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Eintracht-Spieler Flum : „Ich habe kaum noch Beinmuskulatur“

  • -Aktualisiert am

28 Jahre alt, 161 Profi-Spiele: Noch benötigt Flum Hilfe, um sich fortzubewegen, doch er möchte alsbald als Hauptdarsteller ins Stadion zurückkehren. Bild: Jan Huebner

Johannes Flum macht auf dem langen Weg zurück kleine Fortschritte. Der Fußballprofi würde nach seiner Genesung gerne weiter in Frankfurt spielen – auch, weil er den Trainer neu schätzen gelernt hat.

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          Im Alltag eines Bundesligaprofis geht es um Leistung und das Funktionieren. Haben Sie nach Ihrer schweren Knieverletzung Trainer Armin Veh von einer neuen Seite kennengelernt? Nach Ihrem Trainingsunfall wich er bis zu Ihrem Abtransport mit dem Hubschrauber nicht von Ihrer Seite.

          Ja, absolut. Meine Meinung von Armin Veh hat sich verfestigt. Ich wusste vor meiner Verletzung schon, dass er nicht nur ein guter Trainer, sondern auch ein guter Charakter und angenehmer Mensch ist. Das hat sich jetzt bestätigt. Es freut mich, einen Vorgesetzten zu haben, der über den Tellerrand, die Leistung auf dem Platz, hinausschaut.

          Der Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen hat Sie nach Ihrem Klinikaufenthalt zu Hause besucht.

          Das zeigt, dass Herr Bruchhagen Größe und Charakter hat. Er musste das ja nicht machen, weil er nicht dafür zuständig ist, sich um die verletzten Spieler zu kümmern. Es war sehr angenehm. Wir haben dann auch über andere Dinge wie die Stadt Frankfurt und das Flüchtlingsthema gesprochen. Die Alltagsthemen beschäftigen uns wie jeden anderen auch.

          Haben Armin Veh und Heribert Bruchhagen auch eine neue Seite an Ihnen entdecken können?

          Ein Stück weit schon. Sonst begegnet man sich auf dem Trainingsplatz, in den Katakomben oder auf der Geschäftsstelle. Da geht es dann natürlich um die Eintracht, das Fußballspielen, unseren Job.

          Durch den Bruch Ihrer Kniescheibe ist der Mensch Johannes Flum in den Vordergrund gerückt.

          Bei Armin Veh steht sonst auch der Mensch im Vordergrund. Er hat eine gute menschliche Seite. Natürlich muss er nach Leistung aufstellen. Aber den Job haben wir uns selbst ausgesucht.

          Wird Ihre Verletzung Sie verändern?

          Das weiß ich noch gar nicht. Ich habe jetzt natürlich einen gewissen Abstand zum Fußball, weil ich nicht täglich im Training bin. Ich habe auch nicht so viel Fußball geschaut. In den ersten Wochen habe ich versucht, gelassener zu sein. Man hat nicht diesen täglichen Druck, diese Anspannung. Ein anderer Mensch werde ich nicht. Ich weiß zu schätzen, wie es ist, wenn man nicht eingeschränkt ist und keine Hilfe benötigt. Wenn man einfach nur Fußball spielen darf.

          Ist das eine große Umstellung, diesen täglichen Druck des Funktionierenmüssens aktuell nicht zu spüren?

          Jetzt kann man vielleicht mal herunterschalten. Beziehungsweise man muss es auch. Ich hatte ja gar keine andere Wahl. Ich war auch auf Hilfe angewiesen. Zur Weihnachtszeit hätte ich liebend gerne den üblichen Trainingsplan abgearbeitet. Gesund zu sein ist etwas Besonderes. Ich weiß das zu schätzen.

          Sie sagten vor ein paar Wochen, vielleicht noch in dieser Saison auf den Platz zurückkehren zu wollen. Ist das ein realistisches Ziel?

          Ich bin heute noch gar nicht so weit, daran zu denken. Das Allerwichtigste ist, dass ich wieder gesund werde. Ich bin dankbar und glücklich, dass mich Professor Dr. Reinhard Hoffmann in der BGU in Frankfurt so gut operiert hat. Die Kontrolluntersuchung in der vergangenen Woche hat ergeben, dass alles super aussieht. Dass der Heilungsprozess bisher optimal verlaufen ist. Ich muss mir jetzt kleinere Ziele setzen. Mit der großen Prognose, ob ich dann in dieser Saison noch einmal mittrainieren oder vielleicht auch spielen kann, tue ich mich schwer. Wenn ich aber sehe, dass es möglich wäre, wäre das für mich das absolute Ziel.

          Mussten Sie lernen, geduldig zu sein?

          O ja! Ich bin grundsätzlich eher ungeduldig. Das ist mein Naturell. Ein bisschen besser ist es geworden.

