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Eintracht : Ein Urteil voller Widersprüche

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Der DFB vermeidet den Weg vor ordentliche Gerichte, dennoch steht die Eintracht wegen Krawallen der Fans in der Kritik. Bild: picture alliance / dpa

Die Verhandlung vor dem DFB-Sportgericht gegen die Eintracht lässt Fragen offen und zeigt merkwürdige Besonderheiten dieser Gerichtsbarkeit.

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          Es geht zu wie vor einem ordentlichen Gericht, wenn das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sich daranmacht, Ordnung im professionellen Fußball zu schaffen. Es gibt einen Ankläger, einen Verteidiger und einen Richter. Es gibt auch ein Gesetzbuch, nach dem geurteilt wird, hier „Rechts- und Verfahrensordnung“ genannt. Und selbstverständlich gibt es wie im richtigen Gerichtsleben verschiedene Instanzen. Beim DFB werden zunächst Einzelrichterurteile ausgesprochen, dagegen kann der Betroffene vor dem DFB-Sportgericht Einspruch einlegen, in der Folge das DFB-Bundesgericht bemühen und in letzter Instanz das ständige unabhängige Schiedsgericht des Verbandes anrufen. Den Weg vor ordentliche Gerichte will der DFB damit tunlichst ausschließen.

          In diesen Tagen befindet sich auch die Frankfurter Eintracht in den Mühlen der Sportgerichtsbarkeit. Es geht um Ausschreitungen eigener Anhänger in den letzten drei Spielen der vergangenen Saison in Aachen und Karlsruhe und zu Hause gegen 1860 München, die der DFB mit einem Teilausschluss von Zuschauern beim ersten Bundesligaheimspiel gegen Bayer Leverkusen und einer 50.000-Euro-Strafe sanktioniert hat. Siebeneinhalb Stunden mühte sich die Eintracht am Freitag in der DFB-Zentrale, um das Sportgericht davon zu überzeugen, dass der Klub alles in seiner Macht Stehende getan habe, um die ihm zur Last gelegten Vorkommnisse einzelner Täter zu verhindern. Das war den juristischen Vertretern der Eintracht mit den geladenen Zeugen auch gelungen. Geholfen hat es dem Klub nicht. Die vorher vom Einzelrichter ausgesprochene Strafe wurde nun vom Richter des Sportgerichts, übrigens ein und dieselbe Person, Wort für Wort bestätigt.

          „Sie sind der Kitt dieser Protestkultur, mit der wir es hier zu tun haben“

          Dem Beobachter drängte sich der Eindruck auf, dass es sich seitens des Gerichts um eine Alibi-Veranstaltung gehandelt hatte und die Eintracht überhaupt keine Chance hatte, etwas am Urteil zu verändern. Richter Hans E.Lorenz, im Hauptberuf Vorsitzender Richter am Landgericht Mainz, hatte während der Beweisaufnahme zugegeben, „komplett neue Aspekte“ gesehen zu haben. Die flossen dann aber nicht ins Urteil ein.

          Vor allem der Auftritt von Thomas Schneider, Leiter der Koordinationsstelle der Deutschen Fußball-Liga (DFL), hatte für Nachdenklichkeit gesorgt. Im Kern hatte Schneider darauf hingewiesen, dass sogenannte Kollektivstrafen nicht präventiv wirken, sondern eher solidarisierend. „Sie sind der Kitt dieser Protestkultur, mit der wir es hier zu tun haben“, hatte er gesagt. Und damit dem Verteidiger der Eintracht das Wort geredet. „Wir wollen die Täter bekämpfen, aber dieses Urteil bestraft eben gerade nicht die Täter“, hatte Schickhardt ausgeführt, „vielmehr werden Unschuldige bestraft, zum Beispiel der Vater und sein Sohn, die gerne zum Fußball gehen.“ Das habe überhaupt keinen Sinn. Nach dem Verlauf der Verhandlung sei das Urteil „nicht mehr verständlich“.

          Frankfurter Fans gehen „über Leichen“

          Der Richter hatte sich mit der Urteilsbegründung auch sichtlich schwergetan. „Vereinsseitiges Verschulden haben wir in keinem Punkt feststellen können“, sagte er, das Gericht habe Einblick erhalten in die „Verzweiflung eines Vereins, der eine Menge tut und qualifiziertes Personal hat, ohne aber die Ausschreitungen verhindern zu können.“ Die Eintracht sei mit ihren Fans „geschlagen“. Die Bestrafung fußte am Ende alleine auf dem Grundsatz in der Rechtsordnung des DFB, „dass das Verschulden der Fans dem Verein zugerechnet wird“. Man weiche damit vom Schuldprinzip der normalen Rechtsprechung ab, sagte Lorenz, „aber in der Sportgerichtsbarkeit kann das nicht anders laufen“. Zudem wies er darauf hin, dass er auch Rücksicht auf andere Klubs wie Köln oder Karlsruhe nehmen müsse, die wegen ähnlicher Vergehen ähnlich bestraft worden seien. Dies ist ein nachvollziehbares Argument, denn eine mildere Strafe für die Eintracht hätte zweifellos einen Aufschrei der anderen nach sich gezogen. Es widerspricht allerdings dem Rechtsgrundsatz, dass jeder Fall einzeln geprüft und beurteilt werden muss. Die Eintracht wird die Bestrafung nicht hinnehmen und versuchen, in der nächsten Instanz, dem DFB-Bundesgericht, ein anderes Urteil zu bekommen. Dann wird auch nicht mehr Hans Lorenz der Richter sein, sondern Goetz Eilers aus Darmstadt.

          Die Anklage aber wird als Vorsitzender des Kontrollausschusses abermals Anton Nachreiner vertreten. Nachreiner, im Hauptberuf Direktor am Amtsgericht in Deggendorf, hat in der Verhandlung gegen die Eintracht eine ziemlich eigentümliche Rolle gespielt. Die Beweisaufnahme hatte er im Grunde komplett ignoriert. Nachreiner sah als Einziger eine „Bankrotterklärung“ der Frankfurter Fan-Arbeit - ganz anders als der Polizei-Einsatzleiter des Spiels in Karlsruhe, der Geschäftsführer von Alemannia Aachen und der Koordinator des Ligaverbandes. Schließlich sprach er von Frankfurter Fans, „die über Leichen gehen“. Eine erschreckende Sicht der Dinge. Dass Nachreiner auch noch während des Plädoyers von Schickhardt den Raum verließ, um die Heimreise anzutreten, machte deutlich, dass es im Sportgericht eben doch nicht zugeht wie im ordentlichen Gericht.

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