison kommt der Leverkusener Rat durch Trainer Schmidt zu spät, aber für die nächste könnte er den Frankfurtern nützlich sein. „Wir mussten uns durch eine schwierige Situation durcharbeiten, die uns alle forderte. Aber wir waren intern so was von glasklar überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein. Also haben wir uns auf das Wesentliche konzentriert, unsere Arbeit möglichst gut zu machen.“ Das ist der entscheidende Punkt: Die Eintracht muss für sich festlegen, welcher Weg für sie der richtige ist. Und dann danach handeln. Das hat sie in dieser Spielzeit nicht getan.

          Im letzten Jahr des Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen ist ein Führungsvakuum entstanden, das zu Wischiwaschi-Lösungen führte, ausgerichtet auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Das ging mit der Trainer-Ernennung von Armin Veh los und setzte sich mit der Vertragsverlängerung von Sportdirektor Bruno Hübner fort. Gegen beide gab es in der Führung auch Vorbehalte, aus gutem Grund. Veh, ein Verwalter der Gegenwart, hatte die Eintracht noch im Jahr davor damit brüskiert, ein Angebot zur Vertragsverlängerung mit unfreundlichen Worten abzulehnen.

          Hübner hat sich in seiner Frankfurter Zeit als geschickter Verhandler im Tagesgeschäft erwiesen, aber nicht als Manager mit Richtlinienkompetenz und einer Gesamtstrategie. Und schon gar nicht als starker Mann, der den Trainer gegenüber der Mannschaft und der Öffentlichkeit stützen oder ihn in einer kritischen internen Diskussion weiterbringen könnte. Zudem verließ die beiden in der Winterpause das Gespür dafür, welche Neuzugänge in der Krise weiterhelfen könnten. Mit Meiers Verletzung verlor die Eintracht dann ihren letzten Trumpf.

          Die Lage erscheint katastrophal: kein Sportvorstand, kein Hauptsponsor, Aktionen auf dem Kapitalmarkt auf Eis gelegt, die zweite Liga vor Augen. Aber die Stunde null bietet Chancen zum Neuaufbau. Die Frage ist: Hat die derzeitige Eintracht-Führung die Klasse, die richtigen Entscheidungen für die Zukunft zu treffen und sich mit qualifiziertem sportlichen Personal zu umgeben? Auf Vorstands- und auf Trainerebene.

          Peter Heß
          Sportredakteur.

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