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Einreise verweigert : Kafkas Amerika

  • -Aktualisiert am

Kein Durchgang: Wer auf der falschen Liste steht, kommt manchmal gar nicht erst bis zum Check-in-Schalter. Bild: Fricke, Helmut

Eine Frankfurterin darf nicht nach New York fliegen. Warum, sagt ihr keiner. Weil sie sich mit einer Unterschrift für einen Asylantrag Edward Snowdens eingesetzt hat? Oder war das alles nur eine Verwechslung?

          Um halb zwölf Uhr mittags sollte das Flugzeug abheben, und Linda de Vos war schon Stunden vorher am Flughafen. Die Frankfurterin wollte nach Jamaika, hatte einen Transitflug über New York gebucht. Sie kam aber nicht einmal bis zum Check-in-Schalter von Delta Airlines in Terminal 2D.

          „Treten Sie mal raus, Sie dürfen nicht mit“, sagte der Mann, der am 7.April vor dem Schalter schon einmal die Pässe der Reisenden in der Schlange überprüfte. Linda de Vos glaubte an einen Irrtum, aber dann kam jemand vom Generalkonsulat der Vereinigten Staaten und sagte ihr dasselbe: Ihre schon im Januar erteilte Einreisegenehmigung nach dem Esta-Verfahren sei kurzfristig zurückgezogen worden. Warum, könne man ihr nicht sagen.

          Überall verschlossene Türen

          Linda de Vos, 68 Jahre alt, wohnt in Bornheim und hat dort jahrelang als Pädagogin in der Stadtteilbibliothek gearbeitet. An dem Tag, an dem sie nicht ins Flugzeug nach Amerika durfte, nahm sie ein Taxi und fuhr zum Generalkonsulat. Dort sagte ihr ein Mann am Fenster, dass die Öffnungszeiten vorüber seien. „Ich kam mir vor wie bei Kafka“, sagt de Vos: überall verschlossene Türen, eine unsichtbare Macht, die handelt, aber nicht erklärt, warum.

          Im amerikanischen Generalkonsulat kennen sie den Fall – aber sie winden sich, wenn sie danach gefragt werden. Die Behörde dürfe keine Auskünfte geben, heißt es: nicht für die amerikanische Regierung sprechen, nicht für ein amerikanisches Ministerium. Zuständig sei, so lautet die offizielle Antwort, das Department of Homeland Security, eine Art Grenzschutzbehörde.

          Warum durfte sie nicht einreisen? Keine Auskunft.

          Aber auch dort ist nichts zu erfahren. Warum durfte Linda de Vos nicht einreisen? Keine Auskunft. Hat es etwa mit ihrer Unterschrift unter die Petition zu tun, die Asyl für Edward Snowden fordert? Keine Auskunft. Aus welchen Gründen wird Menschen denn grundsätzlich die Einreise verweigert? Keine Auskunft.

          Die Snowden-Petition: Linda de Vos hat wie 14.000 andere dafür unterschrieben, dass der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter in Deutschland Asyl bekommen solle. Es ist natürlich lächerlich, zu denken, dass ein demokratisches Land jemanden wegen einer unbedeutenden Unterschrift unter einem digitalen Aufruf nicht einreisen lassen würde. Und wäre die Stimmung seit der Abhöraffäre um den amerikanischen Gemeindienst NSA nicht so, dass die Deutschen den Amerikanern alles zutrauen, würden wahrscheinlich nur Verschwörungstheoretiker überhaupt darüber nachdenken. „Meine Freunde sagen jetzt, sie unterschreiben nichts mehr“, sagt Linda de Vos.

          Vielleicht nur eine Verwechslung

          Oder hat es etwas mit ihrer politischen Vergangenheit zu tun? Linda de Vos lächelt, sie findet es eigentlich müßig, sich Gründe für diese Geschichte zusammenzureimen. Aber was bleibt einem übrig? Ende der sechziger Jahre hatte de Vos mit anderen das Amerikahaus in München besetzt, war auf die Bühne gesprungen und hatte Fotos von Kindern aus Vietnam hochgehalten, die vom Napalm-Feuer verbrannt worden waren. Später verurteilte sie ein Nürnberger Gericht dafür, noch später amnestierte Willy Brandt eine Reihe solcher Verurteilter, und überhaupt: Linda de Vos ist seit 25Jahren nicht mehr politisch aktiv, wie sie sagt, und 2009 war sie das bisher letzte Mal in Amerika. Damals war es allerdings ein Transitflug. Dieses Mal wollte sie nach dem Jamaika-Urlaub ihre Nichte in New York besuchen.

          Vielleicht sei es auch einfach eine Verwechslung, sagt de Vos. Das wäre die einfachste Erklärung – und das ist es, worauf sich das Department of Homeland Security in einem Brief an de Vos beruft, der sie einen Monat nach dem geplanten Abflug erreichte: Nur ein Prozent der Menschen, denen die Einreise verweigert würde, hätten eine Verbindung zu Terrorismus, also dem, womit sich das Department seiner Natur nach hauptsächlich beschäftigt. Oftmals seien Verwechslungen schuld, heißt es in dem Schreiben weiter. Ernsthaft, das steht da drin: Eine mächtige amerikanische Behörde, die ihre Informationen über Reisende, wie es weiter heißt, aus den eigenen Bundesstaaten, aus Washington und dem Ausland bekommt, teilt lapidar mit, oft würde man halt normale Leute mit Terroristen verwechseln.

          Schließlich ging es nach Mallorca statt New York

          Linda de Vos hat jetzt ein Visum beantragt. Beim Department of Homeland Security hieß es, nur, weil sie einmal nicht habe einreisen dürfe, gelte das nicht für immer. Ob sie von der Visa-Behörde etwas über die Gründe für ihre zunächst verweigerte Einreise erfährt, wenn sie dort ihren Antrag bearbeitet haben, ist ungewiss.

          Statt in die Vereinigten Staaten flog de Vos im April nach Mallorca. Sie mietete ein Auto und fuhr über die Insel. Mitte April ist dort nicht viel los. Immer, wenn ein Fahrzeug hinter ihr fuhr, hielt sie am Straßenrand an und ließ es vorbei. Dann konnte sie sich sicher sein, nicht verfolgt zu werden.

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