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Einfordern entzogener Kunst : Geraubte Bilder in anderen Museen

Das Frankfurter Städel steht vor der Frage, ob es zu Zeiten des „Dritten Reichs“ entzogene Gemälde zurückfordern soll. Das jüdische Museum könnte damit viel Unbehagen säen.

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          Bilder aus dem Frankfurter Städel, die während der Nazi-Zeit als „entartete Kunst“ beschlagnahmt wurden, befinden sich heute noch in anderen deutschen Museen. Das hat Nikolaus Schweickart, der Vorsitzende der Städel-Administration, bei einer von den Freunden und Förderern des Jüdischen Museums organisierten Diskussionsveranstaltung über Raubkunst im Casino der Frankfurter Stadtwerke berichtet.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dem Kunstinstitut stellt sich nach den Worten des Administrators die Frage, ob es zumindest die in den Besitz anderer deutscher Museen gelangten Werke zurückfordern solle. „Eröffnen wir jetzt gegen andere Museen den Krieg?“, fragte Schweickart. Er rechne damit, dass es in diesem Fall zu heftigen Reaktionen der betroffenen Häuser käme.

          700 Werke geraubt

          Städel-Direktor Max Hollein sagte auf Anfrage, es gebe von seinem Museum keinerlei Initiative in dieser Richtung. Er halte es nicht für opportun, das Thema Raubkunst, also die unrechtmäßige Enteignung von verfolgten jüdischen Bürgern, mit dem Thema „entartete Kunst“ und den damit einhergegangenen Verlusten der Museen in Verbindung zu bringen. „Das sind zwei sehr unterschiedliche Frage- und Handlungskomplexe“, sagte Hollein. Allerdings denkt das Städel laut Schweickart über eine Rückgabeforderung nach, sollte sich in der beschlagnahmten Sammlung von Cornelius Gurlitt ein dem Städel damals entwendetes Bild befinden.

          Von 33 der damals entzogenen 80 Gemälden weiß das Städel Schweickart zufolge, wo sie sich befinden, nämlich unter anderem in Museen in Düsseldorf, Hannover, München und Berlin, darüber hinaus auch in ausländischen Sammlungen etwa in der Schweiz und in den Vereinigten Staaten. Insgesamt seien dem Städel damals bei der Säuberung von „entarteter Kunst“ knapp 700 Werke entzogen worden, 600 Bilder aus der graphischen Sammlung und 80 Gemälde.

          Städel Opfer und Täter

          Unter anderem ist dem Städel seinerzeit Max Beckmanns „Selbstbildnis mit Quappi“, auch bekannt unter dem Titel „Karneval“, entwendet worden. Das Werk sei beim Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, dessen Sammlung jüngst eine heftige Debatte über die Rückgabe von Raubkunst ausgelöst hat, gelandet, gab Schweickart an. Dieser habe es nach dem Krieg an das Kunstmuseum Düsseldorf verkauft. Als das Städel das Bild in den fünfziger Jahren zurückgefordert habe, hätten die Düsseldorfer dies mit der Begründung, sie hätten das Werk regulär gekauft, abgelehnt. Es befindet sich immer noch im Besitz des Düsseldorfer Museums, das heute Museum Kunst Palast heißt.

          Das Städel sei im „Dritten Reich“ sowohl Täter als auch Opfer gewesen, sagte Schweickart. Es habe Raubkunst aus jüdischen Sammlungen in seine Bestände aufgenommen, ihm seien aber auch von den damaligen Machthabern Kunstwerke, die als „entartet“ gegolten hätten, weggenommen worden. Zu unrechtmäßig erworbenen Kunstwerken hätten die Museumsleitung und die Administration eine eindeutige Haltung: Das Städel wolle keine Raubkunst in seinen Beständen. Man habe schon zahlreiche Raubkunst-Bilder an die rechtmäßigen Erben zurückgegeben und fragliche Bestände im Haus auf ihre Herkunft untersuchen lassen.

          Ein stummer Konsens der Museen

          Der Historiker Julius Schoeps, dessen Familie im „Dritten Reich“ selbst von Kunstraub betroffen war, bezeichnete es als äußerst schwierig für ein Museum wie das Städel, Ansprüche auf damals entwendete Kunstwerke durchzusetzen. Die Gesetzeslage sei kompliziert und stehe gegen Rückforderungen. Er verwies darauf, dass auch die DDR Bilder aus Museen entwendet und ins Ausland verkauft habe, um Devisen zu bekommen. CDU und SPD hätten in ihrem Koalitionsvertrag angekündigt,das Thema Rückgabe anzugehen.

          Die Frage nach einer Rückgabe von damals entwendeten Kunstwerken stelle sich vielen Museen in Deutschland, stellte der Kunstkritiker Stefan Koldehoff, einer der besten Kenner der Materie, in der Diskussion in Frankfurt fest. Bisher habe es einen unausgesprochenen Konsens unter den Häusern gegeben, das Thema nicht anzurühren und alles zu lassen, wie es sei. Koldehoff rechnet mit einem „Tohuwabohu“, sollten die Museen jetzt damit beginnen, Werke aus ihrem Besitz, die als „entartete Kunst“ während des „Dritten Reichs“ beschlagnahmt wurden, von anderen Museen zurückzufordern.

          Verlange ein Museum wie das Städel gegenüber anderen Häusern die Rückgabe entwendeter Kunstwerke, müsse es damit rechnen, von ihnen keine Bilder mehr für Ausstellungen geliehen zu bekommen, warnte der Kunstkritiker. Das Thema sei jedoch hoch spannend, man solle eine Debatte darüber führen.

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