https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/einsame-spitze-zu-besuch-bei-drei-kommunalen-spitzenpolitikerinnen-in-hessen-15333660.html

Kommunale Top-Politikerinnen : Einsame Spitze

  • -Aktualisiert am

Chefinnen: Anti Schneider (links) ist SPD-Landrätin in Gießen, Dietlind Grabe-Bolz (SPD) ist Oberbürgermeisterin dieser Stadt Bild: Helmut Fricke

Nicht einmal jeder zehnte Bürgermeister und Landrat in Hessen ist weiblich. Woran liegt das? Zu Besuch bei drei kommunalen Spitzenpolitikerinnen.

          7 Min.

          Sieben Schläge hat Dietlind Grabe-Bolz bei der Gießener Frühjahrsmesse 2011 gebraucht, um ein Fass Bier anzustechen. Dieses Detail kann man heute noch online nachlesen, weil eine Lokalzeitung es damals für wichtig hielt und titelte: „50. Frühjahrsmesse mit siebtem Schlag eröffnet.“ Grabe-Bolz ist Oberbürgermeisterin und sticht von Amts wegen regelmäßig auf irgendeinem Fest ein Fass an. Die Aufgabe gehört in der Lokalpolitik zum Geschäft. „Aber bei einer Frau wird das Selbstverständliche zum Thema gemacht“, sagt sie. Und dabei klinge stets auch die Frage durch: Kann die das überhaupt?

          Es gibt in ganz Deutschland nicht viele Frauen, die schildern könnten, wie sie ihr kommunales Spitzenamt erleben. Zwar engagieren sich viele ehrenamtlich, in der hauptamtlichen Politik aber sind sie Exoten. Schon in kommunalen Parlamenten und Vertretungen stagniert ihr Anteil bei durchschnittlich 25 Prozent. Das geht aus einer in diesem Jahr erschienenen Studie der Politologin Helga Lukoschat hervor. Dabei werden gerade in der Kommunalpolitik die Entscheidungen getroffen, die das Leben der Bürger direkt beeinflussen. In Spitzenpositionen ist das Missverhältnis noch drastischer: Nur jedes zehnte Rathaus wird von einer Bürgermeisterin regiert, und nur 9,5 Prozent der Landräte sind weiblich.

          Erste Frau in Hessen, die dieses Amt errang

          In Hessen, wo der Frauenanteil unter den Bürgermeistern mit 6 Prozent sogar noch niedriger ist, bildet die Universitätsstadt Gießen eine Ausnahme. Denn hier bekleiden Frauen beide kommunalen Spitzenämter: Anita Schneider, die wie Grabe-Bolz der SPD angehört, wurde 2010 zur Landrätin gewählt – und war die erste Frau in Hessen, die dieses Amt errang. „Das muss man sich mal vorstellen“, sagt Schneider über ihren historischen Erfolg. „Ich meine, die Wahl fand ja nicht 1918 statt, sondern in 2010.“

          Grabe-Bolz und Schneider sind ins Rathaus gekommen, um über die möglichen Gründe dafür zu sprechen, dass in der Kommunalpolitik nur wenige Frauen Führungspositionen innehaben. Ihre Biographien weisen Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten auf. Die Hürden, vor denen sie auf dem Weg an die Spitze standen, sehen sie als typisch für Frauen. Grabe-Bolz brachte eigentlich beste Voraussetzungen mit, als sie 2009 als Stadtoberhaupt kandidierte. Sie hatte Politik auf Lehramt studiert und sich bei den Jusos engagiert, unter anderem als Unterbezirksvorsitzende. Auch an öffentliche Auftritte war sie gewöhnt, denn sie steht als Sängerin seit Jahren zusammen mit dem Kinderliedermacher Fredrik Vahle auf der Bühne.

          Trotz alledem sei sie nie auf den Gedanken gekommen, Politik hauptberuflich zu betreiben, sagt sie. Sie verdankt es dem Vorschlag einiger Genossen, dass sie kandidieren konnte. Insbesondere junge Frauen überließen zu oft dem Zufall ihr Schicksal, meint sie. „Nur die wenigsten machen eine Karriereplanung.“ Aber selbst viele, die klare Ziele haben, sind zögerlich. Anita Schneider etwa wusste schon früh, dass sie nach dem Politikstudium hauptberuflich in der Politik arbeiten wollte. Sie wuchs in einer politischen Familie auf, der Großvater kam als Widerstandskämpfer während der NS-Diktatur in ein Konzentrationslager, und der Vater engagierte sich bei den Sozialdemokraten. Weil sie selbst Parteien gegenüber lange skeptisch war, schwebte ihr ursprünglich Entwicklungszusammenarbeit vor.

          Weitere Themen

          Bahnpendler müssen stark sein

          Heute in Rhein-Main : Bahnpendler müssen stark sein

          Am Donnerstag fällt die Maskenpflicht in Bussen und Bahnen, Bahnstrecken werden in den Osterferien gesperrt und Politiker wollen mehr Mitsprache für Bürger. Die F.A.Z.-Hauptwache blickt auf die Themen des Tages.

          Topmeldungen

          Zwei der Angeklagten mit ihren Verteidigern im Dresdener Juwelenraub-Prozess

          Prozess um Juwelenraub : Keinen Deal um jeden Preis

          Wandelt sich der Prozess um den Diebstahl aus dem Grünen Gewölbe zum Basar? Das Gericht sollte auf seinen Forderungen bestehen oder die Abmachungen mit den Angeklagten aufkündigen.
          Vorstandschef Mark Zuckerberg will bei Meta die Kosten reduzieren.

          Facebook-Mutterkonzern : Meta macht wieder etwas Hoffnung

          Der Internetkonzern erleidet einen weiteren Umsatzrückgang – schneidet aber besser als erwartet ab. Vorstandschef Mark Zuckerberg ruft ein „Jahr der Effizienz“ aus. Aber er akzeptiert weiter Milliardenverluste mit dem Metaversum.
          Am verlagseigenen Imbiss: der Katapult-Chefredakteur Benjamin Fredrich (35) trat am Dienstagabend von seinen Ämtern zurück.

          „Katapult“-Chef tritt zurück : „Ich bin offensichtlich gescheitert“

          Benjamin Fredrich, der Gründer des „Katapult“-Magazins, tritt nach Vorwürfen zu seinem Ukraine-Engagement unerwartet zurück. Recherchen von „Übermedien“ hatten zuvor Probleme in der „Katapult Ukraine“-Redaktion und Beschwerden von Ex-Mitarbeitern aufgedeckt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.