          Wie sind Sie damit umgegangen, von einer Sekunde auf die andere aus Ihrem Berufsleben herausgerissen worden zu sein?

          Ich habe mir gar keine Gedanken gemacht, wie ich damit umgegangen bin. Es war eine schwierige und harte Zeit. Die Tage nach der Operation waren schmerzhaft und unangenehm. Ich hatte eine super Unterstützung – vor allem von meiner Frau. Ich konnte die Dinge nicht ändern und bin sehr positiv und optimistisch an die ganze Sache herangegangen. Das war vielleicht auch wichtig und ausschlaggebend, dass es bisher so positiv verlaufen ist. Aber das ist erst der Anfang. Ich bin jetzt in der achten Verletzungswoche.

          In welchem Stadium der Reha sind Sie?

          Im Moment arbeiten wir an der Beugung. Da bin ich aktuell bei 80 Grad, das ist sehr gut. Sechs Wochen gab es eine Ruhigstellung, da waren es maximal 60 Grad. Natürlich hat die Muskulatur gelitten. Ich habe kaum noch Beinmuskulatur. Deshalb wird das jetzt wieder alles aufgeholt. Narben- und Kniemobilisation stehen im Moment auf dem Programm.

          Ihre Frau ist Physiotherapeutin. Ist sie an der Therapie beteiligt?

          Nein, unmittelbar nicht. Die eine oder andere Therapie habe ich von ihr zusätzlich bekommen. Sie ist vom Fach. Sie weiß, was ich machen muss, und gibt mir gute Ratschläge. Der ganze Optimismus und die positive Art meiner Frau haben mich motiviert.

          Ihr Mitspieler Slobodan Medojevic kam in dem Zweikampf mit Ihnen glimpflich davon. Haben Sie sich darüber Gedanken gemacht, warum es Sie so hart getroffen hat?

          Daran habe ich keinen Gedanken verschwendet. Ein Stück weit ist das Berufsrisiko.

          Wie weit sind die sportlichen Probleme der Eintracht für Sie aktuell entfernt? Beim Heimspiel gegen Wolfsburg waren Sie zum ersten Mal wieder im Stadion.

          Durch den Sieg über Wolfsburg bin ich sehr positiv gestimmt. Er war sehr wichtig. Wir wissen aber auch, dass noch sehr viele Spiele kommen werden, in denen wir Punkte holen müssen, um den Klassenverbleib zu schaffen. Die Tabelle ist wahnsinnig eng.

          Brauchen Sie Abstand, um sich auf Ihre Genesung konzentrieren zu können?

          Grundsätzlich muss ich mich auf mich selbst konzentrieren, weil ich an jedem Tag in der Reha vorankommen will. Am Wochenende ist es dann eine gute Abwechslung, bei den Kollegen zuzuschauen. Dadurch, dass wir viel Kontakt haben, bekomme ich auch mit, was unter der Woche alles passiert.

          Wie sehr durften Ihre Mitspieler Ihre Verletzung an sich heranlassen?

          Jeder hatte schon Verletzungen, der eine mehr, der andere weniger. Die Jungs wissen, wie sie damit umzugehen haben. Das gehört auch zur Professionalität, damit umzugehen.

          Haben Sie aktuell von außen eine andere Sicht der Dinge auf die sportlichen Probleme der Eintracht? Vielleicht einen klareren Blick? Sie stecken ja nicht im täglichen Prozess mit drin.

          Nicht wirklich. Ich bin ja trotzdem Teil der Mannschaft und fiebere mit. Außerdem haben wir dafür ja unser Trainerteam. Armin Veh macht sich täglich viele Gedanken. Wir Spieler müssen schauen, dass wir fit sind und uns gut ergänzen. Für das Drumherum ist das Trainerteam verantwortlich.

          Wie nahe geht Ihnen der Abstiegskampf der Mannschaft?

          Mir ist es ganz wichtig, dass wir die Saison positiv gestalten und positiv zu Ende bringen. Ich bin in meiner Karriere bisher noch nie abgestiegen. Dabei soll es bleiben.

          Die Eintracht will Ihnen über diese Saison hinaus einen neuen Vertrag geben. Ist das in Ihrem Sinne?

          Ich kann mir sehr gut vorstellen, bei der Eintracht zu bleiben. Ich fühle mich hier sehr wohl. Mein Berater und Sportdirektor Bruno Hübner werden sich zusammensetzen.

          Wie wird es sich für Sie anfühlen, wenn Sie den Ball zum ersten Mal wieder am Fuß haben?

          Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Wobei. Quatsch. Das stimmt nicht. Ich muss mich korrigieren.

          Bitte!

          Um das linke Bein, das verletzte, zu stabilisieren, hatte ich den Ball in der Reha im Stand schon am rechten Fuß. Natürlich ganz vorsichtig. Aber es war ganz gut (schmunzelt).

          Das Gespräch führte Jörg Daniels.

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