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Bad Weilbach : Einst nur ein Imitat der großen Bäder

  • -Aktualisiert am

Sprudelnd: Brunnenanlage in Bad Weilbach. Bild: Sick, Cornelia

Vor 100 Jahren verließ der letzte Kurgast Bad Weilbach. Damals begann die Episode der Kolonialfrauenschule.

          2 Min.

          Es riecht meist streng nach faulen Eiern, und die Flugzeuge sorgen im Flörsheimer Ortsteil Bad Weilbach zusätzlich dafür, dass in dem Park keine Ruhe aufkommt. Dennoch ist der idyllische Ort mit seiner Platanenallee, den klassizistischen Gebäuden und jener heilenden, für den Fäulnisgeruch verantwortlichen Schwefelquelle als Teil des Regionalparks ein bevorzugtes Ausflugsziel. Große Zeiten hat das kleine Kurbad, das vor fast genau 100 Jahren einer Kolonialfrauenschule weichen musste, nie erlebt. Im 19.Jahrhundert konnte sich der Kurflecken mit seinem Heilwasser aus der an Schwefel reichsten kalten Mineralquelle Deutschlands trotz harter Konkurrenz in der Nachbarschaft aber behaupten.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Es seien nie die großen Gelehrten, berühmten Musiker oder Schriftsteller in Bad Weilbach gewesen, bedauert Flörsheims Stadtarchivar Bernd Blisch. Zwar habe Goethe einst einen Abstecher nach Bad Weilbach gemacht. Aber der sei ja überall im Rhein-Main-Gebiet irgendwann einmal unterwegs gewesen, sagt Blisch. Selbst in der Blütezeit um 1875 zählte der Kurort gerade einmal 402 Gäste, die sich im neu errichteten Bade- und Inhalierhaus in den zwölf Badekabinen tummelten. Auf kulturelle Zerstreuung mussten jene, die im Kurhaus mit den 150Betten länger logierten, weitgehend verzichten. Immerhin gab es eine Mooshütte, die als Treffpunkt nach dem Kuren diente, und es existierte schon die Platanenallee zum Flanieren. „Die große Kur wurde nur imitiert“, sagt Blisch. Nach Bad Weilbach kamen die Bürger mit den etwas schmaleren Geldbeuteln.

          Mut, Ausdauer, Idealismus und Demut

          Lange Zeit hatte der Herzog von Nassau gar kein Interesse an der Etablierung eines weiteren Bades. Da die verpachtete Quelle privaten Unternehmern mit dem Versand von 30.000 Krügen Heilwasser im Jahr aber einen ordentlichen Gewinn brachte, wurde die Entwicklung des Kurorts dann doch von der herzoglichen General-Domänendirektion vorangetrieben. Warum sich so viel früher als anderswo in Bad Weilbach der Kurbetrieb nicht mehr lohnte, lässt sich heute nur noch schwer nachvollziehen. Auf jeden Fall kamen 1891 nur noch 101 Personen zur Kur. 1911 schließlich verkaufte der preußische Staat, unterdessen Besitzer von Bad Weilbach, das unrentabel gewordene Anwesen samt Park für 90.000 Reichsmark an den „Reifensteiner Verein für Wirtschaftliche Frauenschulen auf dem Land“.

          Ins Kurhaus zogen junge Frauen ein, die nach den Idealen der preußischen Offizierstochter Ida von Kortzfleisch unterrichtet wurden: „Maid“, wie jede der Schülerinnen genannt wurde, stand für Mut, Ausdauer, Idealismus und Demut, die Prinzipien der Schulgründerin. Die Auswahl eines Erziehungsorts auf dem Lande sei neu für die Zeit gewesen, berichtet Blisch. Das Gemeinschaftsleben sollte Lehrende und Lernende verbinden. „Aus unseren Schulen sollen Frauen hervorgehen, nicht allein praktischer mit erhöhtem Wissen, sondern vollkommener als Mensch“, lautete einer der Grundsätze.

          Der Beruf der „Landfrau“ wurde nach den zwei Weltkriegen immer uninteressanter

          Noch gezielter für ihr künftiges Leben wurden jene Mädchen ausgebildet, die in dem zur „Kolonialschule“ umgebauten Ärztehaus lebten. Sie wurden auf das harte Leben als Ehefrauen eines Kolonisten in Afrika vorbereitet. Leitgedanke sei gewesen, nach dem vom Kaiser erlassenen Verbot von Mischehen mit Einheimischen diese Mädchen nicht nur als Ehefrauen, sondern auch als Stützen der Hausfrauen und als Wirtschaftsschwestern des Deutschen Frauenvereins für Krankenpflege einzusetzen, erläutert Blisch.

          Die Lehrpläne zwischen den Maiden der Frauenschule und den künftigen Kolonialbräuten unterschieden sich: Letztere lernten außer Hauswirtschaft auch Löten, Anstreichen und Polstern von den örtlichen Handwerkern. Die Einrichtung sei für ihre Zeit sehr fortschrittlich gewesen, sagt Blisch. Er gibt aber zu bedenken, dass eine von der Vorherrschaft des weißen Mannes und der Kolonialidee überzeugte Regierung die angesehen Frauenschule für ihre Politik benutze.

          Der Beruf der „Landfrau“ wurde nach den zwei Weltkriegen immer uninteressanter, 1968 verkaufte der Reifensteiner Verein das längst leerstehenden Gebäude an eine Bank [...]. Und die Stadt Flörsheim sanierte mit viel Geld den Schwefelbrunnen, die Platanenallee, den Park und die Natron-Lithion-Quelle - damit dort heute jeder nach Belieben wie vor 100 Jahren flanieren kann.

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