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Einstiger Marktführer : Ehemals größter Dönerspieß-Hersteller ist pleite

  • -Aktualisiert am

Eines der beliebtesten Schnellgerichte Deutschlands: ein Döner Kebab Bild: dpa

Einst galt Karmez als einer der größten deutschen Hersteller von Dönerfleisch. Doch nun ist das Unternehmen insolvent. Eine Folge des Trends zur veganen Ernährung?

          Die Döner-Fabrik Karmez mit Sitz in Frankfurt ist zahlungsunfähig, das bestätigte Insolvenzverwalter Stephan Laubereau. Karmez war einer der größten deutschen Hersteller von Dönerfleisch und nahm für sich in Anspruch, über Jahrzehnte Marktführer gewesen zu sein. Zuletzt beschäftigte das Unternehmen mehr als 100 Mitarbeiter. Allen wurde gekündigt, der Betrieb laufe aber weiter, sagte Laubereau. Er suche einen Investor. „Karmez verlor in den vergangenen Geschäftsjahren Marktanteile. Vor allem im Auslandsgeschäft sind die Umsätze rückläufig. Dies führte zu Liquiditätsschwierigkeiten“, erläuterte der Insolvenzverwalter. Inhaberfamilie Tütüncübasi war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

          Das Insolvenzverfahren beim Amtsgericht Frankfurt markiert das Ende einer 36 Jahre alten Unternehmensgeschichte. Das von sieben Brüdern gegründete Unternehmen hatte zu seinen Höchstzeiten um das Jahr 2005 einen Jahresumsatz von mehr als 25 Millionen Euro erzielt und betrieb Niederlassungen in Barcelona, Paris, Antwerpen, Mailand und Izmir. Allein in Frankfurt wurden täglich mehr als 50 Tonnen Fleisch verarbeitet. Geschäftsführer Enfil Tütüncübasi beschrieb das Unternehmen damals mit den Worten „klassischer deutscher Mittelstand“.

          16.000 Imbissbuden in Deutschland

          Um an das Startkapital für ihr Unternehmen zu kommen, hatte die Familie, wie sie selbst berichtet, Anfang der achtziger Jahre ihren roten Mercedes 240D verkauft und einen kleinen Laden gegenüber der Frankfurter Großmarkthalle eröffnet. In den kommenden Jahren schaffte es das Unternehmen dann, zu einem der führenden Hersteller in Deutschland aufzusteigen. Zeitweise will die Karmez Group inklusive der Tochterfirmen nach eigener Darstellung rund 500 Mitarbeiter in ganz Europa beschäftigt haben.

          50 Tonnen am Tag: Gegründet wurde das Familienunternehmen 1983 gegenüber der Frankfurter Großmarkthalle.

          „Karmez war einer der Großen, aber es gibt noch andere“, sagt Geschäftsführer Yalcin Altin vom Dönerhersteller Diyar aus Wiesbaden. In Deutschland gibt es etwa 400 Dönerhersteller und 16.000 Imbissbuden. Keine einzige Firma der Sparte gehört zu den hundert größten deutschen Gastronomie-Unternehmen.

          Teure Verlustgeschäfte

          Nach Ansicht des Konkurrenten aus Wiesbaden hatte das Frankfurter Unternehmen zu viel gewollt und sich übernommen. „Karmez hat viel ausprobiert, und es hat nicht alles geklappt“, sagt Altin. So habe Karmez etwa Tiefkühlprodukte entwickelt und Döner in die Türkei exportiert. Auch Produktideen wie der „Döner Hawaii“ oder ein Drehspieß für zu Hause setzten sich nicht durch. Für solche Innovationen hatte das Unternehmen eine Tochter namens „Eastanbul Döner Kebap Manufaktur“ gegründet, die aber zum dauerhaften Verlustbringer wurde.

          Verluste erlitt das Unternehmen auch beim künftigen Berliner Flughafen BER. Dort hatte Karmez eigentlich geplant, unmittelbar hinter der Pass- und Zollabfertigung Döner zu verkaufen. Ursprünglich war die Eröffnung des Flughafens für das Jahr 2010 geplant, später wurde sie auf 2012 verschoben. Da der Flughafen wegen baulicher Mängel aber bis heute noch nicht eröffnet ist, wird dort kein Döner aus Frankfurt verkauft werden.

          Laut Insolvenzverwalter hat das Unternehmen gegen den Betreiber des Flughafens eine Klage auf Schadenersatz erhoben. Karmez sei ein „erheblicher“ Schaden entstanden, dieser sei aber nicht der Hauptgrund für das Insolvenzverfahren, betont Laubereau. Die Pressestelle des Flughafens kommentiert den Fall nicht.

          Große Probleme auf dem Auslandsmarkt

          Im letzten öffentlich zugänglichen Jahresbericht für 2015 schrieb die Karmez-Geschäftsführung, sie habe große Probleme auf den Auslandsmärkten. Außerdem belaste der Trend zu veganer Ernährung das Geschäft. „Auch die Unternehmensriesen im Fastfood-Bereich, wie McDonald’s und Burger King, klagen über erhebliche Umsatzeinbrüche.“ In Wahrheit stieg der Umsatz der beiden größten Fastfood-Anbieter in Deutschland in den vergangenen Jahren. „Die Branche ist – genauso wie der Fleischkonsum in Deutschland – stabil“, sagt auch Karmez-Konkurrent Altin.

          Das bestätigt der Verband der Fleischwarenindustrie: Obwohl sich laut Umfragen immer mehr Menschen gesund, vegetarisch oder vegan ernähren wollen, konsumieren die Deutschen noch immer im Durchschnitt fast 60 Kilogramm Fleisch im Jahr – so viel wie bereits vor zwanzig Jahren.

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